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Niels tröstete sie. „Wein' nicht, mein Deern. Weißt btt, ich halte gräßlich viel von dir. Ich will an Jan schreiben oder zu ihm gehen. . . . Ich das muß ich; das ist Menschenpflicht!"
„Niels, nein, bitte, Niels, tu es nicht."
Um ihren kleinen Mund lag wieder der rührende Zug, dem er schon als Junge nicht hatte widerstehen können. Ihre Unterlippe zitterte. „Warte noch ein bißchen," fuhr sie fort, „nur noch ein paar Wochen." Ein Hustenanfall unterbrach sie.
„Na ja, reg' dich man nicht aus, ein paar Wochen warte ich schon."
Der Husten hatte aufgehört. Tine wischte sich mit einem weißen Tuch die Lippen ab. Sie beugte sich ein wenig KU Niels herüber, als ob sie ihm ein liebliches Geheimnis anvertrauen wollte. „Es dauert nicht mehr lange," flüsterte sie, „ich spucke schon Blut."
Niels sah sie mit kläglichem Blick cm. Leise fuhr sie fort. „Höchstens sechs Wochen noch — nicht wahr, du wartest so" lange? Ehe ich sterbe, kannst du ihn rufen."
Ihre Augen leuchteten in ihrem alten Glanze, wie verklärt sah sie aus.
Niels wandte den Kopf zur Seite und suchte fein rotbaumwollenes Taschentuch hervor. Er mußte seine Nase putzen und sich die Augen auSwischen. Es dauerte eine kleine Weile, ehe er antworten konnte.
„Du kannst ganz ruhig sein, Tine," sagte er dann, „ich will warten, bis du es mir sagst."
Tine drückte ihm still die Hand. Dann vertieften sie sich in Kindheitserinnerungen.
„Weißt du noch, wie ich einmal eine kleine Schwalbe gefunden hatte?"
„Ja, und weißt du noch, wie wir zum Schwabstedter Jahrmarkt gingen? Wir kauften uns Sirnpkuchen und Schmoral und Kirschen und aßen alles durcheinander; es schmeckte uns gräßlich fein."
„Weißt du noch, wie deine Ode uns die Karten legte? Du standest dabei mit den Händen in den Hosentaschen, ich lag mit beiden Armen auf dein Tisch; wir waren noch die reinen Kinder. Lebt Ode noch?"
„Ja, sie lebt noch. Sie geht aber nicht mehr aus. Sie ist bald neunzig."
„Dann legt sie wohl auch keine Karten mehr?"
„Schon lange nicht. Die Bilder gingen ihr ja durcheinander."
„Weißt du, Mels, jetzt sehe ich's ein. Es war nicht ratsam, daß ich mir so oft die Karten legen ließ; ich hatte mich rein darin verbohrt."
„Das mußtest bu nicht. Sieh mal, mir hat sie sie ja auch manchmal gelegt, aber hinterher habe ich immer alles bald wieder vergessest."
Niels erzählte noch ein weiteres von der Großmutter. Wje sie in ihrem großen, weichen Lehnstuhl am Fenster zufrieden und behaglich faße und hinaus auf den Deichweg blicke, wie fie sich jedesmal freue, wenn ein Mensch vorbei- käme. ILie fi« noch so gern erzähle, und wie gut ihr das Essen schmecke.
Nur eines erzählte er nicht: daß er einst vor Jahren, als die Großmutter ihm von Tine Erzählt hatte, daß er damals vor die Alte hingetreten war und geschrien hatte: „Wenn du und deine verdammten Karten nicht gewesen wären, dann.'wäre Tine Klasen heut meine Frau."
Nein, das erzählte er nicht. Er erzählte auch nicht, daß er damals der Alten die Karten aus der Hand gerissen und in den Ofen geworfen hatte. Dies alles behielt er für sich.
„Ja, Tine, das Kartenlegen ist vorbei."
Sie waren schon wieder in dein Reiche der Kindheit.
„Weißt du noch, Tine, damals, wie wir den Hühnern den ©tuten hinwarfen, den deine Mutter für das Trinkgeld von Mamsell Goos gelaust hatte?"
„Ja, du lagst bis zum Leib aus dem Küchenfenster heraus und warfst ihnen die Krumen hin."
„Und du zerkrümeltest alles. Und nachher hatten wir Angst, daß die Hühner krank waren, als sie so still und satt auf der Stange saßen. Wir wagten gar nichts zu sagen, als deine Mutter nach deut b. hexten Stuten suchte."
„Ja, ich konnte die ganze Nacht nicht davor schlafen. Nock lange Zeit nachher, wenn die Hühner so wenig Eier legten, dachte ich, sie wären behext. Ja, wir waren dumm."
„Gräßlich dumm waren wir."
„Du, Niels, hast du mal was von ihr gehört, von Anndortjen?" Tine scheute sich, Mutter zu sagen.
„Ja, sie soll nicht gut auf dich zu sprechen feilt und auf Jan auch nicht. Auf Spätinghof soll sie gar nicht mehr kommen."
„Ihr geht es gewiß gut."
„Ja, ihr geht es gut. Ihren Kvam hat sie in Schuß/« „Sie war sehr tüchtig," sagte Tine mit leisem Seufzer, „Gräßlich tüchtig," bestätigte Niels.
„Was machen ihre Kinder?"
„Deine beiden Schwestern? Ja, die sind anders <M du. Sie sind ja noch jung, aber die ziehen auf jeden Markt in fünf Meilen die Runde; das sind ein paar wildö Vögel."
Tine schwieg stille, sie dachte über manches nach.
Niels erhob sich. „Ich muh nun gehen. Du kannst glauben, ich habe mich gräßlich gefreut, daß ich dich mal wieder gesehen hab."
„Bleib doch zum Essen, Niels, es gibt dicke Eierpfannkuchen !"
„Das glaub' ich gern," sagte Niels seufzend, „das hab' ich schon vorhin gerochen. Nein, nein, mein Deern," fuhr er fort, denn er sah, wie die Unterhaltung sie angegriffen! hatte, „in Harbekshos warten sie mit dem 'Mittag auf mich. Aber ich komme bald wieder, so ost ich man kann."
„Das tu, Niels, wer weiß wie lange noch. Adjö, mein guter Niels."
„Adjö, mein' Deern, bleib' sitzen."
Janne hörte Niels fortgehen und kam flink herein. „Hatte er gar nichts an mich zu bestellen, gar nichts?"
Tine lächelte. „Nein, mein Kind."
„Und du kanntest ihn von früher, Muttchen?"
„Ja, Kind, er war mein bester Freund. An den sollst du dich mal halten — später — wenn" —
*
Als Niels ans Harbeshof ankam, hatte man schon zu Mittag gegessen. Die Fran ging selbst in die Küche und briet ihm einen großen Teller Volt Rollen und Kartoffeln und brachte eingemachte Rotebeste dazu.
„Nun, hast du die Frau gesehen, wie war sie? '
„Alles in Ordnung," sagte Niels. „Ich kenne ihre Mutter von früher her, die ist so vernünftig wie untere Frau und ich. Sie ist bloß nicht recht gesund; ich flüuibe, sie hat die Schwindsucht. Lange wird sie es wohl nicht mehr machen."
„Was du sagst!" . ....
„Ja, ja, ick kenne ihre ganze Familie, das w eure respektable Familie, und — na, ich glaube, die kleine Deern braucht nicht lange mehr nähen zn gehen. Die wird noch mal eine feine Partie."
„Niels, glaubst du das wirklich?"
„Was ich sage, ist ein Wort."
„Na, denn mag Mars sie in Gottes Namen freien; ich hab' nichts mehr dagegen. Bloß warten müssen sie noch. Die Deern muß doch noch ein bißchen umlernen."
Niels wollte aus der Stube gehen, da rief ihn Frau Harbek zurück. „Du Niels, hör' mal, was sagte sie zu der Bestellung?"
Stiels schlug sich vor den Kopf. „Die habe ich ganz und gar vergessen."
(Fortschung folgt.)
Bilder aus Siebenbürgen.
Von Leo Greiner.
Die Zigeuner.
Der Romantismus betrachtete die Zigeuner als ein tragisches Volk: ihre Ruhelosigkeit und Zersplitterung über fast alle Länder Europas, das Geheimnis, das ihren Ursprung umwitterte, tue Unbekanntheit des Lebeus, das sie untereinander führen .und von dem sie dem Fremden kaum die äußere, gewissermaßen nur die dekorative Leite zeigen, das scheinbar Nächtliche und Undestmew bare ihres Daseins schien sic mehr als andere Völker uninittclbar und in fremdartiger Weise mit den Sternen und deni Schmim zu verknüpfen und umhauchte sie mit einer dunkeln .tragischen Atmosphäre: es schien, als sei dies Volk um irgend eilt. Wtssen reicher, als verbände eine geheimnisvolle Parole alle Mttgneoer dieser über vieler Herren Länder versprengten Gemeinde, als have sie Kräfte und Wissenschasten von unerhörter Art, die fte Ww leicht am Anfang der Tage um den Preis jener Verbrechen erkamr, die sie nun als Erbschuld unaufhörlich von Ort. zu Ort Mio von Land zu Lande jagen. Ihre vermeintliche Abstammung von


