Samstag den 2. Januar
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Maria Hendrina von Goch.
Novelle von Luise Schulze-Brück.
(Nachdruck verboten.)
I.
Ter Rhein ging mit Treibeis. Es waren noch keine schweren Schollen. Sie sahen aus. als seien sie von dem Eisrande abgc- bröckelt, der sich breit am Ufer hinzog, glasgrün, mit etwas Schnee bedeckt. Auch oer Muß war grasgrün, er strömte stark, mit kleinen weißen Schaumköysen auf den Wellen, zwischen denen sich die Eisschollen rasch vorwärts drängten. Wenn sie zusammen- stießen, gab es ein Knistern und Knattern, nicht stark, aber durchdringend.
Dee Himmel hing schwer, grau und niedrig über den beschneiten Bergen, das Braun der Felsen und der weiße Scynee ftndpmt scharf ab gegen den „rüttelt Flust.
Es war wunderlich still auf dein Rhein. Seit dem Tage vor Weihnachten hatten die meisten Schiffe ihre Fahrten eingestellt und den schützenden Hafen aufgesucht. Ohnehin fuhren sie sa nicht Wer die Feiertage, sie hielten Rast ergendwo, geschmückt mit einem weihnachtlichen Tannenüanm, der hoch aus dem Maste steckte oder vorn am Schiffsschnabel, mit allerhand buntem Kram behängt, mit Fähnchen und Bändern verziert.
Nun, nach den Feiertagen, schien es, als ob der Rhein wirklich „zugehen" wollte. Das Treibeis hatte sich schon einmal an der Lorelei gestellt, an fener schmälsten Stelle, wo im Sommer die fretnden Reisenden auf den Personenschiffen sich zusammendrängen, den berühtnten Fels unstarren und auf das ebenso berührte Echo warten, das ein Böllerschuß aufweckt.
In den Dörfern am User schlenderten die „Schifsischen" am Wasser auf und ab. Sie „dischkerierten", ob und wann das Eis sich stellen werde, wann der Rhein zum letztenmal zugegangen sei, und wie lange eS damals gedauert habe. Und die Kinder rannten voller Freude herum, weil man nun bald auf dem Eise ans andere Ufer konnte und es Eisbahn gab.
„M," sagte ein Schäffer in weiten Lederhoscn, mit einem wie braun gegerbten Gesicht, indem er die kurze Pfeife in den anderen Mundwinkel schob, und es fertig brachte, dazwischen auszuspucken, „nä, er geht noch nit zu! Der letzt' Gutsahr is Noch net vorbei!"
Tic Männer, die zusammenstanden, lachten. Es war eine ausgemachte Sache, daß es immer „ein Gutjahr", ein Dampfer der Reederei Louis Gutjahr in Mannheim sein nutzte, der noch 0u allerletzt, knapp, ehe sich das Eis stellte und schloß, mit seinen Anhängeschiffen den Rhein hinauf schleppte, wie er auch Jyifön- der erste war, der stolz hinunterfuhr, fast mit den letzten Eisschiollen, die abtrieben, wenn der Eisgang vorbei war.
„M," wiederholte er, „er geht noch nit zu."
Aber einer von den anderen hob langsam die Hand und Deutete stromab. Hinter der Biegung, die der Rhein da machte, stieg schwarzer Rauch auf, eine Säule, die sich vorwärts bewegte. — „Dä Gutjahr."
Da kam er herauf. Schnaubend und keuchend. Der große
Dampfer schien wie ein lebendes Riesenwesen, das schwer arbeitend stromauf kämpfte, Zoll für Zoll sich vorwärts bringend. EL hatte vier gewaltige Kähne im „Anhang", die er noch vor dem Eise stromauf brachte, lind da er der einzige war auf dem verlassenen Strom und sich doppelt scharf abhob gegen die schneebedeckten Berge, sah es majestätisch und gewaltig aus, als er so langsam Hinanffuhr. Die Eisschollen brachen sich mit Knacken und Knistern an den Schiskswänden, das Wasser wühlte sich gewaltig auf, schwere Wellen rollten an den Sirand und warfen Eisstücke hinauf, den Männern am Ufer zwischen die Füße.
Sie standen und fthauicit, unbeivußt ergriffe» twu dem Anblick.
Langsam schob sich der lauge Schiffszng aufwärts. Die An- Hängeschiffe nmen von der größten Sorte, gewaltige Kerle, schmuck gehalten, mit lebhaftem Anstrich. - - „Maria Hendrina von Goch", das leuchtete mit großen Goldbuchstaben vom Rand des größten und schmucksten, und darunter der Name der Eigentümer: (Gebrüder ton Endert. Die große Kajüte war bleno.nd weiß gestrichen, die vier Fenster blitzten spiegelblank, man konnte säst das Muster der gehäkelten weißen Vorhänge erkennen, allerhand Kupferknöpse blinkten, und das Wasserfaß stand grasgrün auf einem grellweißen Ständer vor der Kvjütentur.
„Donnerwetter! Der Enoert hat feine W-.iüslrnt gar bei sich," sagte der, der eben den „Gutjahr" gesehen hatte.
Die airderen schauten neugierig hinüber. Bor der Kajütentür! stand eine Fran oder ein Mädchen. Groß und voll, starkes, blondes Haar war am Hinterkopj zu einem dicken Knoten zusammengenestelt, — bis zu den Männern am Ufer konnte mack erkennen, daß sie rot und weiß war mit blendenden Farben.
Der mit der Pfeife spuckte anerkennend aus. „Die Hendrina i Wie nor der schrooe Kerl zu so cre schöne Dochirr fimmt!"
„Sie gleicht seiner Fraa( Die war's schönste Mädche in Meenz (Mainz). Nor not so stramm war die! Dünner, spierzigcr!, Geld hot se aach gehott! Un net zu wenig. Wenn die Hendrina entöl heirat', dann muß der Alte erausrücke mit ihr'm Mutterdeil."
„Das wird'm hart ankomme."
Die „Maria Hendrina" war vorüber. Neben dem MädcheN stand jetzt ein junger Mensch.
„Der Beert! No, der kamt sich freue. Ae Fahrt mit LV rite BäAche!"
„Wiffe möchi' ich awwer doch, warum der Endert die He»- drtna mitnimmt uss'n Winderdag. Er hüt ft doch fonscht wie ä vcrgrawene Schatz. Er sperrt se doch in mit der aide Bas' und läßt se net enaus."
„Der weeß schun, was er but! Slo e Fuchs, so e Nennmalschlauer. Die Niederrheiner, die hawwe's jo all in sich! Awwer dä Endert, dä is ärger wie siwwe mal siwwe von denne!" —
„Se Beert is,alach ä staatftr Kerl. Daß dem's Herz net bubbert, wann er mit so'me Mädche zcfamme is."
„Weeß merfch bann?"
Sie stießen sich mit den Ellenbogen in die Seite und lachten.
„Die könnt's nach noch alde Kerle wie uns unner der West warm mache, gell!"


