Ausgabe 
1.12.1909
 
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Darm ging es eine Welle ganz 'gut. Seine Erzieherin, eure deutsche Baronin, erzählte ihm wahrend seiner Malerarbeit schöne Märchen und ab und zu sagten wir ihm, das; wir alles seinem Papa, dem Kronprinzen, erzählen würden, wenn er wieder unartig werden würde. Während ich,sv arbeitete, wurde ich plötzlich, durch einen Schreckensruf der Baronin aufgestört. Ich sehe mich rasch um: da, steht der junge Prinz mit einem ganz voll Farbe geschmierten Gesicht; neben blauen Und grünen Flecken leuchtet ein dicker Streifen Zinnober quer über der Nase. Der Junge hatte sich die nassen Pinsel zum 'Spaß auf dem Gesicht abgewischt. Die Erzieherin war in Angst, denn die Kronprinzessin konnte jeden Augenblick eintreten und ihren Sohn in diesem Aus­züge sehen. Da nahm ich ein in Terpentin getauchtes Tuch und versuchte die Farben abzureiben. Doch der kleine Herr lies; nicht so mit sich umgehen. Mich traf ein tüchtiger Schlag der winzigen Faust, Fußtritte folgten und ein so kräftiges durchdringendes Geheul brach los, daß ich Angst Hatte, das ganze Palais würde zusammenlanfen. Ich mußte wohl mit dem Terpentin in eine kleine Wunde gekommen sein, was natürlich recht schmerzhaft war. Nun aber war alles aus; der Prinz war, als er das nächstemal wieder kam, ungebärdiger als je zuvor, und so ist denn das Bild, das schließlich herauskam, nichts weniger als ähnlich ge­worden." ... In Frith's Hans hing ein Selbstporträt, das er mit 17 Jähren gemalt und von beim er eine interes­sante Geschichte erzählte.Das Bild wurde mir gestohlen, obgleich es gar nichts werk war; nach vielen Jahren ent­deckte ich res zufällig bei einem Antiquitätenhändler wieder !nnd wollte das Bild, das ich vor 45 Jahren gemalt, wieder kaufen.Oh," sagte die Frau, die mich bediente,das -ist das Porträt des berühmten Malers Frith. Haben Sie den Mauren schon mal gehört?"Gewiß", war meine Ant­wort,aber das muß doch ein viel älterer Mann sein?" Freilich, aber damals war er jung, und das Bild ist jetzt besonders wertvoll, denn, der arme Kerl ist tot. Wissen Sie das?" Ich antwortete ernsthaft, daß ich das nicht wüßte, und habe niemals ein wahreres Wort gesagt.Ja, ja" fuhr sie fort,er hat sich zu Tode getrunken. Mein Mann war bei dem Begräbnis. . Schließlich kaufte ich das Bild; bt§ Frau machte ein höchst erstauntes Gesicht, äls sie den Namen unter dem Scheck las."

* Der gegenwärtige Stand der Funken- telegra'phie. Als Marconi im Jahre 1896 mit seiner Erfindung der drahtlosen Telegraphie vor die Oeffcntlichkcit trat, hielten überschwängliche Sanguiniker das letzte Stündlein. de§ bisherigen Telegraphensystems, besonders aber der Unter­seekabel, für gekommen. Wie sehr dies trotz der außerordent­lichen Tragweite der Erfindung den Tatsachen vorauseilte, beweist die von dem Deutschen Ncichspostamt mitgeteilte Statistik der dem öffentlichen Verkehr dienenden Funkcn- stationen. Man zählt ihrer zurzeit in ganz Europa 66, in Amerika 103, in Afrika 8, in Asien 10 und in Australien 7, von denen sich keine auf dem australischen Festlande, da­gegen 6 auf den Sandwichinseln und eine auf den Marianen befinden. In Asien nimmt Japan wegen seiner insularen Lage mit 5 Stationen die erste Stelle ein, während sich in Afrika sämtliche Stationen in englischen Kolonie!? oder Ländern befinden, wo England das Protektorat ausübt, und sich einen unkontrollierbaren Nachrichtendienst geschaffen_ hat. In Amerika marschieren selbstverständlich die Vereinigten Staaten mit 48 Stationen, denen noch weitere 10 auf Cuba, Portorico und in Panama zuzurechnen sind, an der Spitze, während gleich darauf Canada mit 25 folgt. In Europa besitzt Marconis Vaterland Italien die meisten, nämlich 19 Stationen, während Großbritannien über 17 und Deutsch­land über 15 verfügen. Rußland, das dem Verkehr in der Lust gründlich abhold zu sein scheint und folgerichtig auch den kürzlich gegründeten Lustschifferverein unter die Aufsicht dec Geheimpolizei gestellt hat, ist überhaupt nicht vertreten und wird also selbst von dem Fürsten von Montenegro über­troffen, der für den Verkehr mit seiner gekrönten Tochter in Nom eine auch dem öffentlichen Nachrichtendienst offenstehende

Station in Anti vari geschaffen hat. Im ganzen arbeiten 70 Stationen nach dem System Marconi und 63 nach dem deutschen System Telefunken, während sich der Nest anderer Systeme bedient.

* Eine S ch ule des s ch l e ch t e n G c s ch m a ck s. Man schreibt uns aus Mailand: Durch das Stuttgarter Bei­spiel angeregt, hat sich hier ein Ausschuß gebildet und eine Ausstellungdes schlechten Geschmacks" eröffnet, die wieder einmal vor Augen führt, was hierzulande noch auf diesem Gebiete geleistet wird. Denn wo gäbe es in Italien, das die Einfachheit der modernen nordischen Stilarten nicht kennt, ein Bürgerhaus, in dem man nicht mindestens ein Dutzend der Herrlichkeiten finden könnte, die in der Ausstellung als ganz besondere Leistungen-des leider noch immer herrschenden Geschmacks gezeigt !verden. Da stehen am Pranger: Tapeten mit sentimentalen Theaterszenen, die sich immer auss neue wiederholen, überladen, Kamine, die unter einer Last von schauderhaften Nippsachen zusammenbrechen, Gipsrahmen, deren strotzendes Gold selbst dieLeuchtkraft" der Farben­drucke, die es umschließt, überschreit, Gemälde aus Frauen­haaren oder auL Briefmarken, Statuen aus bemallem Zucker, Schlösser ans Schokolade, Monumente aus altem Brod. Be­sonders fallen auf: ein Berg aus Wachsstreichhölzern, ein Grabmonument aus blendendem Marmor, auf dem die gesichts- getreu nachgebildete Witive dem eben sterbenden Gatten ihr von einem Pfeil durchbohrtes Herz darbringt. Lille Größen Italiens, von Mazzini bis Pius X., können in Gestalt von Flaschen, Eierbechern, Tintenfässern, Schnapsgläsern bewundert werden. Der 1. Preis der Ausstellung wird aber bestimmt einem Gemälde zufallen, das ein Künstler G. Gaddi aus Florenz mit heißem Bemühen aus Zündholzschachteln zurechtgeschustert hat.

* Der Tarif des Heiratsvermittlers. Allerlei

Werkwürdig« Einblicke in die Werkstatt der großen Londoner Heiratsverinittlnngsbiircaiis gibt ein interessanter. Aufsatz einer englischen Wochenschrift; eine Anzahl solcher Heiratsinstitute unter« hält regelmäßig eine Armee tüchtiger und verschwiegener Detek­tivs, die fick mir damit beschäftigen, die Lebensweise, die Lebens- ansprüche, Gewohnheiten und Berhälrnisse von Junggesellen me- thodisch zu beobachten, um dann den Betreffenden, selvstver-- ständliÄ gegen angemessene Entschädigung, die passende Lebens­gefährtin ziiznführen. Diese Bureaus, die in ihrem Betriebe durchaus ernst zu .nehmen sind, haben.bestimmte Taxen, so muß der Junggeselle für die Bekanntschaft mit einer 'n-ante, die über 1000* Alk. Rente verfügt, 21 Mi. bezahlen. Je nach Höhe der Rente steigt die Gebühr für Vermittlung der Bekannt- schäft. Bei 3000 Ml. Rente beträgt die Gebühr 44 Mit, bei bet 4000 64, bei 8000 84, bei 12000 210, bei 16 000 320, bet 20 000 510, bei 40 000 1080 Mk. und für 100 000 ReM ent­sprechend mehr. Bei diesen Ehesehließrmgen Mrd die Liebe natür­lich nicht bewertet, aber da viele praktisch denkende wauren solche Vermittlung nickst verschmähe»,haben schon viele Männer auf diese wenig gefühlsmässige Weise kluge., tüchtige Lebensgüähr-- tinne» gefunden und die Zahl der gestifteten glücklichen Ehen ist überraschend hoch.

* Merkwürdig.Was fehlt denn dem Meyer? Er hat ja ein ganz zerschundenes Gesicht?"Der hat einen neuen Sicherheits-Rasierapparat erfunden."

Bilderrütssl.

ßtattin

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des ArithmogriHs in voriger Nummer: Grog Eger Dber Rebe Georg Eber Beere Eros Rosegger Sego;

Georg Ebers,

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Giehew