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Ser feüte blasse Mund wurde feucht rot über bem Schmelz der Zähne. Ihr heiseres, gedecktes Organ, überanstrengt vom vielen Telephonieren, flüsterte nur; ihre schmalen Hände brannten immer in den inneren Flächen, es war Mut dahinter.
Wo war oft angegriffen und litt an Kopfschmerzen; Doktor Müller nahm sich ihrer besonders an und schrieb ihr Rezepte. Im vergangenen Herbst hatte er sie oft noch abends spät spazieren geführt.
„Es ist wirtlich rührend von ihm," pflegte die Rätin tzN sagen. „Statt mit seinen Kollegen .beim Skat zu sitzen, läuft er da mit der hageren Person im Tiergarten herum, nur damit sie an der Luft kommt. Es gibt doch! noch gute Menschen!" Beinah hätte sie sich deswegen mit Sehmolke erzürnt, der siel in einen ganz merkwürdig lang- jgezogenen Don: „So — o, finden Sie das so gn — u — t, Verehrte Geheimrätin?!"
Nein, es war entschieden sehr nett vom Doktor! So ein anständiger, junger Mann! Er bezahlte die Pension pünktlich; kniff nie das Dienstmädchen in den Arm oder raunte ihm abends beim Nachhansekommen allerhand Scherze in die Ohren. Solche Herren hatte Fran Rätin auch schon gehabt; bis in die Berliner Stube war das Unterdrückte Jauchzen der Magd gedrungen. Und an- geheitert kant er auch nie heim. Schade, das;, er keine Partie war!
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In der Oper gab man „Tristan und Isolde". Das große Haus war besetzt in allen Rängen, gefüllt bis zum letzten Platz.
Es war schon spät, der erste Akt vorüber. Aus der Bühne Dämmerung, märchenhaft durchflossen von bläulichem Mondlicht — auf der Bank das Liebespaar in sündigem Vergessen. Und jetzt Brauaänes Warnungsruf!
Sie hören nichts, sie fiebern sich entgegen, die Nachtigall lockt int Gebüsch — da wieder der Ruf der Hüterin, lauter, eindringlicher — sie liegen sicb in den Armen, sie pressen Mund auf Mund! In den Zweigen ängstliches Geflatter, in den Banmwipfeln zitternde Strahlen. Schmelzende Töne der Stift in der Nacht, Töne der Klage; aber die Lust ist stärker.
Ist das eilt Gewoge int Orchester, ein Geschwirr, ein Vibrieren, eine aufregende Folge von Harmonien und Disharmonien dazwischen, alles überragend, eine leidenschaftlich süße Liebesmelodie.
„Großer Gott, wie unpassend!" Frau Dallmer saß in der zweiten Reihe des Parkett, aber sie saß auf Kohlen; krampfhaft schaute sie in ihren Schoß. Jetzt stieß sie die Tochter an: „Sieh mal, und da sitzen ganz junge Mädchen in iveiß und rosa! Ich traue mich nicht die 2(11 gen aufzuschlagen ; ich kann den guten Schmolle gar nicht begreifen !"
Nelda hörte nicht. Mit weitaufgerissenen 2lugen folgte sie den Vorgängen aus der Bühne; es war das erste Mal, daß sie „Tristan und Isolde" sah. Sie war wie benommen, nur ein Gedanke noch klar in ihr: „Was fühlen die drei da oben?" Blitzgeschwind warf sie einen Blick nach der Fremdenloge.
Da, vorn in der ersten Reihe, saßen Fran Arnheim und Agnes, hinter ihnen Hauptmann von Osten; er, Arnheim, war noch nicht anwesend. Dutzende von Operngläsern hatten sich auf die schöne Frau des Börsenfürsten gerichtet; während des Vorspiels war sie eingetreten, einen Augenblick spähte sie, die Hand auf den roten Sammet der Brüstung gestützt, ins Theater hinunter. Dann setzte sie sich rasch, man sah nur noch ihr verlornes Profil und den goldigen Haarknoten; sie wandte den Kopf zurück nach ihrem eleganten Begleiter in Gardeuniform. Zwei glänzende Menschen! Die kleine Frau, die als dritte in der Loge saß, blaß und pensions- mädchenhaft hinter der Gardine vorlugte, siel niemandem auf. Jetzt flog ein Lächeln über ihr zartes Gesichtchen, sie nickte ins Parkett hinunter, sie hatte die Freundin erkannt.
Der Vorhang rollte aus, das hohe Lied der Leidenschaft begann — langsam, allmählich, sich steigernd und steigernd bis zum Gipfel der Wonne. Ein Strom von stammelnden Liebeslauten, lockend, glühend, flutete durch das Haus; in jeder Geige faß eine Seele, das Cello rief mit der Menschenstimme um die Wette — hinsterbende, betörende Klänge.
Agnes saß starr; jetzt wurde sie totenbleich, aber sie hielt den Kops steif geradeaus. Sie vernahm hinter sich,
neben sich- das Flüstern, leiser wie ein Hauch'; ein doppeltes! Gesicht schien ihr plötzlich verliehen. Sie blickte auf die! Bühne und sah alles und jedes, und sah doch wie die Hand ihres Mannes verstohlen nach der Hand der Frau an ihrer Seite tastete — das schöne blonde Haupt neigte sich ganz zurück, int Halbdunkel streiften brennende Lippen das rosige Ohr —.ein Seufzer wie eine Glutwelle zitterte durch den engen Logenraum — jetzt — die Tür knarrt! Durch den Spalt zwängt sich Herr Leo Arnheim, int Frack, den Chapeau-, clagüe unter'm Arm.
Aus der Bühne eine bange Schwüle. Jetzt Jagdhörner, nah, Jagdhörner näher, ganz näh! Das bekannte Signal! — König Marke ist da! —
„Bewahre, was wird nun?" flüsterte Rätin Dallmer unten int Parkett. „O, du mein Himmel, es ist gut, daß so was int Leben nicht oft vorkommt! Sieh mal auf, Nelda, wie finster die Arnheim aussieht! Agnes kann ich! gar nicht sehen, die sitzt ganz hinter der Gardine. Aber er, Arnheim, ist jetzt da — schon so alt — ach!"
„St—st!" machte es in der Reihe dahinter.
„Mama, ich bitte dich, nicht so laut!"
Ein Glück, daß jetzt der Zwischenakt kam! Die Rätin mußte ihren Gedanken Ausdruck leihen. „Nelda, nein, was ist das für ein gräßliches Stück! Auch nicht mal Musik, nur so ein Durcheinander. Wie können Mütter ihre Töchter das sehen lassen, um Gotteswillen! Mir ist es fatal, daß du hier bist, wenn du auch leider nicht mehr so jung bist. Dazu haben wir dich doch immer Vieh zu sorgsam bewacht und behütet. Es gefällt dir doch nicht etwa: — was — wie?"
Nelda gckb keine Antwort, unverwandt starrte sie hinauf zur Fremdenloge — was ging da vor?! Ihr scharfes Auge entdeckte die fahle Blässe ans dem Gesicht der Freundin; Agnes saß wie eine 2lögeschiedene, mit verlorenem Blick ins Leere starrend. Und Frau Arnheim so finster, einen Zug von Ueberdruß und Verlangen zugleich in den stolzen Zügen.
Jetzt streckte Arnheim seinen Kopf zwischen beide Damen, er schien einen Witz zu machen; aber er war es allein, der darüber lachte. Seine Frau zuckle nur leicht die Schultern und streifte ihn mit einem flüchtigen Seitenblick; Agnes.gab sich Mühe zu lächeln, es gelang ihr nicht, die Lippen verzogen sich zu einer kläglichen Grimasse. Nelda zerknitterte den Theaterzettel in den Händen, eine unbestimmte Angst machte sie nervös. Eine unheilvolle Schwüle schien von da oben herunter zu wehen,
(Fortsetzung folgt.)
Abraham a saucta Clara.
Von A u g n st S c r i b a.
Am 1. Dezember werden es 200 Jahre, daß im Kloster Maria-- Brunn bei Wien ein Mann die 2lugcn zum letzten Schlummer schloß, der aus seine Glaubensgenossen aller Stände in seltsamster Eigenart jahrzehntelang den stärksten religiös-sittlichen Einfluß ausgeübt hat. Es war der Augustinerpater, später Prior und Provinzial' seines Ortes, Hofprediger Abraham. Er war am 2. Juli 1644 als Haus Ulrich Megerlin in Kreenheinstjetten, einem; kleinen abgelegenen Torfe des oberen weißen Jura geboren.^ Tort wuchs er, unter den Schweinen, Gänsen-, Hühnern' und Enten seines Vaters, der ein zwar mit irdischen Gütern', aber auch mit Kindern reich gesegneter Wirt war, auf. Schon! in frühester Jugend zeigte er unersättliche Lernbegierde und ungewöhnliche Begabung. Nach dein Besuch einer lateinischen Schule! in der Nähei seiner Heimat, kam er mit 12 Jahren zu den Jcflnteu! nach Ingolstadt, dann nach, 3 Jahren nach Salzburg-, zu dessen Gymnasium und Universität damals mehrere dreißig BeNediklinev- ktösler Deutschlands ihre besten Kräfte stellten, um eilt1 Gegengewicht gegen den jesuitischen Unterricht zu schaffen-. Freilich können uns diese Kräfte-, wenn wir sie an den Früchten ihrer Wirksamkeit an Ulrich Megerlin beurteilen wollen, keinen großen! Respekt einflößen. Um die Höhe der dort erworbenen Bildung zu bemessen, braucht, man sich nur zu vergegenwärtigen, in welcher Weise er über die Philosophie spricht. Er ist ihr Feind nicht, aber nur darum nicht, weil er — im Jahrhundert der Descartes, Baco, Spinoza, Leibnitz — keine' Ahnung hat von dem, was Philosophie ist und will, und von de-r Gefahr, welche durch sie dem! Glauben drohen konnte. Als Probleme der in diesem Sinns allerdings unschuldigen Philosophie nennt er, warum! ein fetter Mcusch leichter sei als- ein nüchterner; warum einem verstorbenen! Menschen Haar und Bart irachse, warum derjenige, der sich in Mein berauscht, in der Regel nach vorwärts, derjenige, der von Bier vollgetrimken, aber rücklings zu Boden falle, warum! eins; Rose an Wvhlgernch zunehme, wenn sie in der Nähe des! Knoblauchs wachse, und andere ebenso tiefsinnige Problem« mehr.


