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Mittwoch den Dezember $ #4
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Rheinlandstöchter.
Stern an von Clara Vie bi g.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Ein Glück, das; Fran Rätin draußen so lange zögerte. Schmolle war nach .Hause gekommen, Hatte törichterweise bei Kranzler Eisbaiser gegessen und vorher im Pschorr ein Echtes getrunken — jetzt, mit diese kühle Jahreszeit! — er klagte über Indisposition. Es wurde Kamillentee gebraut, eine Wärmflasche gefüllt; ganz abgehetzt kant die Rätin endlich wieder zum Vorschein.
„Verzeihen Sie, verzeihen Sie nur, teuerste Frau — dringende Pflichten! Denke, Nelda, der gute Schmolle! Er 'hat Zwei Billetts für uns besorgt, zu morgen ins Opernhaus! „Tristan und Isolde"! Nein, es ist rührend! Er hat Wonnementsplätze bekommen — denke mal, Parkett! Ich wäre ja eigentlich lieber in „Kabale und Liehe", in „die Waise von Lowood", in irgend was Rührendes ge- gangen, aber wir werden uns doch morgen gewiß auch sehr -amüsieren. Sie gvhen sicher viel ins Theater, liebe Frau von Osten?"
„O nein! Aber morgen gehe ich- auch!" Cs war gut, daß die Lampe nicht ällznhell brannte, mau sah nicht den leidenden Zug um den Mund der jungen Frau. „Mein Mann hat sich mit Arnheims verabredet. Wir sitzen Fremdenloge links — o Nelda, sieh' mal herauf, wenn du kannst! Und jetzt muß ich gehen!"
„Aber nein, ich lasse Sie nicht. Sie müssen erst Tee trinken! Ein Täßchen! Ich denke sonst, es ist Ihnen bei uns nicht gut genug! Bitte, bitte!" Frau Dallmer war ganz exaltiert. „In Koblenz denken sie natürlich, wir verhungern; aber so schlimm ist es lange nicht. Bitte, bitte, langen Sie zu, ganz frische Cakes von Thiele, Leipzigsrund Charlottenstraßeuecke!" t , r.
Frau von Osten aß und trank. Nelda bewunderte sie im stillen; wer hätte dem schwachen Geschöpf so viel Tapferkeit'gugetrant! Nur beim Abschied kamen noch einmal die Tränen, Agnes-flüsterte krampfhaft am Hals der Freundin: „Morgen — sieh heraus, sieh herauf!"
Als der Besuch fort war, saß Nelda lange wett still Und fuhr sinnend mit dem Finger das Muster des weißen Tischtuches nach. An was dachte sie? Au die Vergäng- lichkeit allen Glücks. Ein banges Fragen stieg in ihr auf — war es das Leben wert, sich zu ereifern und abzujagen, zu sehnen und zu grämen?' Warum — —? War es nicht besser, die Flinte ins Korn zu .werfen? Mochte alles gehen, wie es wollte! . .
„Nein!" Von einem plötzlichen Schwindel erfaßt, schloß sie die Augen. Ihr.fielen all' die resignierten, müdeit Gesichter ein/denen sie alltäglich- in der Pferdebahn gegenüber sah, besonders die mancher Frauen. Blasse, versurchtc, un- Lefriedcgte Altnuigserngesichter, mit einem grämlichen Zug um den Mund und einer forschenden Neugier in den Augen.
„Nein, so will ich nicht werden, um Gotteswillen nicht! Ich will mich stemmen bis zuletzt — ich werde nicht tote die — nein!" Sie sagte das „Nein" so laut und legte die flache H-and so fest auf den Tisch, daß Frau Rätin erschrocken
zusammenfuhr.
„Immer „nein", immer „nein", ich glaube, du bist mit dem „nein" auf die Welt gekommen! Sag' doch mal „ja"! Denkst du, es ist ein Vergnügen für die Mutter, wenn die Tochter immer obstinat ist? Gott wie mich der Besuch von der Osten angegriffen hat! Wenn man solch einer glücklichen Frau und Mutter begegnet und sieht dann die eigne.Tochter an, wie die so verblüht, sich kein Mensch um die kümmert, das ist bitter! Das Haar machst du dir jcist recht kleidsam, Nelda —■ ein Glück, das; dir keiner dein Alter ansieht. Aber ein bißchen stark nm die Hüften wirst du schon, das •— ah, Herr Doktor, schon zurück?!" Frau Rätin mußte sich unterbrechen.
Ein junger staatlicher Mann war eingetreten, mit den Manieren eines Hausgenossen, und nahm am Tisch Platz. Dr. Müller aus der großen Kmterstube, Assistent an der Charites. Gleich -darauf erschien Marie mit den Tellern und deckte geräuschvoll klappernd den Tisch. Wie ans Kommando öffnete sich dann noch zweimal die Tür; erst kam Herr Schmolle — noch etwack angegriffen, aber mit schon wieder erwachtem Appetit --- hierauf das Fräulein aus der kleinen Hinterstube. . ,
Mau fing an zu essen. Bratkartoffeln mit mariniertem Hering, hinterher Butterbrot und Limburger Käse. Herr Schmolle verschmähte den Tee, er trank seine Weihe dazu.
Der juUge Doktor hob oft den Blick verstohlen vom Teller, nach seinem Gegenüber, dem Fräulein Berg. Er hatte merkwürdig Ausdrucksvolle Augen mit einem beredten Flimmern darin.. Vera Berg schien das zu empfinden ; ihr blasses Gesicht rötete sich, ihre Lider zwinkerten und senkten sich über die schwarzen hungrigen Augen — ja, hungrige Augen! Frau Rätin hatte gar nicht so unrecht, als sie beim ersten Seyen sagte: „Sie wird doch die Pension bezahlen? Sie bat am Ende nichts; sie hat so hungrige, Augen!" Als ob mau nicht muL etwas -anderm auch hungrig sein könnte! Fran Rätin dacEs nur an den Mangel von Leibesnahrung: viel Geld hatte Franlein Berg freilich nicht. Sie bezahlte auch nur geringe Pension für das winzige Hinterzimmerchen — -das Kopfende des Bettes stand am Fenster, ein Waschständer und Kleiderschrank fanden kaum
Nelda hatte gleich Sympathie für das hagere Mädchen mit deti düster zufammengewachseiten Augenbrauen und der bleichen Stirn - das ivar auch eine von denen! War sie eigentlich alt oder jung? Man wußte das nicht recht. Nelda sagte sich „'alt", wenn Fräulein Berg mittags nach Hause kam, müde und abgespannt vom Dienst — ste war Teleq pbottistin; daun zeigte das klare,Mttaaslrcht unbar mlwWg jede Falte. Am Üampeuschimmer sah sw mng aus. Dann leuchteten ihre schwarzen Augen in einem fabelhaften Glanz,


