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bei Heuchelheim, Utzbach, Kinzenbach- uni» Rodheim. !Die Schweden verlangten, daß üjnen der Landgraf Georg! die Festung einräum« und die Kaiserliche Besatzung entließe. Der Klatzkomnmndant General v. Eberstein zog sein Heer unter den Wällen von Gießen zusammen. Am 12. Juli in der Früh« gedachten die Schweden, die Stadt zu überrumpeln. Sie kamen mit Faschinen heran, um den Wall zu übersteigen, was ihnen um so leichter schien, da die Gräben infolge der anhaltenden Dürre ausgetrocknet waren. Ihre Absicht wurde durch die Wachsamkeit der Garnison und Bürger vereitelt, die den Angriff abschlugen. Der Feind warf nun Bomben in die Stadt, wodurch eine allgemeine Furcht entstand, und man Besorgnis für eine längere Beschießung und Belagerung hegen konnte. Mm 14. Juli zog ein heftiges Gewitter über die Stadt, verbunden mit Hagel und starken Regengüssen, so daß das Wasser in den Feldlagern stand und „die feindlichen Soldaten bekannten: Gott streite für die Stadt." Den 29. Juli sandte der Landgraf den Gießener Superintendenten D. Feuerborn in das schwedische Lager nach Heuchelheim, woselbst er üt das Zelt des Assistenzrates Erskine geleitet wurde. Die Nacht auf den 30. Juli verbrachte der Gießener Abgesandte in dem Zelt des schwedischen Feldsuperintendenten zu. Am anderen Tage wurde Feuerborn dem Generalfeldmarschall Wränget vor- gestellt. , Bor diesem bat er mit eindringlichen Worten für den Landesfürsten und die Stadt, so daß nach weiteren: Verhandlungen mit dem Landgrafen die Feindseligkeiten eingestellt wurden, und auch die Schweden bald darauf die Umgegend von Gießen wieder verließen. 16 4 7 kehrten sie wieder zurück. In Königsberg wurden wenige Tage vor Pfingsten Turm, Schloß und Kirche in die Luft gesprengt. Ter schwedische General Königsmark zerstörte die obere Burg Staufenberg und brandschatzte die Umgegend.
Landgraf Georg II. entsandte 16 4 7 zum allgemeinen Friedenskongreß nach Münster und Osnabrück den Gießener Kanzler Wolf von Dodtenwart und den Vizekanzler Sinolt, genannt Schütz. Am 2 9. November 1648 wurde das Dankfest für den abgeschlossenen Frieden zu Münster Und Osnabrück im ganzen hessischen Lande gefeiert. Aber noch lagerten über Vs Jahr französische und schwedische Friedensexekutionsvöller in Hessen, weil das schwer geprüfte Land die noch rückständigen Kontributions- gelber nicht aufbringen konnte. Durch Anleihen brachte man endlich die geforderten Summen zusammen. Die Kriegsvölker zogen ab, und nach Abschluß des „Friedens-Executions-Haupt- recesses" zu Nürnberg konnte man endlich ant 28. Juli 16 5 0 im Hessenlande das Lob- und Dankfest feiern.
Trotzdem Gießen als feste und sichere Stadt nicht so sehr wie andere Orte unter den Kriegsdrangsalen litt, so verlor es' doch- ein Viertel seiner Bewohner. Von 510 Bürgern vor dem Kriege zählte man nach demselben nur noch 410. Noch lange Zeit stieß man auf die Spuren des unseligen Krieges. Fast zwei Jahr- hunderte vergingen in manchen Gegenden, bis man den Knltuv- zustand wieder erreichte, den man vor dem Kriege, gehabt hatte. „Ein furchtbar wütend Schrecknis ist der Krieg." —6—.
Vermischter.
* Wie Ito durch die Geisha gerettet wurde. Fürst Ito, der nun dem Fanatismus emes nationalistischen Koreaners zuM Opfer gefallen ist, hat in seinem Leben mehr als einmal erfahren müssen, wie! blinder Haß sich gegen jeden Vorkämpfer neuer Ideen kehrt: er, der als der gefeiertste Staatsmann des neuen Japans galt, war ost der Zielpunkt mörderischer Attentate; nur Wachsamkeit und eine steundliche Laune des Schicksals ließen ihn seinen Feinden entgehen. Als er, noch ein Jüirgling, gemeinsam mit vier Altersgenossen den kühnen Vorsatz faßte, Japan zu verlassen, um im fernen Westen die Zivilisation der überlegenen „Barbaren" ju studieren und zu prüfen, setzte er sich zum ersten Mal furchtlos dem Fanatismus des Volkshasses aus, denn das Verlassen des Vaterlandes galt als Verrat. Ein englischer Kaufmann, Mr. Keswick, half den jungen Japanern bei der Ausführung ihres gefahrvollen Planes; Ito selbst erzählt von den Aufregungen und Wechselfällen dieser patriotischen Flucht aus der Heimat: „Wir versteckten uns im äußereir Hofe, indes Mrs. Keswick die nötigen Vorbereitungen traf; dort verkleideten wir uns, schnitten uns die Zöpfe ab und legten grobe Kleidung an, wie Seeleute sie tragkn. Plötzlich wurde Keswick ängstlich, er erklärte, er könne uns nicht an Bord des Schiffes helfen, denn das wäre wider das Gesetz. Wir drohten, Selbstmord zu begehen: da gab er endlich nach und half uns an Bord. In vier Monaten erreichten wir London. Dr. Williamson, ein Professor der Londoner Universität, nahm sich unserer an. Wir studierten emsig, lernten alles, was wir lernen konnten, englisch, Mathematik, Elektrizität, Fabrikationsmethoden, Industrie, Oekonomie, Geschützgießen und Schiffsbau." Die fünf jungen Japaner, die damals auszogen, Ito, Hirobumi, Jnouye, Kaoru, Mmao, Uozo, Vendo Kaisuke und Jnouye Masaru, waren die ersten Bürger des „neuen Japan". Als Ito dann heimkehrte, ein unerschrockener Vorkämpfer entscheidender Reformen, empfing ihn und Jnouye der Haß und die Wut des verblendeten Volkes. Er galt als Verräter und fanatische Patrioten sannen darauf, diesen unwürdigen Sohn
Japans zu vernichten, der europäische Kleidung und europäische! Waffen aus Kosten der altgeheiligten Tradition einführen wollte. Es war im Jahre 1864, daß Ito nur durch die Geistesgegenwart eines Mädchens dem Haß seiner Feinde entging. Er war damals 25 Jahre alt, ehrgeizig, romantisch und vielleicht ein wenig sentimental: er war verliebt in eine Geisha, die er täglich besuchte. Eines Abends, kurz vor Sonnenuntergang, hörte Ito, wie vor dem Hause eine wütende brüllende Menge sich sammelte. „Tod Ito!" schrieen wilde Stimmen. Die kleine Geisha abep verlor nicht dis Geistesgegenwart; hastig riß sie eine verborgend Falltür auf, der Geliebte kroch in eine Höhlung unter dem Fuß- boden, die Tür lvard geschlossen und schnell schleppte die kleine Japanerin ein Badegefäß herbei, das sie über der Falltür aufstellte und mit Wasser füllte. Als die blutgierige Horde eindrang, fand man das Mädchen im Begriffe, sich zum Baden zU entkleiden. Sie habe Ito seit 24 Stunden nicht gesehen. Mit solchem Don der Wahrhaftigkeit sprach sie die Worte, daß die Schergen der Bolkswut glaubten und wieder abzogen. Ito konnte sich dann nach Kobe flüchten. Seitdem ward sein Leben dreimal durch. Attentate gefährdet, die alle glücklich abliefen, bis nust doch ein gewaltsamer Tod ihn überraschte. Die kleine unerschrocken« Geisha aber, die damals dem jungen Ito das Leben rettete, bej- trauert heute als Fürstür Ito den blutigen Tod ihres geliebtem Gatten, den zum zweitenmal zu retten ein bitteres Schicksal ihr Versagte.
* Die Serviette. Der zivilisierte Mensch ist bekanntlich einbandagiert in sogenannte Anstandsregeln. Sie übertreffen an Zahl und Kniffigkeit die vielen Paragraphen des Straf- und Bürgerlichen Gesetzbuches. Ein ausgezeichnetes Gedächtnis ist erforderlich, sie alle zu behalten, und ein großes Maß von Geistesgegenwart, sie im rechten Moment zu beachten. Unter ihrem Zwange ist man jedoch bisweilen geneigt, mit Faust zu rufen: „Es möchte tein Hund so länger leben!" Nimmst du als Gast an festlich geschmückter Tafel ein leckeres Diner ein, gleich kommt der Anstand, um dir den Genuß zu vergällen. Er mutet dir zu, selbst das härteste Brot zu brechen und nicht zu schneiden, die heißeste Suppe ä 'tempo mit den anderen Gästen herunterzulöffeln, die zähesten Hühner- und Fasauenflügel gleich einem Jongleur nur mit dem Messer zu behandeln und die Gräten des Fisches lieber heroisch herunterzuschlucken, als sie mit den Fingern auf den Teller zu legen. Sogar beim Benutzen der Serviette tritt er als kategorischer Imperativ an dich heran. Bindest du die Seroiette um den Hals, ziehst du sie durchs Knopfloch, steckst du sie zwischen Hals und Kragen oder — horribile bictu — zwischen Faltenhemd und Weste, so ist der Anstand aufs schwerste verletzt. In den Augen aller Nachbarn und Nachbarinnen flackert deutlich der Weheruf: „Schauerlich in jedem Falle!" Man lispelt spöttisch von Barbierstube und Eiitseifen, flüstert von Taktlosigkeit und Tölpelhaftigkeit und hält dich für fähig, die Serviette sogar als Schnupftuch zu benutzen. Solche spitzzüngigen ästhetischen Seelen in ihrem heiligsten Empfinden für den Anstand zu kränken, ist nicht ratsam. Also merke dir: Nachdem du die Serviette mit höchster Grazie vom Teller genommen und entfaltet hast, gebietet es dir der Anstand, sie mit ebenderselben Grazie über deine Knie zu breiten. Ja, einzig und allein über die Knie! Siehe, das ist der wahre Anstand ! Und so du anders verfährst, weil es dir vielleicht prattischer erscheint, statt der Knie Faltenhemd, West« und Rock zu schützen, so bist du ein Mensch ohne Anstand, was soviel heißt, daß du nicht wert bist, zur wirklich feinen Gesellschaft gerechnet zu werden. Aber noch tiefer sinkst du, wenn du es wagst, mit der Serviette über den blanken Teller zu fahren, denn man hält ba§ für Zweifel an der Reinlichkeit der Hausfrau, oder wenn du mit der Serviette über dein erhitztes Gesicht streichst, die Finger in ihr säuberst und sie am Schluß des Diners glatt und schön zusaiumenlegst, als solle sie noch fernerhin bei der Tafel benutzt werden, oder als ob dein Hoffen auf eine Ein-, ladung zum Souper gerichtet fei.
Bilderrätsel.
Auflösung in nächster Nummerst
Auflösung des Kapsel-Rätsels in voriger Nummer: WiederLohn, f o d i e A r b e i t.
Redaktion: K. Neurath, — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiudruckerei, R. Lange, Gießen.


