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„Mein liebes Kind!"
Da, ein Ton wie ein Erlösnngsschrei! Zitternd fiel das Mädchen in die geöffneten Arme.
Sie hielten sich umschlungen; eine Flut von Tränen strömte aus Neldas Augen, zum ersten mal seit langen Tagen. Regen, der Eis schmilzt. Wie ein Kind duckte sich die große Tochter lan die Brust der kleinen Mutter. Ta war viel Unverstandenes zwischen beiden, wenig Gemeinsames, und doch eilt mächtiges Band des Blutes, das sich nicht verleugnet.
(Fortsetzung folgt.)
Vedrimgmsie in und bei Metzen während des 30 jährigen Krieges.
In dem ersten Jahrzehnt des unseligen 30 jährigen Krieges blieb unsere Gegend glücklicherweise von fremden Kriegsvölkern verschont. Ter Landgraf von Hessen-Darmstadt, Ludwig V., stand auf der Seite des Kaisers und der Liga. Pur einmal, im Jahre 16 21, drohte unserem Oberhessen ernste Gefahr. Der „tolle" Herzog Christian von Braunschweig, der die Sache des unglücklichen „Winterkönigs" Friedrich V, weiter führte, wollte anfangs Dezember seinen Zug nach der Pfalz durch die Wetterau nehmen. Er hatte sich bereits der Flecken und Dörfer im „Busecker Tal" bemächtigt und sie ausgeplündert. Der Landgraf Ludwig V. versagte dem Herzog den Zug durch feilt Land, worauf dieser dem Landgrafen den Krieg erklärte. Ten bedrängten Oberhessen zog der von Tilly mit spanischen und bayerischen Truppen abgeschickte General Graf Anholt zur Hilfe heran. Dieses Hilfsheer zog am 2 0. Dezember durch Gießen, und an demselben Tage fand noch ein Treffen zwischen Alt - und Großbuseck statt. Hier aus dem Felde hatte sich das braunschweigische Heer, das 16 000 Mann zählte, in einer Wagenburg verschanzt. Gras Anholt lockte den Feind aus seiner Verschanzung heraus und zwang ihn unter Zurücklassen von einigen hundert Toten zum Rückzüge über Amöneburg Nach Westfalen. Oberhessen war somit gerettet.
Damals herrschte in Gießen große Furcht vor einer Belagerung. Viele Bewohner, darunter auch die Studenten, wollten die Stadt verlassen. Ten eindringlichen Vorstellungen des damaligen Rektors D. Winlelmann gelang es, die Studenten zum Bleiben und zur Verteidigung der Stadt zu bewegen. Sie ließen sich eine Fahne aus grünem und gelbem Tafft anfertigen, auf der in goldenen Buchstaben stand: „Literis et armis ad utrumque Parati." Glücklicherweise kam es nicht zum Schlimmsten; die Gefahr ging gnädig vorüber.
Nicht so erträglich erging es der Darmstädter Gegend. Der Abenteuerer Graf Mansfeld brandschatzte 1622 in furchtbarer Weise das flache Land und bemächtigte sich dann der Stadt Darmi- stadt. Ter Landgraf Ludwig und sein Sohn Johann gerieten ans der Flucht in Gefangenschaft. Ter Verlust per Schlacht bei Höchst machte den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz. nachgiebiger, und er gab dem Landgrafen nach einer Haft von 4 Wochen die Freiheit wieder.
Ein schlimmerer Feind als der Krieg stellte sich im Jahre 1 6 2 6 im Amte Hüttenberg ein. Allendorf a. d. L., Leihgestern 'und Watzenborn wurden von der Pest heimgesncht. Niemand, der aus diesen Ortschaften kam, wurde in den Toren von Gießen eingelassen.
Landgraf Georg II., der 1 6 2 6 seinem Vater in der Regierung folgte, war anfangs neutral, stellte sich aber dann wie sein Vater auf die Seite des .Kaisers. Während der unruhigen Kriegszeiten sucht der Landgraf Schutz in dem festen Gießen und wohnte hier von 1631—1645 in dem Universitätsgebäude am botanischen Garten, das durch die Verlegung der Universität nach Marburg im Jahre 1 6 2 5 frei geworden war. 16 3 3 war in Marburg die Pest auch ausgebvochen; deshalb wurde die Universität wieder nach 'hier verlegt; sie blieb ein Jahr hier.
Oberhessen war während. der Zeit 1 6 3 3 — 3 5 der Schauplatz des Kriegstheaters. Bald erschienen die Schweden, bald die Kaiserlichen. Bei der Erwähnung der Vorgänge dieser und der folgenden Zeit folgen wir den chronikalischen Aufzeichnungen in einem alten Krofdorf er Kirchenbuch.*)
Kaiserliche Truppen nahmen 1633 Gleiberg, plünderten und verwüsteten das Schloß und die Wohnhäuser des Ortes, weil der Besitzer der Herrschaft Gleiberg, Graf Ernst Casimir von Nassau-Weilburg, ein Freund! Frankreichs war und sich! auch dort aushielt. Di« Urkunde berichtet: — „die Kaiserische Cleiberg eingenommen vndt quartier darinnen gemacht: haben außweichcn müssen. Ist alles vf dem schloß Undt in den Heusern verwüstet worden." „Ao 1 6 3 4 ist Herr gram Ernst Casimir auß dem Land gezogen, auch 'in Metz vnder Frankreich, verblieben." Hessen- Darmstadt nahm die Huldigung im Amte Gleiberg vor, konnte aber die neue Erwerbung für die Folge nicht halten, da das
*) Die Urkunde konnte mit gütiger Erlaubnis des Herrn Pfarrers Knieper zu Krofdorf benutzt werden.
Glück der schwedischer nM französischer Waffen gegen die Kaiserin ltchen entschied.
, r "9t<° X6„3 4 frf den Newen jahresdag ein Extraordinati Betonst vnd H a sttag gehalte n.'' „Ao 1635 eine allgemeine grimmige durchgehende Pest." Tie Pest brach im JNni in Gießen aus; in diesem Monat starben 85 Personen, im Juli 147, im August 304, mr September 311. 1503 Personen fielen in diesem Jahre der «euche zum Opfer, die vielen fremden unbekannten Personen! ungerechnet, die vom Hospital aus hinausgeschafft wurden. Tie Verstorbenen konnten nicht alle im Kirchenbuch eingetragen werden, und wurden deshalb besondere „Pestregister" geführt. „Wer sich die Pestbeulen sogleich ausschnitt und mit gebrannten Zwiebeln zur Zeitigung brachte, kam oft glücklich davon."
„Ao 16 3 6 eine solche teueruNg daß ein Achtel Korn 10 spanisch Thlr. gelten. Zwy Exempel sind daß Menschen einander! auß hungersNvth gefressen, namentlich holten sie auf den schiud- kanteN die Reste auch maß andere ding mehr gemessen." Tie! reichsten Leute hielten das Brot unter dem Schloß und schnitten den Kindern und dem Gesinde die Stückchen wie Weine Leckerbissen! zu. Kleienbrot galt als Delikatesse. Zum Glück brachte das Jahr 1637 eine frühe Ernte; denn zu Bartholomäi war keine Frucht mehr int Felde ; auch trank man auf die „Gießer Kivmeßff (Ende August) schon neuen Wein.
„Ao 1 63 7 halt Lan.dgraw Jürg das Ambt Cleibergk et pertinentio auf Kayserliche concessivu eingenommen vndt jhm huldigen auch feilt fürstlich wapen an das Thor' zu Gleibergk schlagen lassen." 1 6 3 8 entstand eine Seuche unter dem Rindvieh und den Schafen, so daß die Fleischpreise bedeutend stiegen. Tas Jahr 16 3 9 brachte ein kaltes Frühjahr, so daß am' 19. Mai das Korn an allen Orten erfror, und man kaum das Saatkorn erntete.
„Ao 16 4 3 den 3. vdt 4. january eontinus geregnet vndt ein folg gewester erfolget daß man mit schiffen in denen stattgassest zu Gießen gefahren. Zu Wehlburg 9 Heuser hinweg geflossen." Nachts zwischen 12 und 1 Uhr drang das Wasser von der Lahn in den Stadtgraben und überschwemmte die ganze Stadt, so daß es an manchen. Stellen „zwei Manns hoch" stand. Tie Leute fuhren mit Backtrögen in der Stadt umher; nur auf dem Marktplatz blieb es trocken. Tie fürstlichen Prinzen konnten nicht in die Stadt kommen und mußten auf dem Schiffenberg bleiben. Der Landgraf Georg verließ, da man in Gießen infolge des zurückgebliebenen Schlammes und stehenden Wassers Seuchen befürchtete, die Stadt und zog mit seinem Hofstaat nach Rüsselsheim.
1644 stellte sich frühzeitig ein heftiger Frost eilt; anfangs November fing es an zu frieren; am 3. November mußten die Bürger am Wallgraben eißen.
„1 6 4 5, den 25. August die niederhessische Armee Under einem graiven v. Wied zu Croffdorf bassiert vnd alles Berheret."
„Eodem anno ist die Guarnison IN Gleiberg vf deM schloß vfgerichtct, 50 Soldaten mit Weib vnd Kinder hierauf geleget. Oberst Leutnant Buseck commandirt sie, stücklein (Geschütze) sindi von Gießen hinauf geführet, mit Palisaden das schloß. Umb Vnd Umb, auch mit Thoren vnd dergleichen befestigt, da denn das schloß elend von Soldaten verwüstet, alle diel vfgebrochen, Betladen, Thürer, vndt Fenster darautz gemacht."
„1 6 4 6, 29 Map ist General Feld Marschall Wränget mit der schwedischen Haubt Armee! allhier durch unser Kornsluren zlvischen Gleiberg vndt Vetzberg mit 19 000 paeeagi Wagen naher Wetzlar gezogen, allda biß Juni zu Feld gelegen, dießes Lager aber wieder zurückgezogen vnd ein Feldlager genommen die Hetzen vf von Heuchelheim biß Vs Rodheim hinauf."
„Den silNi ist der schwedisch General leutnant Königsmark mit seiner Armee vndt der Cass. General maior Geiß mit seiner Armee allhier ankomMen, Königsmark sein Feldlager Umb Wismar, Geiß aber umb Launschbach vfgeschlagen, Königsmark leib Com- pany zu Pferdt u. 2 Company Tragvner hierauf naher Gleiberg logiret, waß ganz geplündert etzlich hundert Achtel Frucht ins lager gesühret vndt alle Pferd Inweg. genommen, alßo daß hier vnd zu Crofdorf von 70 Pferden nur ein blindes überblieben/
„1646, den 4. JNni. Eben bißen dag gegen Abent ist hessisch geNeral major Geiß mit 700 man zu Fuß das schloß, darauf der darmstädtische Haubiman Hosman mit 45 soldaten gelegen, zu belagern gezogen. Tie nacht 3 kleine Feldstellen (Feldstücke) herauf bracht worden. 'Ten andern Tag solche Stellen vf die Kirche gepflanzt worden alßo das schloß beschossen ist worden Werl aber wenig damit außzu richten', sind fürder' dietze nacht 2 große stück eiserne Mörser davon einer 100 Pfd. getrieben hinauf gesühret worden, ist das schloß die ganze Nacht vnd Tag stark beschossen, aber doch wenig außgerichtet. — Ten 2. Tag mit schießen vndt Krieaswerk wiederum stark ahngehalten vnd hat sich vorgemelder Haubtmau Hosman auß mangel, Pley vnd Pulver vf gnad vnd vngnad ergeben müssen." Der hessen-darmstaotische Hauptmann Hofmann erhielt den 6. Juni freien Abzug iiach Gießen. Damit war der kasselische General Gerß noch nicht zufrieden: denn die Urkund« meldet: „hakt General Geiß das große schloß Thor mit Strohpunzen anstecken lafsen, dadurch,,daß schloß entzündet ganz vnd gar elendlich zu asche werden must em vnd hätte gar wohl den Kirchbaw vnd Kanzler vnd Ritter) chloß erhalten Kennen, aber wie alle Umstände geben (ergeben) ist mit fleiß der brand fortgesetzt worden, damit gar nichts übrig!
Der schwedische Oberseldherr Wrangel lagerte um diese Zeit


