nicht so barmherzig. Ihre nassen Kleider hatte sie noch heimlich zum Trocknen aus den Boden geschleppt. Daß pur die Eltern nichts merkten! Dann war's über sie gekommen — eine vollständige Lethargie.
Sie weinte nicht. Sie saß den ganzen Tag auf einem Fleck und stickte und stickte, endlos langweilige Muster in eine Kanevasdecke; die blauen und roten Fäden schienen ihr ganzes Denken in Anspruch zu nehmen. Sie hob nicht den "Blick, wenn jemand eintrat; sie rührte sich nicht, wenn die Mutter mit Tränen und unglaublicher Zungenfertigkeit ihr all ihre Sünden vorwarf. Selbst für den Vater hatte sie kein Lächeln. Als er ihr, ohne Vorwurf, aber mit tieftraurigem Gesicht, sagte: „Ich habe an Onkel Konrad geschrieben, nach dem Vorgefallnen ist es besser, du bistfür einige Zeit fort," nickte sie nur gleichgültig.
Sie packte dann ihre Sachen. Mit Jammern und Schelten legte die Mutter ein paar wärmere Unterröcke in den Koffer. „Es ist da oben kält. Ach, du mein Gott, so ein Kind, so eine Rute, die man sich selbst gebunden hat! Hol' dir da oben nur nichts!"
Der letzte Tag daheim kam. Es ging auf den Abend. 'Nelda saß allein in der Stube zu ebner Erde. Sie saß nicht wie früher am Tisch, unter'm Licht der Hängelampe, sie hatte sich in den dunkelsten Winkel verkrochen; da kauerte sie im alten Lehnstuhl und hatte den Kopf hintenüber an die kalte Wand gelegt. Er war ihr bleischwer. Immer dies eine Gefühl: „Achs, hätte er dich nicht festgehalten, da lägst du nun im Rhein und triebst mit den eisigen Wellen, wer weiß wohin — immer weiter, weit über Köln hinaus nach Holland zu — was die Mynheers und Mysrouws wohl für Gesichter machen würden, wenn man da ein junges Mädchen auffischte mit langen blonden Zöpfen?" — Was für Gedanken. Mit einer Art Beschämung schüttelte sie sich, die Zähne schlugen ihr aufeinander; sie fror jetzt immer. i
Draußen tönte die Klingel; gedämpftes Sprechen klang im Flur, dann öffnete die Mutter die Tür und schob eine vermummte Gestalt herein. „Hier, Nelda, die liebe Frau von Osten! Steh mal auf! Das kannst du dir hoch anrechnen — nein, wie reizend, wie liebenswürdig!"
Agnes kam mit raschen Schritten auf Nelda zu; diese war aufgestanden und stemmte die Hand auf die Stuhllehne. Frau Rätin ging geräuschlos hinaus.
„Was willst du?" sagte Nelda. Sie zog sich förmlich in sich zusammen; die Gestalt der Freundin Ivar ihr fremd geworden, dies rosige E>e;rcht tat ihr weh. Sie sagte nicht: „Setz' dich!"
„Was ich will?" Die junge Frau war sehr verlegen, sie kn.öpfte an ihrem Pelzmantel. „Mein Gott, Nelda, wie komisch du bist! Ich — ich, ach Nelda —" sie fing Plötzlich an zu weinen — „du tust mir so schrecklich leid! Ich wollte schon immer gern §u dir, aber Carlo sagte — heut hat er in Köln zu tun, und da hab' ich mich doch aufgemacht. Wie es dunkel wurde, bin ich aus dem Haus geschlichen, meinen alten Mantel und die Kapuze, die ich der Waschfrau zu Weihnachten schenken will, habe ich ungezogen; da kennt nlich keiner!" Sie lachte wie ein Kind, das einen gelungenen Streich ausgeführt hat. „Ich habe mir eine Droschke bis Ehreubreitstein genommen, daun bin ich zu Fuß gelaufen. O, Nelda, sie sind alle so böse auf dich! Aber ich nicht, ich ganz gewiß nicht!"
„Weißt du denn, was ich getan habe? Dann wirst du's auch sein."
„Ja, ich weiß es." Agnes nickte und wurde dunkelrot.
„Früher, freilich, da hätt' ich dich auch verdammt — nein" verbesserte sie sich rasch, „da hätt' ich drüber gesprochen, aber jetzt! Weißt du, Nelda —" sie ruckte sich zutraulich einen Stuhl heran und suchte die kalte Hand der Freundin zu fassen — „seit ich meinen Carlo habe, bin ich ganz anders geivorden. Nun weiß ich, was Liebe ist. So ein Glück, wie man sich's als Braut denkt, ist es ja nicht, wenn man verheiratet ist; ganz anders. Man muß sich doch in manches hineinfinden. Aber man lernt Fehler besser entschuldigen; man wird so viel milder, wenn man recht liebt. Ach, meine arme Nelda —" sie streichelte ihr die Hand — „du mußt doch Ramer sehr geliebt haben, sonst hättest du dich — sonst wärst du nicht so weit gegangen! Carlo hat mir die ganze Geschichte erzählt; er war sehr böse, er sagte, ich dürfte nicht — ach, du glaubst gar nicht, wie komisch die Männer in diesem Punkt sind, gerade bei Frauen! Was guten Ruf anbelangt, wirklich überempfind
lich! Ich freue mich ja, daß Carlo so ist, eigentlich ist es doch ein gutes Zeichen für.seinen Charakter; ich wollte aber doch zu gern zu dir! Willst du dich uicht aussprechen? Sei nicht so starr und kalt, liebe Nelda!"
„Ich kann mich nicht aussprechen." Nelda schüttelte! den Kopf. „Laß mich gehen."
„Nein, nein —" die junge Frau beugte sich vor und legte ihre blühende Wange schmeichelnd an des Mädchens Schulter — „ich lasse dich nicht gehen, du sollst, du mußt mir alles erzählen! Paß mal auf, dir wird viel leichter — nun?"
Sie lauschte — keine Antwort.. Dann flüsterte sie: „Ich will dir auch was erzählen, was außer Carlo und Papa und Mama noch kein Mensch weiß. Denke mal, Nelda —" sie errötete und lächelte — „ich soll ein Baby bekommen! Es dauert ja noch eine Weile, aber Papa und Mama sind schon sehr ängstlich; ich fürchte mich gar nicht, ich freue mich grenzenlos. Denke, ich bin dann nicht so viel allein — zu Papa und Mama kann ich doch nicht immer laufen — ich habe dann immer jemand bei mir, der mir ganz und gar gehört, der nichts will und fühlt, was ich. nicht auch will und fühle. Lieber Gott —" sie faltete die Hände und sah Nelda mitleidig freundlich an — „ich glaube, dann kann man nie ganz unglücklich sein. Du Arme !"
Nelda zuckte zusammen, in ihr bleiches Gesicht stieg langsam ein wenig Röte. „Dir hast recht. Du Glückliche!"
„Und nun erzähl' du. mir auch, ja? Ich möchte von dir selbst alles hören, die Leute lügen ja so viel!"
„Ich kann nicht!" Das Mädchen bäumte sich förmlich im Stuhl auf. „Ich kann nicht, laß mich!" Der Kopf sank ihr vornüber, ein Stöhnen kam aus ihrer Brust.
So blieb sie unbeweglich; auch Agnes rührte sich nicht. Sie wagte nicht mehr zu fragen; sie wußte nicht, sollte sie bleiben oder gehen? Die Gedanken schossen ihr hin und her — hatte sie am Ende doch nicht ganz den richtigen Ton getroffen, es war gewiß taktlos, von ihrem Glück zu sprechen, während die andere litt?! Leise und zaghaft strichen ihre Finger über Neldas Kleid. Diese gab kein Zeichen der Erwiderung von sich. Es war peinlich. Da öffnete sich die Türe, die Rätin kam wieder herein; wie erlöst sprang die junge Fran auf.
„Ach, Sie liebe, gute Frau von Osten!" Die Rätin drückte dem Gast beide Hände. „Zu lieb, daß Sie uns besuchen! Ach ja, im Unglück erkennt man seine wahren Freunde!" Sie schluchzte auf: „Wir find wirklich geschlagen! O mein Gott, zu schrecklich!"
Hier faud Agnes den richtigen Ton. Die Unterhaltung der beiden Frauen wurde sehr lebhaft; mau führte sre halb flüsterud, ab und zu schoß ein verstohlener Blick zu Nelda hin. Die nahm gar nicht teil, die saß in ihrer Ecke, als ginge sie das alles nichts an.
Endlich brach Agnes auf; sie küßte Nelda. „Seine Mama sagt, du gehst morgen fort, ich wünsche dir glückliche Reise! Es ist gewiß jetzt auch sehr hübsch in der Eifel. Und wenn du wiederkommst" — sie druckte der Freundin bedeutungsvoll die Haud und lispelte ihr iu's Ohr — „dann zeige ich dir mein Baby!" Sie ivußte der anderen nichts Schöneres zum Trost zu sagen. „Adieu, Nelda, adieu!"
„Adieu!" Nelda stand auf und ging mit bis zum Tisch; hier blieb sie stehen uni) starrte mit den weiten Augen nach der Tür, bis sie sich hinter Agnes geschlossen. Die Mutter gab dem Besuch noch das Geleit; jetzt trat fies schon wieder' ein. Unruhig sah sie die Tochter an; neben Frau von Ostens blühenden Farben war ihr deren Blässe doppelt, ausgefallen. Nelda stand noch am Tisch, die Rechte auf die Platte gestemmt, mit der Linken das Kleid über der Brust zusammenkrampfend; ein wilder Schmerzenszug war auf ihrem Gesicht. Sie hielt sich gebückt. So gebrochen — so alt!
Frau Rätin entsetzte sich; ivar das ihr Kind?! Schön war Nelda nie gewesen, aber so frisch — und jetzt?
In der Rätin Gedanken tauchte mit Blitzschnelle ein Sommermorgen auf — sie sah sich draußen im Gärtchen stehen, ein Gewittersturm hatte in der Nacht dem einzigen blühenden Rosenstock die Krone abgebrochen.
Sie breitete die. Arme aus. „Mein liebes Kind!"
Sie konnte nicht anders, so böse sie auch war. Sie ivar ja doch die Mutter und die dort — der einzige Rosenstock in ihrem Garten. .
Nelda stand starr, zweifelnd sah sie der Mutter in s Gesicht; noch rührte sie sich nicht.


