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M. M
Montag öen Vovsmber
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w.
Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Viebig.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Schwer wie im Traum stieg er wieder die Treppen zu seiner Wohnung hinan. Seine Frau hatte er nicht ge- sprochen seit der gestrigen Morgenscene, mcht einmal Adieu hatte er ihr heute gesagt; eigensinnig hielt sie sich vor ihm verschlossen. Nun kehrte er zurück — tapp, tapp — wie langsam sein Schritt war! Da — ein Schrei! Die Glastür wurde aufgerissen, sie stürzte ihm entgegen, die Stufen hinunter, verweint, aufgelöst. Sie umschlang ihn schluchzend.
„Paul, Paul!"
Erschrocken zuckte er zusammen — wie laut ihr Schluchzen im Hause widerhallte!
„Ruhig!" Er zog sie in den Flur, hinein in die Stube.
Wie eine Sinnlose klammerte sie sich an ihn; sie weinte, sie lachte, sie streichelte seinen Rock. „Du bist da, du bist nicht tot! Ach Gott, ach Gott! Ist er verwundet, ist er tot, mußt i)u nun auf Festung? Paul, Paul, bist du noch böse? Sag' doch ein Wort!"
„Niemand ist verwundet, wir haben uns ausgesöhnt."
„Ach!" Sie sank auf den nächsten Stuhl und schlug die Hände zusammen. Und all die Angst! „Ah!" Sie schöpfte tief Atem.
Er stand mit finsterm Gesicht inmitten der Stube, im Mantel, die Mütze noch auf dem Kopf. Jetzt sprang sie wieder zu ihm und legte beide Arme um seinen Hals. „Ist es wirklich wahr, Paul? Wahrhaftig ausgesöhnt?"
Er nickte.
„O du goldener, einziger Mann!" Stürmische Küsse brannten aus seinen Lippen, seinen Augen, seinen Wangen. „-O du! Haben dich meine Bitten, meine Tränen doch .gerührt; du hast's nicht über's Herz gebracht, uns zu verlassen! Meinetwegen, meinetwegen — nicht wahr, Paul, mir zu Liebe! Du hast dich nicht duelliert mir zur Liebe?!" Ihre verweinten Augen füllten sich rasch auf's neue mit Tränen. „Was habe ich durchgemacht! Sag', Paul, du hast mich am liebsten, meinetwegen hast du dich nicht geschossen? Sag'!" Flehend drängte sie.
„Jawohl." Er nickte wieder, gar keine Herzlichkeit war in seinem Ton; es fuhr ihm durch- den Kopf: Komödie, alles Komödie!
„Nicht wahr, Paul, meinetwegen? Sag'!"
„Hm."
„Mir zu Liebe?"
„Dir zu Liebe!"
Mit einem Jubelruf umschlang sie ihn, sie preßte ihn, daß er fast erstickte. „Mein Paul, mein guter Mann! Ich bin ja auch gar nicht mehr böse. Ach, was war ich außer
mir. Und Nelda Daklmer kann sich auch gratulieren; die hatte schöne Angst! Sehen mag ich sie aber nicht mehr — nein, das kann mir kein Mensch zumuten! Aber Paul, zieh' doch den Mantel aus! Die Mütze ab! Du stehst ja, als wärst du fremd hier und nicht zu Haus. Ach, bist du. blaß und kalt — du armer Paul!" Sie rieb seine Finger, sie hauchte darauf und küßte sie verstohlen; sie drückte ihn in den Stuhl am Ofen und setzte sich auf seine Käse, ihren vollen weichen Arm schlang sie um seine Schulter.
Ihr Gesicht strahlte. „Meinetwegen! O du guter Mann, ich bin ganz närrisch vor Freude! Was kann ich dir zu Liebe tun? Wart', ich hol' dir deine Morgenschuh, meinen Plaid will ich dir über die Kniee decken! Weißt du, ich werde dir jetzt Kakao kochen. Kinder" — sie riß die Tür zum Nebenzimmer auf — „kommt herein, rasch, rasch, der Papa ist da!"
Aufjauchzend kam die Schar angestürzt. Frau Elisabeth trug den jüngsten; sie kniete vor ihrem Mann nieder und hielt ihm das Kind zum Kuß hin. Die anderen klammerten sich rechts und links an den Vater und überschütteten ihn mit Liebkosungen.
Auf Frau Elisabeths Wangen erschienen die Grübchen, dabei liefen ihr die Tränen aus den Augen; sie legte den Kopf auf Xylanders Knie. „Paul, wir sind so glücklich!" Der gespannte Ausdruck seiner Züge ließ nach, mit einem wehmütigen Lächeln sah er die Kinder dec Reihe nach an, dann hob er den Kopf seiner Frau auf und strich ihr die Wangen. Ihre Freude rührte ihn doch.
Bei Dallmers tm Hause war's, als ob ein Toter darin läge. Frau Rätin ging herum, ewig weinend; es war ein Jammer. Der Rat sah sehr elend und bekümmert aus; er hatte einen langen Brief an seinen Bruder in die Eifel geschrieben und ihm Neldas Kommen demnächst angekündigt.
„Sie muß fort," sagte er zu seiner Frau, „und zivar auf lange. Erst wenn sich die Sache etwas verblutet hat, darf sie wieder kommen. Unser armes Kind!" seufzte er, und stützte den Kopf sorgenvoll in die Hand.
„Das fehlt noch, daß du sie bedauerst, sie trägt die gerechte Strafe. Ich meine doch, da sind andere Leute mehr zu beklagen. Nein, uns so was anzutun! Ich sag's ihr aber auch alle Tage gründlich; sie fühlt's auch, mucks- mäuschenstill sitzt sie da. Auf die Straße traut sie sich gar nrcht, und ich traue mich auch nicht. Mein Gott, man sitzt hier wie auf 'ner wüsten Insel, kein Mensch läßt sich sehen!"
Frau Rätin hatte ganz recht, das kleine .Haus an der Chaussee lag wie gemieden; allzu lebhaft war ja der Verkehr nie drinnen gewesen. Und Nelda traute sich! nicht auf die Straße; vor der Hand konnte sie auch nicht, sie war wie gelähmt an Geist und Körper. Krank war sie nicht. Es wäre eine Wohltat für sie gewesen, in einem heftigen Fieber sinnlos zu liegen, aber die Natur war


