Ausgabe 
1.9.1909
 
Einzelbild herunterladen

643

bcmtcn verfielen. Gerade zur Blütezeit des 'indischen Dramas, tztw-a 500 n. Chr., verfiel das Theater des Abendlandes. Die Kirche selber aber, die das Theater seines heidnischen Ursprungs wegen vernichtet hatte, sollte es wieder aufbauen.

IN seinerGeschichte des Dramas" (4. Band, Seite 2) er­klärt Adolf Klein die Meßhaudlung als einen in Form und Be­deutung dramatischen Akt: als eine Liturgiemhsterie, der zum Drama nur die dramatische Absicht fehlt. In demselben Sinne faßt auch du Möril in seinem EssayUeber den lateinischen Ursprung des modernen Theaters" die Meßhandlung auf.

Kirchliche Zereinonien siud auch die Keime der Dreikönigs^- sind Herodes-Spiele. Ebenso siud natürlich die noch heute in Oberammergau in voller Blüte stehenden (nur alle zehn Jahre aufgeführten) Passionsspiele kirchlichen Ursprungs. Mönche und Geistliche gaben zunächst die Hauptrollen. Die Heranziehung des Laienelements war vermutlich der Grund, daß die geistlichen Spiele aus der Kirche ins Freie verlegt wurden. Auch auf profanem Boden aber blieben die Geistlichen lange die Ver­anstalter Und Hauptdarsteller.

Daß die Kleriker aber nicht nur in Ausüahmefällen als Schau­spieler .tätig waren, beweisen die Konzilienbeschlüsse und päpst­lichen Dekretalien, die energisch die Mitwirkung der Geistlichen bei Schauspielen, ihren Verkehr mit Schauspielern, selbst schon den Besuch der Theater untersagten.

In seinerGeschichte der Rürnbergischen Schaubühne" betont Will, die mittelalterlichen Schauspieler bis! auf Hans Sachs wären geringe Bürger und Meistersinger gewesen. Im Vergleiche zu denFahrenden", die mehr die Uranfänge des Varietes bezeichnen, aber waren sie doch ehrsame Bürger und Handwerker.

Tie wenngleich verpönte Teilnahme der Geistlichen uNd die religiöse Wurzel des mittelalterlichen Dramas beweist also, daß weder die römisch^-rechtlichen und kanonischen, noch die alten deutsch­rechtlichen Sätze über die Rechtlosigkeit derFahrenden" im Mittel­alter allgemeine Geltung erlangten. Ueberwiegend waren die SchaUspiÄer des Mittelalters Dilettanten, keineFahrenden".

England ist die eigentliche Heimat der BerufIchauspieler. Schon etwa 1450 n. Chr. gab es dort einen echten Schanspieler- stand. Die Könige zuerst hielten sich Hofschauspieltruppen. Schon zur Zeit der Elisabeth «her gab es neben denPlayers vf the Queen" auch Truppen anderer vornehmer Häuser.

TieHerrenlosen" aber, d. h. die nicht einem Lord unter­stehenden Truppen, also dia ersten freien! Privattheater, wurden vielfach von der Gesetzgebung angegriffen. Ein Gesetz von 1572 will sie als Vagabunden und Gewohnheitsbettler bestraft wissen.

IN London gab es'1508 bereits acht Schauspielhäuser. Na­mentlich die Dichter Christoph Marlow und Robert Greene, ganz besonders aber Um 1600 der sagenumwobene, vielumstrittene Wil­liam Shakespeare beeinflußten in der Folgezeit deir Aufschwung der englischen Schaubühne.

Auch außerhalb Großbritanniens suchten NUN die englischen Komödianten ihr GWck zu Machen,- ganz besonders in Deutschland. Das Beispiel der Freindeu aber wirkte rasch anregend auf geistig regsame und phantastereiche Deutsche ein.

Hans Mühlgraff und andere Nürnberger Handwerksmeister baten 1609 den Nürnberger Rat um die Erlaubnis, Komödien agieren zu dürfen. Die gestrenge hohe Obrigkeit aber replizierte, sie sollten Besseres und Nützlicheres treiben und sich nicht bloß dein Müßiggänge widmen. -Erst 1628 änderte der Rat seine Ansicht und erteilte die Erlaubnis.

Die Karl Treuschv Truppe, die 1622 in Berlin spielte, gilt Uls die erste in Deutschland. Diese Berufsschanspi-eler des 17. Jahrhunderts aber waren rechtlich bereits durchaus frei und gleich­berechtigt. Die alten Satzungen über Rechtlosigkeit und Recht- Minderung waren schon mit der Rezeption des römischen Rechtes Unsicher geworden und schließlich ganz verschwunden.

Nichts schien also einer günstigeren Entivicklung im- Wege M stehens hatten ja auch die Säuger in der germanischen Urzeit Und 'die nordischen Barden in hohen Ehren gestanden.

Noch immer aber dauerte die Opposition der Kirche fort. Gerade die englischen Komödianten, die einen Schauspielerstand in Deutschland überhaupt -erst geschaffen hatten, diskreditierten durch ihre Lebensweise auch ihre einheimischen, Kollegen. Der alte Schreckensruf:Die Wäsche weg! Die Komödianten kommen!" ist sicher auch nicht allzu schmeichelhaft für die Künstlerwelt und ist charakteristisch für dasTheaterelend" (das also kein Produkt der Modernen Zeit ist,- wie man neuerdings glauben machen will!) vergangener Tage.

Daher auch die auffällig« Opposition der Polizei. So wurden -1715 aus Halle die. Komödianten ausgewiesen. In Königsberg! wurde -einer Bande von Komödianten' die Konzession verweigert. Und König Friedrich Wilhelm von Preußen verfügte Nicht son­derlich galant:Weil wir dergleichen zu nichts als zuM Verderbe -der JUgend gereichenden Dinge einmal verboteuermaßcn in Unseren Landen nicht geduldet, vielmehr an Stelle solcher Etablissements Gotteshäuser darin erbauet und unsere Unter- tanen mehr und mehr zum Christcntmn geführt wissen wollen."

Die Hoftheatergcsetze (z. B. Wien' 1823, Berlin 1843) fixierten noch bis ins 19. Jahrhundert hinein zwar nicht die römische Prügelstrafe, aber doch noch Arrest als Disziplinar- Mittel. Besonders Friedrich der Große wandte auch bei Absagen erster Künstlerinnen dieses etwas drastische Mittel an. (Der

Bühnenverein der Deutschen Theaterleiter weint sicher der Auf­hebung dieses- drollig-draIonischen Dressurmittels ehrliche TräneN nach! Wie bequem wäre doch die leidige Tenorfrage gelöst!) Noch 1808 erhielt die Hofburgschauspielerin Voß, die erst« Maria Stuart, Gelegenheit, im Arrest der Wiener Hofburg acht Tag« lang Nuancen für die Kerkerstimmung der schottischen- Königin! zU sammeln.

Bedauernswert aber bleibt, so sehr sich auch schon in dieser Periode eine Hebung der Bühne anbahnt, die dauernde Opposnion der Geistlichkeit gegen die Künstler, allerdings nicht ohne Schuld der letzteren. Machten doch noch im 18. Jahrhundert die Ver­treter der Religion der Nächstenliebe sterbenden Künstlern Schwie- rigkeiten bei der Verabreichung der Sakramente. Ja, man ver­weigerte sogar ein christliches Begräbnis.

Alles das also noch mittelalterliche Zustände in einer Kultur­periode, die für -den Univ-ersalhistvriker schon längst der neuen Und neuesten Epoche angehört. Doch die Zeit einer höheren, edleren Auffassung der Bühnenkunst und des Bühnenkünstlerberufs, an­gebahnt nicht zum mindesten durch die drei Klassiker des deutschen Dramas, mußte doch endlich erlösend erscheinen.

Sine Erinnerung an Sedan.

Won einem Mitkämpfer.

Mein Regiment hatte mitgeschlagen. Wir hatten starke Verluste gehabt im und in der Umgebung des Dorfes gloinc;1. Die Kompagnien waren durch die heutige Schlacht und die bei Wörth stark z-usammengeschmolz,en. Bon den Offizieren fehlten nach den beiden Schlachten 41, tot und- verwundet.

Nach einer sehr kühlen Biwaknacht auf dem Schlachtfelde waren wir am 2. September früh durchaus nicht in einer Hurrastimmung. Es fehlten zu titel liebe Kameraden! Wir hatten auch Hunger uno- die Berpflegungskolonnen fehlten noch. Am Tage vorher während der Schlacht und nach der Schlacht hatten wir den gefallenen Franzosen Brot und Hutzucker aus den Tornistern genommen. Wir waren früh morgens gegen drei Uhr nüchtern in die Schlacht gegangen, nach vielen sehr langen Marschen während- der letzten Augusts- tage. Am Morgen des 2. September standen wir jungen Offiziere wie gesagt in etwas gedrückter Stimmung bei­einander. Ich, der ich genau ein Jahr Offizier war, hatte die Führung der 11. Kompagnie übernehmen müssen. Der Lebensmut gewann doch wieder die Ueberhand, wir wußten, daß wir eine große Schlacht gewonnen hatten, daß die Mac-Mahon'sch-e Armee in Sedan eingeschlossen war und kalkulierten, ob wir wvhl den 50. Jahrestag dieser Schlacht mitfeiern könnten und ob wir nicht Weihnachten zu Hause sein könnten. An die Gerüchte, die umgingen, Napoleon sei bei der Armee, glaubten wir nicht, das wäre zu viel gewesen. Die Gerüchte verstärkten sich- gegen Mittag. Man fing an zu glauben. Da kam am Spätnachmittag der Be­fehl : Das Regiment steht um 6 U!hr int Appellanzuge, S'e. Majestät der König kommt, das Regiment zu sehen.

Wir standen und König Wilhelm ließ nicht warten. Im langen Galopp kam er querfeldein timt einem Hügel herab an der Spitze seines Gefolges. Wie ein Jüngling saß der 72jährige im Sattel. Er grüßte und wie ein Donnerschlag antwortete das Regiment. Nun ritt er im Schritt an der Front des Regiments, das in Linie vor den zusammengesetzten Gewehren stand, entlang. Der König dankte dem Regiment und sagte wörtlich:Noch dürfen wir nicht hoffen am Ziele zu fein." Da wußte jeder, mit dem erträumtenWeihnachten zu Hause" ist es nichts.

Der Kronprinz beugte sich im Borbeireiten zu uns Offizieren herab und sagte halblaut mit Rücksicht auf seinen Water:Napoleon wird auf die Wilhelmshöhe gebracht, es wird die Herren interessieren, Sie stehen ja doch in Kassel." Jetzt hatten wir endlich Gewißheit: Napoleon war mit» gefangen, die feindliche Armee hatte kapituliert.

Am 3. September wurde der Leichengeruch auf deut Schlachtfelde unerträglich-. Wir wären krank geworden, wenn wir länger hier liegen mußten.

Gegen Mittag sollten wir abmarschieren, an die Grenze des Schlachtfeldes, in reinere Luft. Ich saß schon im Sattel, das Regiment setzte sich in Marsch, die 11. Kompagnie hatte noch Zeit. Da sah ich über die Köpfe der unserigen hinweg auf schlechtem Feldwege von Floing her einen langen Wagen» zng kommen, an . dessen Spitze eine Schwadron Totenkvpf- husaren. Das kann nur dem Transport Napoleons gelten, sagte ich mir, Napoleon mußt du sehen. Ich ritt vom' Regiment ab als ob ich mein durch den Leichengeruch auf­geregtes Pferd beruhigen wollte, wendete bann und mußte so dem Wagenzug begegnen. An der Spitze ritt mit wenigen