Ausgabe 
1.9.1909
 
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Mein, sagte die Elise, aber sie könnt nik. Sie könnt's Uit übers Herz bringen.

Ach, aber es wären doch ihre Eltern. Und sie wären jetzt doch alt. »Die Freud müßten sie ihnen noch machen. Sie wollt's mal dem Peter sagen. Wenn das Kind mal so weit wäre, dann müßten sie sie mal besuchen. Und dann könnten die Großeltern auch mal herüberkommen.

Die Elise wurde nicht einig mit sich. Sie ginge ja gern mal heim zu ihren Eltern, gern, so gern, aber nein, 's ging doch nicht. Und mit dem Michel gar nicht, gar nicht!

Vorläufig wollte sie sich aber keine Sorge drüber machen. Die ersten Monate würde ja das Kind ganz ausfüllen.

DaD tat die Kleine redlich. Sie war gar zart und blaß. Sie war ein Pflänzchen im trockenen Sand. Ein blasser Morgensonnenstrahl welkt es, ein kleiner Wind knickt es.

Die Elise kam kaum eine Stunde des Tages los von ihm. Sie wähnte, es sei ein Lichtchen, das sie immer hüten, anfachen und nähren müsse. Gar so elend war die kleine Anna-Maria. Nicht mal recht schreien konnte sie. Sie schlief nur immer, und ein mattes Wimmern tat kund, daß sie ellvas begehrte oder Schmerzen hatte.

Der Peter sah's jetzt auch ein, daß esein schwaches Dingelchen" wäre. Herr Gott, meinte er, das werde sich schon machen. Ein Kind sei eben vor dem andern. Uno alles müsse seine Zeit haben.

Der Peter hatte halt immer guten Mut und Ver­trauen. Die Elise freilich wußt's besser.

Ihr lvar's ganz gewiß, sie würden das Kind ver­lieren. Es war nicht zum Leben, sie fühlte es.

Sie schleppte an diesem Kummer, und es war ihr, als ob sie auch daran wieder alle Schuld trüge, weil sie so viel geweint hatte, daß das Kind kam, weil sie so sehr gewünscht hätte, daß es nicht kommen sollte.

Um so aufopfernder sorgte sie darum für das WüriU- chen. Zu jeder Stunde der Nacht war sie bei der Hand, Und oft stand sie auf und ging ans Bettchen die Angst trieb sie und lauschte, ob noch sein Atem gehe, ob's denn noch lebe.

Wer es half nichts. Als das Christkind kam, legte es ein Kränzlein auf das tote Kindchen. Die Elise weinte still. Der Peter ebenso. Er hatte schon dem Michel den Baum geputzt". Der Kleine sollte seine Weihnacht haben. Wer er zündete ihn nicht an. Die bunten Kerzen zwischen dem bunten Schmuck konnte er nicht sehen, so gern er dem Buben die Freud gemacht hätte. Es brannten ja Totenkerzen im Haus.

Es läutete schon beinahe zur Frühmette, da saß er noch bei der Elise und tröstete sie.

Er hatte ihre Hände genommen.

Wir haben ja den Michel noch, Elise, Und der ist fest Und gesund. Tröst dich doch. Und wer weiß, es kann ja noch eins nachkommen. Und wer weiß, wie's unser Herr­gott gemeint hat. Er wollte uns halt auch was schicken. Und wer weiß, wie es besser ist. 's war halt ein gar zart Und schwach Leben, es war halt doch nit für die Welt. Es sollte sie nur mal sehen, seinen Vater und seine Mutter, eS hat sich vielleicht was behalten von seinem Leben, viel­leicht was Besseres, als all das, was so hart und schwer aus unsereinem liegt."

Die Elise zuckte zusammen. Der Peter merkte es gleich.

Ach ja, sie könnten sich ja nicht beklagen, und sie hätten ja die kleine Anna-Maria recht gut und schön großziehen rönnen. Wer 's sei ihnen halt nit zugeteilt gewesen. Nun müsse sie sich drein finden und trösten, daß sie beisammen blieben, gut und gesund. Es heile alles aus, das werde auch ausheilen.

Der Peter ließ die Elise nicht zur Mette gehen. Er werde äuch ein Vaterunser für sie beteil.

Er ging durch die stille Winternacht, da die Glocken nicht mehr läuteten. Er war einer der letzten, der in die Kirche kam. Er war gar bedächtig über den weichen Schnee gegangen. Es tat ihm fast wohl, daß seine Tritte ge­dämpft waren. Er mochte jetzt nichts Lautes hören.

Der Festgottesdiensd zur Geburt des Heilandes löste seine Tränen. Er weinte um sein totes Kind, da die Ge­meinde Halleluja sang.

Als er heim ging und überall die hellerleuchteten Fenster sah, beschleunigte er seinen Schritt.

Er sühlte den Tod dem Lebendigen und Festlichen so

nahe. Es schnitt ihm durch die Seele, wie Werden und Vergehen so dicht zusammenliegen.

Ganz schwer wap ihm geworden. Wie ein neues, schweres Wrsfen lag's in ihm, wie ein unheimlicher Sinn. Und die Notwendigkeit fühlte er, daß man leben müsse, wenn's das Leben fordere.

Leise trat er in sein Haus. Der Michel schlief. Auch die Elise war eingeschlafen. Da schlich er in die Stube nebenan, goß dem Nachtlicht frisches Oel auf, ordnete ein paar Blumen auf dem Stirnchen der Anna-Märia und blieb bei seinem Kinde.

Er mußte nur immer sitzen und die Leiche ansehen.

Er weinte nicht. Er sühlte, wie wenig der Mensch ist. Wie alles nur aus das eine hinausgehe, sich hinzustrecken und kalt und still zu liegen. Aus war das Licht, ganz gleich, ob es ein kleines oder ein großes wäre.

Was ist das Leben?" fragte er sich.

Aber es sei da, da helfe nichts es sei ein Kommen und Gehen, ein Treiben und Absterben. Der einzelne sei nichts. Er komme, und es gebe kein Drücken und Schieben; er gehe, es gebe keine Lücke.

Und doch lieg es nur an jedem selbst, sich seinen Platz zu halten. Es blieb doch für jeden was übrig, das er zu tun habe. Es hab doch jeder seine Aufgabe. Da gelt's drum.

Auch sein Kindchen habe seine Aufgabe gehabt. Sie sei erfüllt. Sie sei wohl nicht für es selbst gewesen. Sie sei vielleicht für ihn gewesen, vielleicht für die Elise. Sie sei vielleicht nur eine Mahnung gewesen. Und vielleicht sei sie auch der Schmerz gewesen.

Es werde sich alles zeigen, dachte er. Später vielleicht, wenn Jahre vergangen wären. So wie einem Träume einfallen nach Jahr und Tag.

Er betrachtete sein Kindchen, wie friedlich sein Ge- sichtchen war, wie sanft und schön!

Der Michel Sieben fiel ihm ein, wie er manchmal von seinem Babettchen erzählt hatte, das auch nur ein paar, Monate alt geworden war. Wie schön es gewesen sei, wie lieb. Sein Lebtag hatte er oie Erinnerung an das Kind.

Wer es hätte doch leben können!" schrie's in ihm. Es hätte groß werden können und hätt können plaudern mit ihm und lachen und froh sein. Und stolz wär er ge­wesen, wenn's so ein schönes, stolzes Mädchen geworden wäre! Und er hätt ihm alles getan, alles, was es ge­freut hätt.

Es kam ihin wieder eine Träne.

Er stand aus. Er wollte gehen. Er verliere sich ganz. Es sei nun tot, das Auna-Mariechen, da sei nun alles Wünschen und Ausdenken unnütz. Er hab's verloren, er werd's nicht wieder bekommen. Es sei tot da sei alles vorbei.

Er beuche sich nun noch einmal über das blasse Geficht- chen und küßte den dünnen, blauen Mund.

Dann ging er ganz leise.

Es lag etwas Schweres in ihm, das nicht ausge­glichen war. Es hatte nur sein Woher, es war ihm das Wohin nicht llar.

Es bedrückte ihn. Es erdrückte ihn aber nicht. Es war schon eine Stimme in ihm, daß sich auch das lösen werde.

Er mußte es nun einmal tragen.

(Fortsetzung folgt.)

Bühnenkünstler im Mittelalter.

Bon Dr. KurtHeinzmann.

(Nachdruck verböten.)

Für rechtlos et Körten die mittelalterlichen Rechtsquellen, ins­besondere auch derSachsenspiegel", die Spielleute. Fast könnte es also scheinen, als mißachte das mittelalterliche Recht die Schau­spieler in demselben Maße wie das römische Recht, das sie mit dem Makel der Infamie belegte. Was' man aber int Mittelalter Spielleute und Histrionen nannte, waren nicht Schauspieler. rufsmäßige Darsteller gab es vielmehr zunächst überhaupt noch nicht in Deutschland.

Dem Räsonnement der Kirchenväter Nämlich (wie der frühere Hofburgtheaterdirektor Dr. Max Burckhard in seinem' geistvollen Münchner Vortrag«Das Recht des Schauspielers" fesselnd nach­weist) war es gelungen, was die römischen Kaiser vergebens erstrebt hatten: die Vernichtung des antiken Theaters. Schon 197 ü. Ehr.

Tertullian, es sei ein Erkennungszeichen der Christen, fpheater zu meiden. Der heilige Augustin aber (354 bis 4ov n. Chr.) war sehr erfreut, daß in den Provinzen alle Theater-