i-

lESäSt

\

K

z^F

!SWWl

Peter Nockler.

Die Geschichte eines Schneiders von Wilhelm Holzamer.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Wenn er den Unterschied nicht sah, würden ihn die Leute sehen. Man ist ja mit allem in seinem Leben nur den Leuten in die Hande gegeben. Sie beherrschen einen, sie hindern einen und beengen einem das Leben. Sie sind so anmaßend, und alles betasten ihre schmutzigen Hände. Und die Zeichen davon bleiben, die häßlichen Flecken, auf die sie dann schadenfroh mit allen Fingern weisen. Sie würden's auch dem Peter sagen, sie würden ihn fragen drunl. Und wie würd er dann dastehen!

Ach, jetzt um Gottes willen kein Kind!

Und nun kam doch eines! Jetzt kam das Unglück! Cie hatte es gewußt, sie hatten sonst zu viel Glück gehabt, da mußte das Unglück kommen. Hätte sie doch hungern müssen, hätte sie doch Geschäftssorgen gehabt, und was die andern Leute sonst haben! Aber nein, es hatte ihr ja gut gehen müssen, damit sie büßen konnte, was sie gefehlt hatte.

Sie weinte heimlich. An seinem Kind mußte er das fremde erkennen lernen. Durch sein Kind, das sie selbst wollte, würde ihm all das getäuschte Glück mit dem fremden klar werden, und dies seitherige Glück würde vernichtet sein. Und ihr selbst würde sich em" tiefer Zwiespalt auftun.

Sie gönnte es ja dem Peter so sehr, ein Kind zu haben, das seines Blutes wäre Und aufwüchse, von seiner ganzen, innersten, unmittelbarsten Liebe genährt.

Ja, sie hätte ja froh sein sollen. Denn der Peter war ja ganz außer sich, da sie's ihm sagte.

Jetzt müßt's ein Mädchen sein," sagte er,daß es grad ein Pärchen wäre. . Zum Michel noch ein Mädchen das wäre ja herrlich"

Er war doch ganz ohne Arg. Sie wollte sich freuen. Wer die Angst faßte sie gleich wieder. Nein, es würde ein Unglück werden, ob's ein Bub wäre ober ein Mädchen.

" Und sie wollt's doch, sie w-ollt's doch.

So in Angst und Sorgtum, in Selbstqual unb stetigem Verzehren ging die schwere Zeit hin ein heißer Sommer und ein trüber Herbst. Dann im November kam das Kind. Richtig war's ein Mädchen. Ein gar winzig kleines Ding.

Das sei aber auch! gar nichts, sagte die etwas derbe Amme. Ob sie denn nicht gut gelebt habe, kräftig, Fleisch und Bier und Wein, daß es Kraft gekriegt hätte. Die Elise seufzte nur.

Wie hätte sie dem Würmchen Kraft geben können, all ihre Kraft verzehrte sich ja langsam, aber sicher an ihrer Ver­gangenheit. Da half kein Essen. Da hätten ihr Ruhe und Frieden geholfen.

Sie seufzte. Sie war ja jetzt zu schwäch zum Weinen.

Ein krankes, schwächliches Kind am Ende sein Kind krank und schwächlich," dachte sie.

Berghoch türmte sich's ihr auf. Bergschwer lag es auf ihr. Sie mußte stillhalten. Es ging seinen Weg. Es würde auch zu einem Ende führen. Wer wenn's nur da wäre, dies Ende einerlei, wie es wäre, wie es sie träfe.

Und auch ganz still wollte sie sein. Sie wollte,nichts verderben jetzt. Von ihrer Pflicht rief's jetzt in ihr -- und ihre Liebe zum Peter gab diesem Rufen laute, feste Töne: sie mußte alles tun, ihm das Kind zu erhalten, sein Kind!

Er war ja ganz außer sich, der Peter. Daß es so klein sei, machte ihm ja gar keine Sorge.Ei natürlich," sagte er, 's ist ja ein klein Kind, das erst auf die Welt gekommen ist Das hat Zeit zum Wachsen."

Er brachte den kleinen Michel in die Stube.

E Schwesterche, Michel. Guck, was e klein Panne» stielche,"*) dann steckte er dem Michel ein Stück Zucker in den Mund.Hat dir's Pannestielche mitgebracht. E brav Schwesterche, gelt?"

Am Mittag kam der Michel von der Straße heim und weinte. Alle Kinder riefen ihmPannestielche!" zu, und manche schabten ihm Rübchen.

Da lachte der Peter Nockler, und auch die Elise mußte lächeln. *

Anna-Maria hieß das kleine Mädchen. Die Großmutter Sieben und die Mutter der Elise waren dieGütchen".

Der Peter hatte eine recht laute und lustige Kindtaus gefeiert. Die Elise allerdings wär im Bett geblieben. Ein­mal litt's der Peter nicht, daß sie schon aufstand, und dann konnte sie auch nicht. Sie war zu schwach.

Die Großmutter Sieben hatte zwar mitgefeiert, aber sie war doch öfters herein ans Bett gegangen und hatte mit der Elise ein wenig geplaudert. Ein wenig getröstet, ein wenig guten Rat gegeben, mal den Tee gewärmt und dann ihr mich mal das Kmd an die Brust gelegt.

Die Elise wollte es ihr verbergen, aber sie hatte doch gesehen, daß Tränen in ihren Wimpern hingen.

Warum sie geweint habe, fragte sie. Das dürfte sie nickt tun. Das mache nur schwächer.

' Ob's ihr denn so leid sei, daß ihre Eltern gar nicht mal kämen? Jetzt auch uicht zur Kindtauf gekommen wären? 9ia ja es sei auch nichts. Das Reisen sei ja jetzt so leicht mit der Bahn. Und sie hätten doch schon mal kommen können. Besonders aber jetzt zur Kindtauf.

Freilich sie und der Peter hätten auch! schon mal hinüberfahren können. Mit dem Michel. Das hält gewiß die Alten recht gefreut! Und es sei auch groß Unrecht von ihnen, von ihr und dem Peter, daß sie nicht schon mal hinüber wären. Nein, das müßten sie doch mal tun. Ob sie denn bös wären?

*) Raine Ur ungetanste Kinder.