Ausgabe 
1.7.1909
 
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das Leben in mir. Muß ich mich schämest, das M sagen? Und nun das Leben um mich, wieder das Leben um mich! Soll ich nicht mehr nach dein Leben verlangen dürfen? Tat hast ältere Rechte, ja. Fordere sie aber nicht, denn du bist noch lange nicht so weit, die Pflichten daraus er- füllen zu könnest; du hast noch zu viel Pflichten gegen dich, gegen deine Jugend, deinen ganzen Menschen. Deine Le­bensaufgabe liegt noch viel zu schwer aus dir; du hast noch zu wenig davon gelöst. Kinder sehen das nicht, be­greifen cs nicht, wollen es nicht sehen, nicht begreifen. Du solltest nun aber über das Kind hinaus sein; du mußt nun heut wissen, was du kannst und was du nicht kannst. Und daß das, was du nicht kannst, mehr ist, als was du kannst. Ohne einen Borwurf, Lukas, aber es ist nun mal so. Du hast noch einen langen Weg vor dir; er ist so schon schwer, erschwere dir ihn nicht noch mehr. Jetzt spreche ich nur wegen dir, jetzt bin ich nur dein Baker, verstehst du mich, Lukas?"

Sein Ton Ivar zuletzt weicher geworden.

Ja und nein!"

,Meh wieder nach München, Lukas. Ich hab' gesorgt, daß dir das Stipendium noch Jahre bleibt. Sie wird deine Mutter werden, Lukas."

Da fuhr ich auf.

Ich wüßte an deiner Mutter Stelle feiste bessere, und ich wüßte nichts Besseres für dich, als daß sie deine Mutter wurde, daß du sie verehren könntest und ihr an- hänglich seist, und könntest ihr Sohn seilt, wenn ich einmal nicht mehr bist, denn sie ist ja. mehr als ein Vierteljahv- HUuderr jünger als ich."

Sie darf nicht meine Mütter werden!"

Daran kannst du nichts mehr ändern. Geh ans Rat­haus, da ist's-ausgehängt,"

Das war wie ein Schlag auf meinen Kopf.

,Mater!" schrie ich auf.

Du solltest drum froh! sein und zufrieden. Es ist auch deist Wohl, wenn du's heute auch noch nicht verstehst!"

Ich sprang auf. Ganz außer mir war ich. Ich vergaß, wo ich war; dest Vater vergaß ich, alles um mich, nur an sie dachte ich und an mich.

Ich fordere sie für mich, ich fordere sie! Mir gehört sie, ihre Fugend meiner Jugend! Du sündigst an ihr, an mir, ast der Mutter! Du haft ihr den Sinn ver­kehrt. Ganz falsch hast dit ihre Opferwilligkeit belohnt; hast ihre Jugend betört, ihre Güte mißbraucht!"

Er blieb ganz ruhig und verzog keine Miene. Einen Augenblick sah er vor sich hin, dann sah er mir in die Augen, so fest und hart und sicher, daß alles in mir zusammen--! kroch; und wie ein Richter, der verurteilt, weit von oben, sagte er mit schwerer Betonung:

Du bist nun zu viel hier im Hause, Lukas, geh!"

Mein Mut war weggeblasen, aber die Verzweiflung schrie nun in mir.

Nichts hab' ich verbrochen, daß du mich hier fort­weisen kannst, nichts. Ich bin gekommen, um zu fordern, was ich zu forderst habe, was° meiner Jugend gehört hat, was meine reifen Jahre genießen wolltest. Mein Glück hab' ich holen wollen. Du hättest's behütest sollen, weil du meist Vater bist. Aber du hast's für dich genommen! Hier aus diesem Haitse hab' ich's holest wollen, wo ich geboren bitt, wo meine Mutter aus meist Glück und Leben bedacht war. Ich gehe nicht! Ich fordere mein Glück! Hier hab' ich's zu fordern. Und wenn's mein Glück nicht ist, mein Herz hängt daran. Bon dir fordere ich's, von meinem Vater, der mir's nicht nehmen darf, weil er mein Vater ist. Gib's Ker, und ich gehe, gib's her!"

Wie Todfeinde stunden wir. einander gegenüber.

Du bist ein Kind, Lukas, du bist unreif! Geh' und werde ein Mann! Es fehlt dir noch viel, es fehlt dir noch alles! Geh!"

Gib!"

Ich werde weiter für dich sorgest; werde, was du werden wolltest, was du werden kannst. Sie wird deine Mutter, basta! Geh und störe ihreit Frieden nicht. Ich weiß nicht, ob er ihr nicht schwer geworden ist."

Ein eigener Gefühlston war in ihm dnrchgebrochen. Die letzten Worte hatte er ängstlich halb geflüstert.

Das Leben ist ganz anders, als du dir träumst, Lukas. Sorg erst für dich. Guck, ich möcht' dich ja schien, einet vor allen! Daß alle nach dir sehen sollten. Und ich selbst möcht' stolz sein auf dich. Leg dir nicht das schwerste Hinder­

nis itt den Weg. Folg, Lukas! Bleibe zur Nacht hier, 's ist dein Vaterhaus. Aber fordere nicht mehr! Wenn du for­derst, bist du zu viel hier. Morgen reise wieder ab. Es ist nichts mehr zu ändern, Bei ihr nicht und bei mit nicht."

Ich kann nicht!"

Dann geh! Es soll keinen Streit geben, kein Un­glück. Geh in Friedest und finde dich!"

Ta war ich weich wie Wachs. Da war mir alles zerschlagest, da wankte alles unter mir.

Ich schlich zur Tür.

Gib mir die Hand, Lukas!"

Es klang wie eist unterdrücktes Weinen. Aber ich ivar schon zur Tür hinaus, und ich konnte nicht mehr zu- rückgehen, konnte mich nicht mehr umdrehen. Tas Licht hinter mir brannte auf meinem Rücken. Da schloß er leise die Tür.

Ich stand im dunkeln Hausflur. Roch einmal zattderte ich. Die Haustür stand offen, und die Nacht lag davor» dunkel, schwarz, schwer, u neu bl ich.

Da faßten zwei Hände zart meiste Schultern, ein war-, mer Körper preßte sich au mich, eine heiße Wange glühte nst der meinen. Wonnig, wohlig durchfuhr es mich. .Jubeln, jttbelst nnb triumphieren wollte ich. Eist heißer Atem schon wollte ich den Kops wenden.

Geh, Lukas, gelt? Gelt, geh!" flüsterte sanft ihr lieber Mund. Es lag eine unendliche'Wehmut darin. Ohne Weinen und Traurigkeit, schmerzvoll, ergeben. Da fiel alles Leben von mir ab, da war's dunkel um mich. Da stand ich allein und verlassen in der schwarzen, feindlichen Nacht.

(Fortsetzung folgt.)

Neue Forschungen zur irraeWschen Religion.

Bon Tr. Her m mut Ran k e.

Wer den Dichter will verstehen, muß in Dichters Lande gehen." Tics Wort hat eine wörtliche, aber auch eine sehr viel weitere Bedeutung. Man kann z. B. über ein fremdes Volk sehr viel gelesen und gehört haben ein wirkliches lebendiges Verständnis svird man doch erst dann gewinnen, wenn man selbst dieses Volk gesehen, wenn man unter ihm gelebt, seine Sprach» gesprochen, seine Lieder gehört, seine Gedanken mitgedacht Bat. Ganz ähnlich geht es mit dem Studium des alten Orients, frei­lich können wir heute die alten Babylonier und Aegypten nicht mehr leibhaftig zu Gesicht bekommest sie find längst verfchvun- den, und auch ihre Nachkommen leben nicht mehr aber wenn, wir ihr Land anssurhen, wenn wir die heutigen Bewohner des Nil- und Euphrattales kennen lernest, ihrs Leben und ihre Mitten zu verstehen beginnen, batttt zeigt sich uns bald eine Kucke von Einzelheiten, die dem nur in den Konturen ausgesührten vielfach lückenhaften "der verblaßten Bilde, das die Inschriften uns voll diesen alten Völkern erhalten haben, Leben und Farbe, Licht Schatten verleihen. Und so geht es auch mit dem Volk Israel und mit seiner Religion. Der Orient ist ja überall unendlich ftmiet» vativ. Politische Zugehörigkeit und äußere Religivnsföbmeu mögest sich ändern, ja die Sprachen mögen absterlben und durch jünger« Eindringlinge ersetzt werden der uralte Glaube stirbt nicht; er fristet alsAberglaube" in der Religion des Volkes, bald be­wußt, bald völlig unbewußt, mit allen üchrigen LebensäußerimgeK verschmolzen, ein verborgenes Dasein, und nur wer tiefer schaut als es ein flüchtiger Besucher des heiligen Landes vermag, dem gelingt es, hier uraltes Gut wieder ans Tageslicht zu bringen. Freilich nicht vielen ist dies vergönnt. Umsomehr haben wir das Büchlein zu begrüßen, das unter deut etwas seltsam klingend« TitelP a l ä st i n a s E r d g e r u ch i n d e r i s r a e l i t i scheu Religion" soeben int Verlage von Karl Curtius in Berlin! erschienen ist. Der Verfasser, Dr. H. Gr mann, der Nach- folger von Gunkel als Alttestamentier an dev Berliner Universität, ist ein Jahr lang als Mitarbeiter in dem evangelischen archäo­logischen Institut in Jerusalem tätig gewesen und hat von dort aus Palästina durchzogen, und inan spürt auf jeden Seite fetnea Buches, wie er diese Zeit benutzt hat, um das Land und Mir, beffest alter Literatur er feine Lebensarbeit gewidmet hat, fo gut wie irgend möglich kennen und verstehen zu letitett.

Mit lebendigster Anschaulichkeit werden wir sogleich ins heuig« Land hineinversetzt. Wir fühlen ordentlich den Staub und d>e Hitze, wir hörest das ohrenbetäubende Geschrei in den Straßen und ast den heiligen Stätten Jerusalems, wir sehest das bunte GewimMel der verschiedenen Trachten durch die engen Gawn sich drängen und mitten in alledem gewahren wir zugürm "(ist der Hand unseres kundigen Führers eilte Fülle von cinjet»«» Zügen und Aeußerungen des Volksglaubens, an denen der Frrsnor nur zu leicht unachtsam vorübergeht, und die uns doch ost »«lf markantere und lebendigere Auffassung der israelitischen Vou^ fromm igkeit" ermöglichen. ,,

So ergibt z. B. eine Betrachtung derMelis", der w-'l medattischen Heiligtümer, eine ganze Fülle von Parallelen zun