Ausgabe 
1.7.1909
 
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1909 Nr. 1PI

Der arme Lukas.

Eine Geschichte in der Dämmerung von Wilhelm Holz am er.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

10. Kapitel.

Das 'Mische» arbeitete wieder draußen in der Küche, hantierte im Hof, ging ein und ans. Und ich saß still in der Ecke und starrte vor mich hin in die leere Stube und rührte und regte mich nicht.

Nicht zn räuspern wagte ich mich. Ich fürchtete, da­durch werde was im Hause anfgeschreckt, das über mich siele, etwas Schweres, Unbekanntes. Ich fürchtete, es werde plötzlich da aus einer Ecke auf mich zukommen, werde kalt und fremd vor mir stehen, werde hart zu mir reden, daß mir das Herz int Leibe gefrieren müßte. Etwas Unaus­gesprochenes fürchtete ich, das schon bang und schwer in mir lag, das ich aber noch nicht erkennen konnte.

Ich war froh, als es dunkel wurde. Dann und wann ging das Luischen durch die Stube. Ich sah immer nur auf einen Moment ihr Gesicht, wenn sie durch den Schein des Fensters, ging. Mir war dann, als müßte ich auf­schreien, aufschreien und davonrennen. Aber sie ging so ruhig,und sicher, so vorsichtig beinahe, als wollte sie mich nicht stören, als sollte nichts an mich herantreten, das mich wecken könnte. Es war gerade, als gönne sie mir noch ein­mal so eine knappe.Ruhefrist.

Es lvurde dunkler und dunkler.

Einmal kam das Luischen leis und vorsichtig und blieb in der Tür stehen:Hast du Hunger, Lukas? Sonst warten wir, bis der Baker kommt, mit dem Essen. Es kann nicht mehr lange währen."

Ja, warten wir," sagte ich. Ich konnte mich nicht begreifen, da saß ich wie ein Bildstock. Herrgott, hatte ich denn kein Leben mehr?!

. Da war ja sie, drei Schritte weg, da das Klappern des Geschirrs, der Tritt, dies Hüsteln; das war ja alt von ihr, Herrgott, .Herrgott! Was saß ich denn da und legte die Hände in den Schoß! Mein war sie ja! Ihr gehörte ja mein ganzes Leben! Meine ganze Jugend, mein Streben, meine Träume, meine schönsten Träume hatten ja ihr ge­hört, ihr!

Mas half's? Ich konnte mich nicht rühren. Es war mir eingefallen, hinauszugehen und ihr zn danken für die Liebe, die sie mir gegeben hatte, für all die Träume und Stimmungen, all die Erhebungen und Hoffnungen, all die Gott, was wußte ich! für alles, alles!

Aber ich konnte mich nicht rühren, nicht vom Fleck, nicht räuspern, nicht atmen, llud so saß ich wieder eine Meile. Dann hörte ich ihre Stimme. Ich lauschte scharf Sie flüsterte halb:Der Lukas ist gekommen," sagte sie, er ist drin." ...........

So, er ist drin?"

Es lvar der Vater. Ich hörte noch ein Flüstern, ich verstand es aber nicht. Dann trat der Vater ein. Hinter ihm leuchtete das Luischen. Es stellte die Lampe auf den Tisch und verschwand.

Guten Abend, Lukas!" sagte der Vater.

Ich stand auf und gab ihm die Hand.

Bist unverhofft gekommen!" sagte er.

Ja!"

Bist doch nicht krank?"

Nein."

Dann blieben ivir beide stumm. Wir standen noch einander gegenüber. Ich einen halben Kopf größer wie der Vater. Aber ich stand doch klein vor ihm. Er lvar vollständig sicher, nur suchte er das erste Wort.

Wir wollen uns setzen, Lukas!"

Mir taten es.

Luischen, bring uns eine Flasche Wein und Gläser!" Ich trinke nichts, Vater!"

Dann laß, Luischen. Hast du Hunger?"

Ich esse auch nichts."

Da löste sich etwas in mir. Heiß kroch mir's ins Gehirn. Ganz klar bewußt ward mir: ich haßte ihn. Ich erschrak gar nicht. Ich stand ganz unter diesem furcht­baren Eindruck: ich haßte meinen Vater, lind ganz aus diesem kalten Empfinden heraus sagte ich:Du willst was reden, Vater, red's!"

Er war aber gar nicht erstaunt.

Ja," sagte er.Aber erst etwas! Ich rede, nicht du! Ich bin dein Vater, dn hörst mich an; das fordere ich, Menn ich geredet hab', dann ist die Reihe an dir. Wenn du dann noch ettvas zu sagen hast."

Dann atmete er tief, ohne zu seufzen, mir, wie um seine Kraft zu sammeln.

Du bist nicht erwartet worden hier, Lukas, und nun bist du zu viel. Dn tri^t's anders, als du denken konntest. Deine Mutter, die die vielen, vielen Jahre krank war, ist tot; du warst weit weg, als sie starb, und ich stand allein, da half mir das Luischen; fie half der Mutter über ihre letzten Stunden, sie half mir in meinen Sorgen, sie war wie mein Kind, fie wurde lvie meine Frau. In Ehren! Ich habe sie zu hoch achten gelernt. Sie hat Pflichten auf sich genommen für mich; da bin ich mit ihr zusammen­gewachsen, da hast du sie verloren"

Da hast du sie mir genommen!" unterbrach ich. Er blieb aber ganz gelassen.

Da hab' ich sie mir genommen, ja. Der Druck, der die langen Jahre auf mir gelastet hatte, war durch deiner Mutter Tod von mir genommen. Es ist keine Kleinigkeit, lange Jahre eine kranke, sterbende Frau zn haben. ' Ich hab's ja getragen, ich hab' ja nie gemurrt; ich hab' ihr ja immer gern beigestanden und ihr das Leiden leichter ge­macht. Tie Arme, sie hatte ja das Schlimmere! Ganz recht, aber es, lag auf nur wie Zentnerschwere. Und heimlich.schrie