Wodurch Tann man nun die Energie, die Willenskraft eines' Menschen fördern?
Ich- will nur das erörtern, was Beim Erwachsenen zu geschehen hat.
. . Tas wichtigste Mittel zur Ausbildung der Willenskraft ist die Arbeit, die körperliche und- geistige, sofern sie nur einen bestimmten Inhalt und ein bestimmtes Ziel hat. Wertlos ist die Arbeit, wenn sie nur eine Spielerei darstellt, . wenn sie den Menschen während der Tätigkeit nicht erfüllt und nicht in Anspruch nimmt. Je mehr die Stimmung dabei angeregt wird, um so wertvoller ist die Arbeit.
Tarin liegt der überaus große Wert der gemeinsamen, wetteifernden Tätigkeit. Tie Vorkämpfer des Turnens und der Volks- und Jügendspiele haben das Jüngst erkannt. Leider hat das Schulturnen laugst nicht überall die richtigen Methoden emgehalterr. Für einen richtigen Wetteifer ist es nötig, daß das gesteckte Ziel allen erreichbar ist und daß es wirklich mit Eifer erstrebt wird. Tas hört natürlich auf, sobald die Aufgabe auch nur für einen Teil der Hebenden ; u s ch w e ö iü, denn dann Hört bei diesen das Interesse und- die wirkliche Willensanspannung auf, und an deren Stelle treten Langeweile und Gleichgültigkeit, _ bie schlimmsten Feinde der Willensbe- tätigung. Bei dein freigewählten Sport der Erwachsenen ist das ganz anders; hier kann sich feder die Art auswahlen, die ihm zusagt, und sich Beim Wetteifer denen- zugesellen, denen er an M.ften etwa gleichkommt. Ta her das bleibende Interesse, das die Mitglieder der Turnvereine jahraus jahrein zu- sammenhält, daher die gemeinsame Lust der Anderer, Tennis- spieler, Radfahrer, Bergsteiger, Wanderer, Schwimmer und wie alle die Sportvereinigungen heißen mögen. Neberall wird bei ihnen die Willenskraft geübt, um so mehr natürlich, je schwerer sie lidj die Ziele stellen. Bei der geistigen Arbeit, der Erwachsenen ist es viel schwerer, ein Maß für den Wcit- tifer, zu finden, vielleicht kann man am ehesten noch die Weitschreiben der Stenographen! hiev als willenstärkend anführen. Die «chachwettkämpse liegen zu sehr auf dem Gebiet einer unproduktiven Tätigkeit, um sich zur allgemeinen Willensstärkung zu empfehlen. Dagegen ist eine sehr wertvolle Art der Arbeit in unserem Sinne die H a u d s e r t i g k e i t s ü b n n g, das gemeinsame Verfertigen von Tischler- Buchbinder-, Trechsler- und ähnlichen Arbeiten, die Gärtnerei und anderes mehr. Sie sind Inn fa, wertvoller, weil dabei zugleich die Sinne angeregt und! geschärft werden, denn ersahrUngsgemäß wirkt auch die Ausbildung der Sinne fördernd auf die Willensstärke.
Eine weitere wichtige Quelle zur Stärkung der Energie ilt die richtige Ausbildung ^>es Gemüts lebens, in der Rich- tiing zur Abhärtung und Stählung. Es ist bekannt, wie wichtig für den' gesunden Menschen die Beherrschung den Skimmuügcn Und Affekte ist. Eine gnle Art der Willensiibnug ist, sich gegen I Geräu s ch c mit Willen unempfindlich zu machen. Auch sehr empfindliche Menschen können das. Es ist ein direkter Fehler, wenn man glaubt, nervöse, besonders geräuschempfindliche Menschen müßten sich in' eine möglichst ruhige Gegend begeben, sich die Ohren verstopfen, ihre Wohnungen mit Doppel sensterft und undurchlässigen Teppichen ausstatten, in Gasthöfen int obersten Stock wohnen, damit niemand über ihnen gehen kann usw. Auf. diese Art wird- allmählich eine immer größere Empfindlichkeit erzielt, die schließlich nur noch von ganz imab- Wngigen und sehr reichen. Menschen, im' Leben durchgesetzt werden kann. , Vielmehr ist es durchaus ratsam, sich.von solchen I störenden Einflüssen möglichst unabhängig zu machen, sich fest I vorzunehmen, daß man z B. trotz, eines störenden Geräusches I cmichlawn Wilk. Man wird in solchem Falle am Einschlafen I gewöhnlich nicht durch die Stärke des Geräusches verhindert, | svuderii dadurch, daß man sich ausregt, auf das Geräusch I «aitet oder das weitere Eintreten von Störungen befürchtet und darüber die znm Einschlafen nötige Ruhestimmung verliert. Macht man dagegen, den Versuch,^-das Geräusch zu überhören', sagt mar. sich eindringlich, daß es durchaus nicht so laut ist, daß man nicht dabei schlafen könnte, erinnert man sich daran, daß man z. B. in der Eisenbahn bei viel stärkerem Lärm und dazu noch in unbequemerer Lage ganz gut geschlafen habe, so wird es ■ mit der Zeit gelingen, sich darüber hinwegzusetzen, ■xilt aber erst einmal der Erfolg eingetreten, so hat man für immer gewonnen. Mau glaubt ja so oft, bei einem nnan- genehmeit Geräusch nicht arbeiten zu können, z. B. wenn vor dem Fenster gepflastert wird, und.wirft zornig die Arbeit Bei Seite; ist aber die Arbeit unaufschiebbar, so versenkt man sich bald so hinein, daß man die Störung -nicht mehr merkt. Tie Konzentration,. bie Sammlung und Anspannung ,der Auf- Urc r ksam ke i t- ist dnch eine Willenshandlung, die ganz besonders geeignet ist, uns mit Befriedigung zu erfüllen und unsere lieberzengnng von unserer Willenskraft zu stärken. Wir verlangen solche gespannte Aufmerksamkeit schon von den kleinen Schülern in der Schule gegenüber Gegenständen, die sie gar uid;t interessieren, und unter mächtig wirkenden Ablenkungen, z. B. wenn Militärmusik an der Schule vorbeizieht, ferner bei den häuslichen Schularbeiten, wobei oft genug nebenan die Nähmaschine klappert oder kleinere Kinder schreien- oder ältere Versoneu sich unterhalten. Es genügt durchaus, sich an solche Beispiele und das dabei von Kindern Erreichte zu erinnern, um
mit einer gewissen Beschämung zu erfüllen, wenn ihre Willenskraft dazu nicht ausreicht.
Eine andere wertvolle .Willensübung ist es', Schmerzen ertragen. Wir- sind in dieser Hinsicht in der Zeit beö Ehlorosorms und namentlich der zahlreiches harmloseren Schmerzstill11ngsinittel, wohl gar zu zart geworden. Ter Patient verlangt vom Arzte, auch vor den geringsten Schmerzen, die sich vielleicht einstellen könnten, sicher geschützt zn werden; das Ausziehen eines Zahnes ohne -Aufhebung der Empfindlichkeit ist kaum mehr denkbar. Tabei kommt wirklich nicht viel Gutes .fl'Eis. Ful Striege 1870/71 haben viele Verwundete, uament- lich Osfiziere, für schmerzhafte Operationen das Chloroform ver- chmaht, weil sie meinten, ein richtiger Mann müsse auch einen festigen Schmerz ertragen können. Das dürfte heute eilte sehr teltcnc Forderung an den Chirurgen geworden sein! Gewiß ist es zweckmäßig und gerechtfertigt, Schwachen und Schwer- leidenden unnötige Schmerzen zu ersparen und dem Operateur ein völlig sachgemäßes, gründliches Borgehen dadurch zu erleichtern, dag die. Schmerzäußerungen und die Unruhe und Ungeduld des Kranken ausgeschaltet werden, aber für ein Zahn- geschwur, einen Furunkel, einen durch einmalige Ueberanftrengung e>ngetretenenKopfschmerz gleich zu schmerzstillenden oder gar vemubenden^Mifteln. zu greifen', ist ganz unnötig. Jeder Sänge muß in der «chule Schmerzen von den Mitschülern oder vom Lehrer erdulden,, ohne mit der Wimper zu zucken, wenn das Ehrengesetz der Klasse ras vorschreibt, und er führt es auch! durch; in einer unbedeutenden Krankheit macht er von viel geringeren Schmerzen bas größte Aufheben, wesentlich deshalb, weil bemitleidende An- geh-orige in der Nähe sind.
Auch die Empfindlichkeit gegen allzu Helles Licht, gegen starke Gerüche, gegen Ekel usw. kann durch den Willen bis zu einem' gewissen Grade unterdrückt werden. Es gibt Erwachsene, die, ohne ciugeuleidend zu sein, eiste wahre, Angst gegen jedes grellere Licht iiußern,. andere, bie bei jedem- stärkeren, unangenehmen Geruch oder bei der bloßen Vorstellung ekelerregender Dinge gleich an- smrgen zu würgen oder sich zu übergeben-. Auch das sind- Dinge, lvo der Wille krustig beherrschend einwirken und die-Unliistäiißernng unterdrücken muß.
lsur Willensbeherrschung erzieht man sich auch durch möglichste Gewöhnung an ruhiges Ertragen v on Kälte und! H i tz e. Zahlreiche Menschen finden es schon unerträglich heiß, wenn tut März oder April die ersten Sonnentage in Deutschland! lächeln; sie stöhnen den ganzen SoMmer über die fürchterliche! Hitze und klagen schon im September über die schauderhafte! Kalte, wenn das Thermometer noch mehr als 10 Grad zeigt. *,c »komme» um", wenn im Winter im geheizten Ziminer einige Grad zu viel sind-, können aber nur zaghaft lüften, um- sich nicht I V1 ^kälten" und- könnest „fein Auge zutun", wenn mehr I 6G 12 Grad Reaumur tut Zimmer sind- (obwohl sie- im Sommer auch hei 18 Grad- und- mehr ganz gut schlafen). Dieselben' Menschest sind es, die in jedem Eisenbahnabteil „ersticken", wenn vernünftige Reiseude wegen immer lviederkehrendeil Tunnel die Fenster geschtossen Belte«, und die „sich den Tod- holen", wenn einen! Augenblick das Fenster geöffnet wirb, um Zigarrenrauch oder Eßg-cruch Hinauszuschafjeu. Ihrer eigenen Empfindlichkeit zuliebe verlieren )ie rede Rücksicht auf eine Mehrheit von Mitreisenden, was ist nicht nur ungezogen und unerzogen, sondern ein schwerer Oehler gegen die eigene Willensherrschaft!
Solchen Fehlern gegenüber kann nicht dringend genug bat'an erinnert werden, daß es eine große Wahrheit gibt: „Tu bist von altem Leid befreit, wenn du -nut willst!" Wo allerdings wirkliche Krankheit torlicgt, darf nicht die Willenskraft allein! sprechen, weil sonst die Heilung! darüber versäumt wird; hier hat zunächst der Arzt zu sprechen und vorzuschreiben, wieweit der stille lern Recht haben soll, wieweit er sich beugen muß unter die Notlvendigkeit und, den Zwang des Krankenrechts'.
Viele Menschen halten es- für ein Zeichen von Gntm'ütig- srit, wenn sie niemand- etwas abschlagen können, während es m Wirklichkeit eine Aenßerung von Schwäche ist. Tie Willens- skarke kann auch dadurch geübt werden, daß man anderen wider- Uirirfjt und sich auch gegen seine Neigung zwingt, ihnen das in sachlicher Weise zu begründen, gerade wenn man das ungern tut ^u gewisser Hinsicht ist alles, was man u n gern tut, eine be- londers gute Hebung für den Millen, ebenso wie der eigene, freie Entschluß, etwas zu entbehr c n oder sich Angenehmes' zu versagen, ferner z. B. gegen seine Neigung morgens frü-h ans- z u stehen, auch wenn man schlecht oder zu kurze Zeit geschlafen hatte.
V1. Per diesen Tarlegimgeu genau gefolgt ist, wird zahlreiche Winke für die Ausbildung feiner Willenskraft darin gefunden haben iinb bei weiterem Nachdenken noch viel «refft finden Jeder weiß schließlich am besten, was ihm selbst schwer wird: bei dem! einen >st es die Unterdrückung von Schmerzen, bei anderen die Be- kampsnng seiner Launen, bei wieder anderen Schreckhaftigkeit, Geräuschempfmdlichkeit, der leicht verscheuchte Schlaf und anderes' mehr. Wenn mau sich vorstellt, daß eine schwere Verstimmung i-iirrt)! ein paar Gläser Wein gehoben werden kann, so wird man leicht zu der Ueberzeugung kommen, daß dasselbe doch auch durch den mächtigen Menschenwillen erreichbar sein muß. Man muß verstehen - und inan fan.it es lernen —, sich immer wieder zu sagen: ich will nicht verstimmt fein, ich will jetzt schlafen, ich


