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diesen Worten nahm sie den mit so viel Liebe und Mühe gepflückten Strauß und warf ihn zum Kehricht. Sie bedachte nicht, daß sie mit den Blumen auch die kindliche Liebe, Ehrfurcht und Dankbarkeit, die ihr der Knabe entgegenbrachte, auf den Kehricht warf. Ihr Herz war hart; es wußte nichts von Liebe und Güte.
Mit Tränen in den Augen schlich Jan fort. Wieder fühlte er tief im Herzen den feinen Stich. Au der Gartenpforte stand Jak mit höhnisch verzerrten Zügen.
„Wolltest dich wohl bei der Tante anschmieren?" fragte er. „Du bist doch eilt rechter Töskopp."
Jan antwortete nicht. Innerlich wurde er dem Bruder und der Tante immer mehr entfremdet-
Tie Wege der Knaben gingen mit der Zeit immer mehr auseinander. Jak verkehrte am liebsten mit den wildesten und bösartigsten Knaben des Dorfes, mit Haus Heesch, der tagelang die Schule schwänzte, und Jörn Neve, der in den Gärten Aepfel und Birnen stahl. Er trieb sich mit ihnen auf der Chaussee und den Landwegen herum; sie rauchten Zigarrenstummel, sie schlugen einander die Köpfe blutig und heckten dann wieder die tollsten Streiche aus.
Jan verabscheute dies. Er verkroch sich am liebsteu mit einem Buch in einen Winkel des Gartens oder später, als es kälter ivurde, in der Lvhdiele. Er floh oft, wenn er seinen /Bruder kommen hörte; denn er hatte viel unter dessen brutalem Wesen zu leiden.
Um die Kleidung ihrer Zöglinge kümmerte Mamsell sich nicht viel; sie gingen ärmlicher gekleidet als die Arbeiterkinder.
„Tie armen Jungens," sagten die Frauen, wenn sie die Dorfstraße entlang gingen in den ausgewachsenen Hosen, „wie lang und mager sie sind!"
Manche steckten ihnen wohl heimlich einen Heißeweckeu oder ein Förtchen zu, aber keiner fiel es ein, die arme» Knaben in ihre Arme zu nehmen und ihnen die häßlichen, vorzeitig erscheinenden Furchen aus der Stirn zu streichen.
„Tie armen Jungens," sagte auch die Frau Pastor, die eine sehr wohltätige Frau war, „sollte man nicht etwas für sie tun können, lieber Mann?"
„Nein, liebe Frau, das geht nicht. TaS würde die alte Mamsell uns sehr Übelnehmen; sie hat auch ihren Stolz. Habe nur keine Angst; die Jungen kommen schon durch. Ein paar Jahre weiter, dann hat die frische, fröhliche Jugend den Sieg davougetragen über das unfreundliche Alter."
Pastor Reimers war ein Optimist; er betrachtete alles durch die Brille der sorglosen Heiterkeit.
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Das Weihnachtsfest rückte heran. In allen Häusern, selbst in den kleinsten und ärmlichsten, roch cs nach Brauu- kuchen und Bratballeu. Die alte Lehmbeksche, die sonst immer nur ein Quartier Milch bekam, holte noch ein Quartier extra für 'cn Rosinenstuten. Auf Spätinghof wurden keine Borber Zungen zum Fest getroffen. Als Jak einmal daraus anspielte, stieß die Tante ein höhnisches Lachen aus.
„Ich sollte Stuten backen, wo ivir keine Dieustdeern und nichts haben? Für wen soll ich denn backen? Wenn ich Schwarzbrot esse, könnt ihr's auch. Zinn Stuten gehört auch Butter."
Es wurde ein trübseliger Weihnachtsabend. An diesem Tage standen sich.die buibvii .Brüd.er..eiu wenig näher als sonst; denn heute blieben selbst die tollsten Jungen daheim. Sie standen am Wohnstubenfenster und blickten hinaus auf die öde, trostlose Gegend..
„Keinen Stuten," knurrte Jak, die Faust ballend, „nicht mal Stuten!"
„Ich wollte bloß, ich hätte einen kleinen Tannenzweig mit einem Dreilingslicht," flüsterte Jan.
„Was kann man davon essen?" sagte Jak mit verächtlichem Lachen. Dann starrten beide, das Kinn in die Hände vergraben, hinaus auf die schneebedeckten Fennen.
Mamsell rumorte unterdessen im Stalle herum und unterhielt sich mit ihren Kühen. Sic, die die Menschen haßte, die für niemand eilt freundliches Wort hatte, schenkte alle Liebe, deren ihr hartes Herz fähig war, diesen Krea- tureu. Mit ihren Kühen unterhielt sie sich. Tie Kühe hatte sie lieb. Sie streichelte sie, sie klopfte sie auf beit Nacken. Ihnen vertraute sie alles an, ihre Sorgen und ihre Freude.
„Stuten will er haben, der dumme Jung. Stuten! Wir haben auch keinen Stuten, was? "
Von dem Turnt der nahen Dorfkirchc erklangen hie
Weihnachtsglocken. Jak und Jan nahmen ihr Gesangbuch unter den Arm und gingen in die Kirche, wo eilt prächtiger Lichterbaum brannte.
Hier, zwischen den festlich geputzten Menschen und Seit singenden Kindern, wurde ihnen doch ein bißchen weihnachtlich ums Herz.
Von der Kirche eilte alles schnell nach Hause zur Bescherung.
Fak und Jan hatten es nicht nötig, zu eilen, auf sie wartete nichts. Auf ihrem Tisch stand nichts weiter als. die magere Grütze, Schwarzbrot und Schweinefett. So. gingen sie denn langsam die Straße entlang und guckten in die Fenster. Sie sahen, wie bei Matthias Schneider auf den Schneidertisch eilt Bäumchen gestellt wurde; das Bäumchen wackelte, und die Lichter standen schief. Ter Schneider lief noch mit Schere und Zeug herum, da brannten schon die. ersten Lichter. Bei Frie Kröger strahlte der Baum schon in vollem Glanze, und die Kinder saugen: „Stille Nacht, heilige Nacht." Sie kämen auch bei der alten Nähsüßel vorbei, die neben ihrem Stuten zwei Lichter aufgestellt hatte und sich selbst mit lauter Stimme einen Vers aus beut Gesangbuche vorlas. Einen Augenblick blieben sie noch au Thoms Zimmermanns Tür stehen, Thoms Zimmer- mauu, der bie vielen Kinder hatte. Hier roch es nach frischen Förtchen bis auf die Straße hinaus, und als Jak das Ohr an die Tür hielt, hörte er es ganz.deutlich in der. Küche zischen und brutzeln.
Sie gingen weiter mit großen, hungrigen Augen.
Als sie an Gorg Bäckers Haus vorbeikameu, stand die. Bäckersche in der Tür, als ob sie auf sie gewartet hätte. Der Helle Schein der Labenlampe fiel auf die Straße. Die Frau winkte den beiden zu.
„Na, für euch ist wohl auf Spätinghof feilt Stuten angerührt worden?"
Als die Knaben verlegen zu Boden sahen, Holte sie zwei mächtige, blanke, braune Stutenkerle heraus.
„Hier habt ihr euren Weihnachtsmann," sagte die gutmütige Frau.
Jak biß seinem -Stutenkerl gleich den Kopf ab.
„Junge, der schmeckt!"
Jan betrachtete sinnend die Rosiucuaugeu und den Goldschanm auf der Brust und dachte, ein Tannenzweiglein und ein Lichtlein wäreu ihm beinahe noch lieber gewesen.
(Fortsetzung folgt.)
Die Willenskraft/)
Jede Bewegung, die wir bewußt vornehmen, ist eine Willensäußerung. Der Wille sehr die Wahrnehmungen und Vorstellungen nach außen in Handlungen um.
Ter Wille erstreckt sich zunächst auf das Gebiet der körperlichen Leistungen. Welch ein Unterschied zwischen den unvoll- kommenen Bewegungen des Kindes, seinem unsicheren Greifen! nach Erreichbarem - und Unerreichbarem, seinem tappenden Gange usw. und den von sicherem Geiste geleiteten Bewegungen des Mechanikers, der an einem winzigen Uhrwerk oder an einem! anderen feinmechanischen Dinge arbeitet, dem Fingerspiel eines Künstlers am Klavier oder auf der Violine, eines Schützen, der ein fernes Ziel zu treffen versteht, eines Turners, der anscheinend! unmögliche Hebungen durchführt. Ueberall prägt sich tinver- kennbar aus, wie die Herrschaft des Geistes über die Muskeln auch wieder der geistigen Vollkommenheit dient. Körperlich straffe und bewegliche Menschen Pflegen auch geistig reger und eut- schlußfähiger zu sein.
Durch die Abhängigkeit von bewußten Vorstellungen unterscheidet sich der Wille von den Trieben. Diese sind nichts als Instinkte, die wir von unseren Vorfahren in der Menschen- cntu ickelung ererbt haben und die .mit der Erhaltung des Lebens in Beziehung stehen. Ihre Mußerungen, wie z. B. die Nahrungsaufnahme, gehen aus mehr oder weniger bestinnuten Gefühlen hervor, in dem genannten Falle aus dem Hungergefühl. Triebe, die über das natürliche und notwendige hinansgehen, nennt man Leidenschaften. Den Trieben gegenüber hat der Wille vorzugsweise eine negative, hemmende Ausgabe, er soll sie zügeln und in der Gewalt behalten und sie unter beit Einfluß der Ueberlegung stellen. Je größer seine Fähigkeit dazu, nur so höher ist die Willensansbildnng eines Menschen zu werten: Tas Kind und der Erwachsene, der llngebildete und der Gebildete weisen hierin die größten Unterschiede auf. AIS energischen-Menschen bezeichnen wir den, der nicht nur die Beweguugs-, sondern auch die Hemmungsvorricht,ingen seines Körpers jeden Augenblick in der Gewalt hat.
*) Wir entnehmen diese Abhandlung dem bekannten Volksbuch: Hygiene der geistigen. Arbeit von Dr. med. Otto Tornblüth.


