Ausgabe 
1.4.1909
 
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Donnerstag -en April

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My Nr. 52

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Spätinghof.

Roman von K. v. d. Eider.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Früh um acht Uhr ging es zum Kantor Steffens in dre Schule, der Kantor war ein guter alter Mann, der sein Interesse teilte zwischen der Schule und seinem Obstgarten, die er beide gleich sehr liebte. Im praktischen Leben war er hilflos uni) unerfahren wie ein Kind; in der Schule da- gegen war er ein Weiser. Er war groß und hager, bis auf die Fräse unter dem Sinn, ohne Bart. Das ganze Jahr hindurch trug er denselben dunklen Buckskinanzug, in welchem er int Winter fror und int Sommer schwitzte. Als Zeichen seiner Würde, um den Kindern zu imponieren, trug er eine Brille, über die er jedoch geflissentlich hinwegsah. Seine liebste Freundin und Gefährtin war seine lange Pfeife; ohne diese sah man ihn selten.

Zlt diesem Lehrer fnnteit Jak und Jan. In die Schule gingen Knaben und Mädchen. Auf der rechten Seite saßen die Mädchen, ans der linken die Knaben.

Jak und Jan erhielten ihre Plätze nach ihrer Größe angewiesen. Geräuschvoll und dreist sich umsehend, nahm Jak den feinigen ein, während Jan sich schüchtern und leise niederließ. Erft nach einer Stunde wagte der Kleine sich um- zusehen. Da nickte ihm von der Mädchenseite ein Helles Blondköpfchen mit lieblichen Blauaugen freundlich zu. Es war Frauke, des Kantors Aelteste, die es als Lehrers­tochter für ihre Pflicht ansah, allzu schüchterne Kinder aufzu- ntuntern. In diesem Augenblick fühlte der arme verwaiste Knabe zunt erstenmal ttaeh der Mutter Tod ein freudiges, warmes Gefühl in seinem Herzen aufquellen. Ihm war es, als ob die toeiche«Hand der Verstorbenen ihm übers Haar striche und ihre liebe, leise Stimme spräche: Min lüttie Jan . . .

Wenn die Reihe zu antworten an die Knaben kam, leierte Jak seine Autloorten laut und rasch, ohne zu stocken, herunter, mochten fie nun falsch oder richtig sein. Jans Antworten kamen leise und zögernd heraus, und gab er mal eine besonders gute Antwort, dann bekam er einen roten Köpft Dann fühlte er, obgleich er nicht aufsah, ganz deutlich, ivic zwei helle Mädchenaugen mit freundlichem Blicke auf ihm ruhten.

Kantor Steffens hatte sich bald ein Urteil über seine beiden neuen Schüler gebildet. Er pflegte feine Obstbämne mit Kindern und Kinder mit Obstbäumen zu vergleichen. Sehr oft remitierte er hierbei den Vers:Haut ab, spricht Gott, den faulen Banin, der keine Früchte trüget."

Der Jakob Thomsen," sprach der Kantor,ist ein wilder Baum, und stark, sehr stark ist er. Meine Klinge ist 'für den zu weich; der muß in andere Hände kommen, in die des Obergärtners." Mit dem Obergärtner meinte er Gott und mit dessen Hand das Schicksal,

Der Johann aber ist aus anderem Holze gewachsen,^ pflegte er fortzufahren.Wenn ich den noch ein bißchen okuliere, wird er bald tragen. Bloß ein bißchen schwach ist er noch, nicht an Wind und Wetter gewöhnt; er müßte eine Stütze haben."

So okulierte, pflegte und stützte er Jan. Jak ließ er laufen; die Sorge für diesen übertrug er ohne weiteres dem Obergärtner.

Die, Knaben lebten sich nach Kinderart bald in ihre neue Heimat ein. Wenn man sie fragte, Ivie es ihnen auf Spätinghof gefiele, antworteten fie stets dasselbe:Gut."- Es wurde ihnen ja täglich von der Dante vorgehalten, wie gut sie es hätten. Fragte man sie, was es zu Mittag gäbe, dann antworteten sie auch stets dasselbe.Supp' und Kliintp" (Suppe und Klöße). Sie wußten ganz genau, daß um die Mittagszeit etwas Ivie eine Brühe auf dem Tische stand, worin harte Klumpen heruntschwammen. Nach dem Essen gingen sie jedesmal in den Garten oder in den Hühnerstall und später auf den Heuboden, wo sie ihre Aepfel« uester hatten.

Zn einer regelrechten Beschäftigung hielt die Tante sie nicht an; dazu führte sie selbst ein zu regelloses Leben. Es kamen Tage, au denen sie die Knaben mit Scheltworten und Schlägen an die Arbeit trieb, wo sie trotz allen Fleißes ihr nicht genug leisten konnten; denn einen Arbeitsmann wollte sie jetzt nicht mehr halten. Aber es gab auch Tage, an welchen sie nach Herzenslust herumstreifen konnten; nremaud rief sie zum Essen, niemand schickte sie ins Bett.

Warum die Taute wohl immer so böse aussieht?" grü­belte Jan oft.Sie ist doch reich, hat einen schönen Hof

Garten und Fennen dazu mit Kühen und Schafen. Vielleicht hat sie niemand ans der Welt, der sie lieb hat Aber sie hat uns doch! Warum hat sie uns nicht lieb? Viel­leicht denkt sie, wir mögen sie nicht leiden. Ich will es ihr zeigen, daß ich fie gern recht lieb haben möchte. Einen schonen Blilmenstrauß will ich für fie pflücken, den kann sie auf die Kommode stellen, tote es die Mutter immer tat bann sieht die Stube nicht so düster und kahl aus. Ob sie mir dann wohl übers Haar streicht und mir einen Kuß gibt, tote es die Mutter immer tat, ober ob sie bloßDanke, mein Junge", sagt und mich ein bißchen freundlich ansieht?"

Jan pflückte Blumeit; im Garten wuchfen ja die schönsten Bltimen wild empor. Da gab es zarte, große Glocken­blumen; feine, weiße Sternblümchen; im Zaun blühten Hecken röschen und Anemonen, zwischen Wurzeln und Peter ­silie standen duftende Reseden und Stiefmütterchen Es wurde ein prächtiger Strauß, und Jans Augen strahlten vor Glück, als er ihn der Tante reichte.

Trienlieschen hatte gerade den Besen in der Smith, um ben Kehricht von einer Stelle des Hofplatzes auf die andere zu fegen.

.Bist du verrückt. Jung'?" keifte sie.Denkst, ich mach mir .was aus so'n Krautkram? Grvt de Höhn er!" Bei