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derselbe, aber er wiederholt sich nie. Seine blühende und überzeugende Phantasie sand eben in jedem neuen Gedanken, in jedem neuen Vorwurf den Anreiz zu neuen Produktionen, zu einer neuen Abart des gedanklichen Ausdrucks. Darum ist jedes einzelne Stück, das seinem Geist entsprossen ist, eine stets willkommene Ueberraschung für den Ausnehmenden, eine Quelle des bizarren Reizes, des koketten Spiels zwischen Gedanken und Form. So wie etwa ein geistreicher Causeur mit den Gedanken spielt, sie auf-- leuchten und glitzern läßt, Licht und Schatten verteilt, mit sicherer Beherrschung des Stosses, so weiß auch Chopin die musikalische Phrase zu schleifen und zu formen, hier Licht auf sie fallen zu lassen, dort sie mit denk Düster eines gehet,nnisvollen Schattens zu umgeben und mit den künst- lerischen Mitteln der Gegensätzlichkeit im Ausdruck tiefe Wirkung hervorzubringen. Für die Kunst des Klavierspiels bedeutet Chopins Lebenswerk ein Geschenk des .Himmels. An ihm erlaben sich Generationen von. Musikfreunden und künstlerisch veranlagten Naturen, denn die pianistische Ausdeutung seiner Kunst ist an sich eine Kunst selbst geworden. Eine Kunst, die im Fortschreiten erfreuliches hervorbringt, weil sie den Anstoß gibt' zur Vertiefung in ein weites Reich von schwerwiegenden Gedanken und zur Vervollkommnung der technischen Reproduktionen dankbarer pianistischer Aufgaben. ---— I. C. Lußtig.
Beim Schmugglerkönig.
Von einem Besuch bei dem berühmten Schmugglerkönig von Savoyen, dem unter dem Kriegsnamen „l'Jso" berüchtigten Führer einer großen Schmugglerbande, die seit Jahrzehnten die Zollwächter an der französisch-italienischen Alpengrenze mit Leid und — wie es scheint — auch mit Freude überhäuft, erzählt ein Mitarbeiter des Matin. In jenen abgelegenen Grenzbezirken, wo der Schmugglerberus von Vater auf Sohn sich vererbt, genießt l'Jsö, der eigentlich Joson heißt, große Popularität, und zahllos sind die Anekdoten, die ,nan von dem kühnen Bandenführer erzählt, der seit nunmehr 56 Jahren sein Handwerk treibt, ohne daß es je den Behörden gelungen wäre, ihn festzunehmen. Er selbst, der heute ein noch rüstiger Greis von 68 Jähren ist, erzählt gern von den mannigfachen romantischen Abenteuern, die er im Lause seines bewegten Lebens erlebt hat, von der Kunst, die Zöllner zu überlisten, von den Aufregungen mancher gefahrvollen Flucht, von Ueberraschun- gen und von Ueberfällen. Wenn er von den Zöllnern spricht, gleitet ein leises Lächeln über seine Züge. Er steht sich sehr gut mit ihnen, und im Grunde ist es sein größter Stolz, die meisten seiner Gegner zu heimlichen Helfershelfern bekehrt zu haben. Aber nicht immer ist ihm das gelungen und oft mußte er List und Kühnheit gegen die Pflichttreue der Zollwächter einsetzen. Er erzählt mit Vergnügen, wie er einmal mit einem Schmuggelwagen, der in geheimen Fächern kostbare Schätze von Spitzen und Tabak barg, die Zollstation Bellegarde passierte, zwei Zollbeamte friedlich bei sich im Wagen, ohne daß man ihm mißtraute. Die beiden Zöllner hatten kurz vorher einen anderen Schmuggler verfolgt und dessen Waren konfisziert. Nun baten sie l'Jss, der gerade des Wegs kam, die beschlagnahmten Güter doch in seinem Wagen mitzuuehmen. Die Zöllner stiegen auf, man lud die Ballen dazu, führ fröhlich plaudernd zur Zoll- wache und leerte dort einen gemeinsamen Schoppen. In ihrer Freude über den gelungenen Fang übersahen es die Zollwächtcr, den Wagen l'Jsös einer Revision zu uirter- ziehen, und erst später erführen sie, welch kostbaren Fang sie sich entgehen ließen. Ein anderes Mal transportierte l'Jse einen Baumstamm über die Grenze, der ausgehöhlt und innen mit erlesenem Tabak gestillt war. Aber diesmal spielte der Zufall ihm einen Streich. Während er im Bureau mit denl Zollbeamten plauderte, kletterte das kleine Mädchen des Zollwächters im Spiel auf den Baumstamm, sprang darauf umher, die dünne Hülle brach und schreiend versank .sie in dem Tabak. Es gelang l'Jso, zu entwischen, aber er
scheint schwere Opfer gebracht zü haben, um später das beschlagnahmte Gefährt tviederzuerhalten. Doch nicht alle Geschichten, die der alte Schmuggler erzählt, nehmen ein lustiges Ende. An der Grenze war einmal ein Zollbeamter stationiert, der trotz seiner geringen Kenntnisse durch seinen Eifer tind seinen Ehrgeiz rasch avanzierte. Er wurde Leutnant, er wurde Kapitän. L'Jse spricht nicht sehr gern von ihm, denn der Beamte hat ihn 40 000 Frs. gekostet. Die Schmuggler hatten mit ihm ein Abkommen geschlossen: drei Transporte wollte der Kapitän passieren lassen, dafür aber sollte jeweils der vierte Transport beschlagnahmt werden. So genoß 'der schlaue Beamte die Bestechungen der Schmuggler und zugleich das Lob seiner Vorgesetzten. Aber eines Tages wurde der Vertrag nicht genau innegehalten, der Kapitän irrte sich Und konfiszierte statt der vierten die drei anderen Sendungen, kurz die Schmuggler merkten, daß der Beamte ein doppeltes Spiel trieb. L'Jse und die Seinen luden ihn zur Nachtzeit zu einer Unterredung und itt den einsamen Klüften des Saleve trafen sie mit dem verräterischen Bundesgenossen zusammen. Aber was in dieser Nacht geschah, davon spricht der Schmugglerkönig nur wenig. Er senkt dabei die Stimme und am Schlüsse der Erzählung meint er verächtlich: „Es war ein Feigling, ich glaube, man tat ihm nicht allzuviel; es war ein Feigling, er toeiiite." Der Beamte kehrte am Morgen mit blutigem Kopfe nach Hause: durch einen „Unglücksfall" hatte er das eine Ange verloren, das, das er zuzudrücken vergessen hatte . . .
Literarisches.
— H n m o r i st i s ch e G e d i ch t e („Hausbücherei" Band 29/30. — Deutsche Humoristen 4.—5. Band). Verlag de» Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung in Hamburg-Groß-i borstet. „Nu wüllt toi uns ook mal fix ameseeru!" ruft uns der große freudige Lebensbejaher Detlev von Lilien-? cron in einem seiner Gedichte zu, die in dieseni neuen Doppel-? band der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftuug enthalten sind. Diesen Zuruf könnte man dem stattlichen Bande alÄ Motto vorausgeben und noch dazusetzen, daß das Leben dieses Buches nicht allein ein oberflächliches Vergnügen be-? reitet, sondern vor allem eine tiefe Lebensfreude erweckt. Begonnen mit Gedichten, die uns, als „fliegendes Blatt" oder als „Volkslied" überliefert, keinen Bersasser- namen nennen, über bas Reformationszeitalter (Hans Fleming) und die Vorklassik zu den Klassikern hinüberleitend, dann über die Romantiker, hinüberführend in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, schließt der Band mit den bestell Dichtern unserer Zeit, aus der die bereits verstorbenen Brisch, Fontane, Seidel, JacobowSki sowohl tote die noch lebenden älteren und jüngsten deutschen Lyriker: Falke und! Lilieucron, Trojan und Blüthgen, Flaischlen und Bierbaunt und viele andere zu ttns sprechen. Sie alle geben uns Proben davon, was ihnen die Freude am Dasein für sich und andere in Herz und Mund gelegt hat. Es werden hier nicht lediglich Schnurren geboten, mögen auch solche vertreten sein, aber das Reich des Humors erstreckt sich ja viel, viel weiter, Wo immer der Widerstreit zwischen Idee und Wirklichkeit zutage tritt, da hat er auch sein Banner mit der „lachen-? den Träne" aufgepflanzt. Innerhalb der gesteckteit Grenzen erscheint hier der Humor nach allen Seiten mannigfache^ Ausstrahlungen und Spielarten.
humoristisches.
* Resignation „Heute hat meine Frau Geburtstag.' — „Gratuliere. Wie alt lvird sic denn übrigens?" — „Fragen Se gar nicht. Der einzige Reiz, beit se noch hat, ist der Hustenreiz.'
* Erster Gedanke. „Jetzt ist wieder ein neues Bur gebraut lvordeu. — Herr Wamperl: „So! Kann man da mehr davon trinken?"
Rätsel.
Werke der Kunst erschaffe ich, ialls mich Meisterhand führet.
Raubst du mir aber den Kopf, werd ich vom Erdreich ein Stucr, Auflösung in nächster Nunnner.
Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: Wer einmal lügt, muß ost zu lügen sich gewöhnen, Denn sieben Lügen draucht's, um eine zu beschönen.
Rückert.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R, Lange,. Gießen.


