Schon in seinen« neunten Lebensjahre spielte Chopin öffentlich; er tvar ein Wunderknabe, der von der Welt mit Recht angestaunt wurde. Die erste musikalische Ausbildung genoß Chopin von den« Böhmen Zhwny rmd von Josef Elsner, dem Direktor der Musikschule zu Warschau. Nachdem er im Jahre 1827 das Gymnasium zu Warschau absolviert, trat er schoir öffentlich als Pianist auf und veranstaltete zwei Jahre später im Wiener Opernhause zwei Akademie«« mit durchschlagenden« Erfolg. Inzwischen hatte er auch schon kleinere Werke veröffentlicht ttitb verließ im Jahre 1830 als fertiger Klaviervirtuose seine Vaterstadt, um sich nach Paris zu begeben. Auf der Reise dahin konzertierte er in Wie«« und München ur«d als Vollendeter kam er nach Paris.
Doch nicht mir seine große Kunst als reproduzierender Künstler brachte er nach der französischen Hauptstadt, auch eine große Menge von eigenen Kompositionen führte er n«it sich, die er seinern bald erworbenen Freundeskreise sodann vermittelte. Eine Reihe von bedeutenden Männern jener Zeit wußte Chopin in kürzester Frist um sich zu scharen: Liszt,, Berlioz, Heine, Balzao, der Violinvirtuose Ernst und endlich Meherbeer, Persönlichkeiten, die «nit ihm geistig verbunden waren und die schon damals seine Eigenart als Künstler und Menschen zu würdigen verstanden. Wie ein leuchtender Stern «var er aufgestiegen und alles schien harauf hinzudeuten, daß eine glänzende,Laufbahn dem jungen Künstler beschieden sei. Bald aber senkten sich düstere Schatten auf die frohe Natur des Künstlers, der zwar empfindsam, aber nicht, wie man es so oft liest, von melancholischer Gemütsanlage war. Die Zeichen eines nicht ungefährlichen Brustleidens niachteu sich bemerkbar und im Jhhre 1838 war er genötigt, sich zur Linderung seiner Leiden nach Majoroa zu begeben. Mit George Sand, der von ihm schwärmerisch geliebten Dichterin, war er dghiu gegangen und sie pflegte ihn und sorgte für ihn eine Zeitlang. In den letzten Jahren seines Lebens aber mußte er auch dieser Stütze entraten; dazu bildete sich das liebel immer weiter gefahrdrohend aus. Elf Jahre hindurch schwankte die Gesundheit Chopins einmal zur tiefsten Tiefe der Gefahr, dann wieder in hoffnungsvollem Aufstieg zur endlichen Besserung, und in dem Gefühl, daß das liebel im Schwinden begriffen sei, unternahm der Künstler im Jahre 1849 eine Reise nach London, um dort mehrere Konzerte zu veranstalten. Ohne Rücksicht aus seine bereits völlig untergrabene Gesundheit aber hatte sich Chopin doxt in, die Wogen der Geselligkeit gestürzt, machte auch sogar noch einen Ausflug nach Schottland, und kam völlig gebrochen und aufs äußerste erschöpft «bieder nach Paris zurück. Im Herbst dieses Jahres verschied er.
Chopin ist als Musiker und Künstler ein Typus für sich allein geworden und geblieben. Rein theoretisch betrachtet hat seine Wirksamkeit für die musikalische -Kunst zwei positive Ergebnisse gezeitigt: Er wurde zum Schöpfer eines neuen Klavierstils und entwickelte int Anschluß an die neu gewonnenen musikalischen Ausdrucksmittel eine gegen früher völlig veränderte, neue Technik des Klavierspiels. Aber dies allein gibt Chopin die Bedeutung nicht, die er in der musikalischen Kunst besitzt. Diese Bedeutung liegt in seiner eigenen Persönlichkeit, in seiner zur musikalischei« Voll- kommeuheit geläuterten und zum Ausdruck verinnerlichten Poesie und in der Fähigkeit, bewegenden künstlerischen Gedanken eine sinnfällige Form zu geben, lind gerade in. dieser Hinsicht hat das nationale Element in Chopin wesentlich dazu Leigetragen, daß seine Eigenart den Weg fand, greifbar in die Erscheinung zu treten. Die nationalen musikalischen Elemente, die er in seinen Mazurkas und Walzern zum Ausdruck bringt, geben, wenigstens rein äußerlich betrachtet, die an« deutlichsten erkennbare Note, an der das spezifisch Eigentümliche Chopins sich emporrankt. Aber der leicht bewegliche Geist, beit er vom Vater geerbt hatte, vereinigt mit der kapriziösen Art feiner polnischen Nationalität, ließen erst die Blüten erstehen, die seine musikalische Wirksamkeit als Komponist hervorgebracht hat. Ohne
Rücksicht auf die Vergangenheit der Musik, inbezng auf Form und Inhalt, ging Chopin als Komponist seinen eigenen Weg. Was bisher als herkömmlich feststehende Form gegolten hatte, dünkte ihm nicht mehr als beengende Grenze, und da seine eigenen musikalischen Gedanken sich in die vorhandenen Formen nicht schicken mochten, so schuf er eben neue, bisher unbekannte. Darum ist Chopin in jedem Betracht so vollständig originell, weil seine Themen, ja seine musikalischen Arbeiten überhaupt Träger von ganz ein» zigartigen Gedanken sind, von künstlerischen Ideen, die zum Ausdruck streben, und die er in feiner genialen Art zu einem überzeugenden logischen Schluß führte, unbekümmert darum, ob die Zusammenfassung ihres Inhalts sich in eine der schon vorhandenen schematischen Formen einfügen könne oder nicht. Aus diesem Grunde entstand die fast rhapsodische Art der Tonsprache Chopins, das, was sich in ihr anscheinend frei und regellos deklamierend darstellt, in Wirklichkeit .aber das künstlerische Gefüge überzeugenden und wirkungsvollen Gedankenflusses einschließt.
Dies erklärt auch den Umstand, daß Chopin feine sogenannte „Schule" gemacht Hai. Keiner nach ihm war imstande, die gleiche Diktion des musikalischen Ausdrucks zu gebrauchen wie er, weil er eben sich und seine Seele selbst aussprach, weil das, was er zu sagen hatte, nicht als zu- samniengesuchtes Kunstmaterial ihm zur Verfügnirg stand, sondern weil er es als ungewolltes Ergebnis eines künst- lerischen Denkprozesses durch die ihm allein zugängliche Ausdrucksweise sich äußerte. Die viel gerühmte Originalität Chopins verliert den etwas ominösen Beigeschmack der künst- lerischen Mache, wenn man zur Erkenntnis gelangt ist, daß seine Tonsprache das getreue Abbild seiner Empfindung ist. Diese Empfindung aber strömt aus einer wahrhaft poetischen Natur zum Lichte, in der alles, was sie in deii Kreis ihrer inneren Erlebnisse zog, sich derartig entfaltete, daß es den Schimmer und den Glanz einer seelischen Umwertung erfuhr. Die kleinsten Gebilde seines Wirkens tragen unverkennbar diese Symptome der inneren Umbildung an sich. Aber auch in den großen Formen verlor er niemals den Blick für den Endzweck aller Kunstübung: Erhabene Gedanken in erhabener Weise zum sinnfälligen, Ausdruck zu bringen. DaS treffendste Beispiel hierfür ist die Art, in der er die Tanzformen behandelte. Der festgefügte Rhythmus des Walzers und der Mazurka schmiegt sich unter feinen weichen Händen der fließenden schönen Linie des Künstlerischen an. Was sonst. bei andern etwa in der Trivalität des sich wiederholenden Tanzschrittes uutergehen würde, erhebt sich bei ihm zur ästhetischen Wirkung, insofern, als er es • versteht, die Feinheiten feiner! Sprache dem Endzweck auzupassen. Und so sehen wir diesen Leitgedanken klar überall dort hervortreten, wo er feine eigenartige Kunst wirken läßt. Das trockene und spröde Material der Etüde weiß er zum fruchtbarem Boden umzupflügen, aus dem die zartesten Blüten der Melodik emporsprießen. Immer aber blitzt die Schürfe seines Geistes durch, immer weiß er auf das Glänzende noch besonders! funkelnde Lichter aufzusetzen, immer sprühen sinnverwirrende Funken eines glitzernden Feuerwerkes aus Passagen und Verzierungen auf, die er an gegebenen Stellen einstreut, um das Schöne noch hinreißender und bleibender zu gestalten. s
Chopin ist nun schon au die sechzig Jahre „modern". Er ist es geworden und geblieben, weil er eben ein neues! Element in die Kunst des Klavierspiels geworfen hat. Durch feine Kompositionen, durch seinen eigentümlichen Stil hat sich das Klavier zu einem Instrument gestaltet, auf dem ein geistiges freies Musizieren möglich geworden ist. Erst nach Chopin konnten ein Lißt und Robert Schumann, jeder auf seine Weise, die Freiheit des Ausdrucks ans dem Klavier, pflegen, aber unverkennbar ist es, daß Frödsric Chopin der erste war, der dem Klavier seine ganze Fülle von Ausdrucksmöglichkeiten verlieh.
Das Bewundernswerteste an Chopins Schaffen ist, daß seine .Eigenart niemals zur Manier wurde. Er ist immer


