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WäHrend der kleine Artillerist sich in seinem Zimmer, bcks> Mich schon nicht mehr im Bereich der „Heilmühle" lag, auss> Bett warf, um die versäumte Nachtruhe cinzuhvlen, säst Hassingen in dein seinen auf 'dein grünen Plüschsofa vor dem runbett Tisch mit der Base voll getrockneter Blumen, die immer umfiel, die er jeden Tag beiseite setzte, und die ebenso getreulich von der „Unschuld vvni Lande" früh wieder hingestellt wurde, und schrieb einen Brief an Helene. Einen langen, zärtlichen Brief.. Vielleicht gerade, weil er Mn so ein dumpfes' Schuldbewußtsein empfand, wurde der Brief leidenschaftlicher, sehnsüchtiger als all seine Vorgänger. Aber wenn er ihr auch von dem Besuch des Maskenballes erzählte, von der Bekanntschaft Lena von Riedings erwähnte er nichts. Er redete sich ein, er wolle das arme, kleine Ting nicht unnötig beunruhigen.
X.
NM 5 Uhr trat er in Fräulein von Meppens kleinen, altvaterisch ausgestatteten Salon, von dessen Wänden alte AhUeu- bilder ernst und würdig oder schelmisch und leichtsinnig auf die neue Generation blickten, der auch das alte Fräulein mit ihrem rosigen, vollen Gesicht und ihren schneeweißen Wellenscheiteln, sich angepaßt hatte, denn ihre Toilette ,var der neuesten Mode entsprechend, knapp um die üppigen Hüften spannte sich der schwarze Seidenrock und fiel nach unten in weitem Bogen aus, die Taille zeigte eine Spitzenpasse, durch die ihr einst berühmt schöner Hals und Nacken noch jetzt blendend weist leuchtete. Wäre sie weniger stark gewesen, sie hätte trotz ihrer 60 Jahre noch Mit manch junger Frau konkurrieren können, so lebenslustig blitzten ihre hellblauen Augen, so amüsant verstand sie zu plaudern, aber ihre Gesichtszüge waren ganz verschwommen, und die von ;eher etwas zu kleine Nase verschwand jetzt fast zwischen hen Fettpolstern ihrer stark gepuderten Wangen.
In ihrem Salon verkehrte die beste Gesellschaft. Sie hatte Werall Beziehungen, knüpfte unentwegt neue Bekanntschaften, die bei Tee und kleinen Kuchen besonders Sonntags gern ein Plauder- Mndchen in dem kleinen Salon verbrachten.
Heut fand Hassingen neben dem kleinen Artilleristen Noch zwei Danren vor, Mutter und Tochter, wie er zu seiner Ucber- raschung bei der Vorstellung erfuhr, die Mutter, Exzellenz Schlettau, gute Figur, in etwas geschmackloser rotlila Seidentoilette, mageres, regelmäßiges Gesicht, das in der Jugend bildschön gewesen fern mußte, brennende, dunkle, von bräunlichen Schatten umlagerte Augen („sündige Augen", wie der kleine Artillerist ihm zurannte) und unter einer scharf gebogenen Nase ein boshafter Mund mit schönen, wenn auch vielleicht falschen Zähnen. Die Tochter, klein und rundlich, mit zu langer Taille und zu kurzen Beinen, ein Kokottengesichtchen, die Augen dunkel wie die der Mutter, aber kleiner und länglich geformt und von schwarzen Brauen überwölbt, ein schmaler, brennend roter Mund, ein keckes Stumpfnäschen und über der hohen Stirn eine Fülle von tizianblondem Haar, das zu der dunklen Augenpartie geradezu frappierte.
„Echt ist die Farbe ja nicht!" konstatierte der Artillerist später, als er einen Moment mit Hassingen abseits stand. „Aber sie hat den Farbenton recht gut getroffen, und das läßt mich hoffen, daß sie außer dieser verworrenen Spitzenbluse noch etwas Geschmackvolleres zum Anziehen hat."
Und er ging, zierlich, elegant, etwas steif, trotz des Sachsen ein wenig zu sehr preußischer Offizier, an die kleine ExzelkenWU- tochter heran, die Erika hieß und eben erst die PcnsionÄKllo abgestreift hatte, aber schon sehr gewitzt und „mit allen Hunden" gehetzt war, was den kleinen Leutnant dauernd an ihre Seiko fesselte.
Haus' Hassingen wär von der Mutter mit Beschlag belegt totirben. Sie fragte ihn in der Art der befeh'lsgewohnten Frau nach seinen näheren Verhältnissen, nach seiner Garnison, seinen Eltern, seinem Tun und Treiben in Wiesbaden. Er antwortete offen und ehrlich!, nie ers gewohnt war, mit der Veimischimg von Befangenheit, die ihn gut kleidete, und die ifym1 durchaus nichts Unsicheres, nur etwas nodj- sehr Jugendliches, Unverdorbenes gab.
Aus dem runden maurischen Teetisch summte der knp-ferne Kessel über dem blauen Spiritusflämmchen, kostbare, alte Tassen mit reicher Goldverzierung an deut perlmutterartig glänzenden Porzellan! füllten sich unter den weißen, beringten, vollen Händen der ritten Dame mit dem angenehm duftenden, goldbraunen Trank. Eine Hohe Stehlampe mit plumpem Majolikakörper verbreitete durch einen modernen Glühlichpbrenner helles' Licht im Umkreis des Teetisches, aber weiterhin verschwammen Gegen- fliSnbe und Farben, nur eine Ampel glimmte rot im kleinen!,, pflanzengeschmückten Erker, eine altdeutsche Laterne schaukelte mit bunt funkelnden Gläseraugen stber einer Truhenbank mst rot- braunen Kachelofen.
Gedämpftes Licht, matte Farbentöne, keine Dissonanzen. Die Unterhaltung angeregt, aber nicht laut, ein unterdrücktes Kichern! des jungen Mädchens, sollst der.glatte, ruhig dahinsließendü Plauderton vornehmer, korrekter Menschen.
Fräulein von Meppen blickte zuweilen, intl Gespräch auf- Hvrchend, durch den Spalt der mattfarbigen Portiere ins spärlich erleuchtete Vorzimmer.
Dann erhob sie sich interessiert mit einem Entschuldigungs!- wort. Ein leichter Tritt nahte, seidene Frauenröcke knisterten, die Unterhaltung verstummte unwillkürlich, alle Blicke wandten sich nach einer Richtung, so merkte niemand, daß Hans von! Hassingen sehr verwirrt ansfah, als er sich gleich den änderest Herren erhob.
Tie schlanke Frau in gelber Seidenbluse und goldbraun,eist Samtrock, die durch die Portiere rasch eintrat nnbi sich mit der rtlhigen Sicherheit der Weltdame Fräulein von Meppen zmvaitdte, verriet dagegeir nichts von Befangenheit, obgleich sie von der Begegnung ebenfalls Überrascht war.
Niemand sand es auffallend, daß Frau ton Rieding dis b/iden Offiziere kannte, war sie doch anch mit Schlettaus^ sowiej Fräulein von Meppen schon ton der Riviera her bekannt.
Eine so vielgereiste Frau! Wie viel oberflächliche Bezieh!- ungen Mochte die da und dort geknüpft haben. Sie schien sich übrigens von der Ballnacht völlig erholt zu haben, ihr Gesicht war von seichter Röte überhaucht, der müde Zug um ihren Mund verschwunden.
An ihrer rechten Hand blitzte heut neben dem Ehering ein Smaragd von wunderbarer Schönheit aus einem Kranz kleiner Brillanten, ein ebensolcher, nur bedeutend größer in gleicher Uist- rahmung, schloß den ausfallend hohen Kragen her schlichten Seidenbluse.
Sie schien eine Vorliebe zu habetr für hohe Halskragen und für Smaragden. Ten Hut hatte sie aufbehalten, den Schleier! jedoch schon draußen abgenommen.
Hassingen ertappte sich zuweilen dabei, daß er sie beobachtete und auf ihre Unterhaltung mit deut alten Fräulein horchte, er war dann zerstreut, und die jugendliche Exzellenz sprach für taube Ohren.
Sie merkte es nur zu rasch, und ein böses Funkeln trat in ihre dunklen, brennenden Augen.
„Kennen Sie Frau von Rieding schon lange, Herr von Hassingen?" fragte sie scheinbar gleichgültig.
Der blonde Offizier zögerte. Sollte er tilgen? Eine ausweichende Antwort geben? Seine Ehrlichkeit sträubte sich dagegen.
- , So sagte er offen: I
„Ich lernte die gnädige Frau auf dem gestrigen Kurhäus-- maskenball kennen!"
„Sv, so!"
Was lhatte die Frau so boshaft zu lächeln? Warum könnest Frauen wagen, wofür Man einen Mann zur Rechenschaft zöge? Ob das ein Ausgleich war für Rechte, die man ihnen versagte?
Tie brünette 'Frau Hatte sich befriedigt in ihren triedrigest Sessel zurückgelehnt, und als im Gespräch drüben eine Pause entstand, rief sie hinüber:
„Ich höre eben. Sie waren gestern .auf bein Maskenball, Liebste, warum sagten Sie uns früh kein Wort davon, vielleickst wären wir mitgegangen."
(Fortsetzung folgt.)
§rederic Stzopin.*)
Zum hundertsten Male jährt sich mn 1. März der Tag,- an dem Frädöric Franyois Chopin zu Zelazowci Wola bei Warschau geboren wurde. Französisches und Polnisches Blut mischte sich in seinen Adern, sein Vater war ein eingewau-, derter Franzose, seine Mutter eine Polin. Auch seine Persönlichkeit lvar aus französischem und polnischem Wesen zusammengesetzt, wie seine Kunst einen sinnfälligen Abglanz dieser Bereinigung von verschiedenen Eigenarten darstellt,
*) Als Geburtstag Chopins hat lange Zeit hindurch, merk- würdigerlveise auch bei Chopin selbst, der 1. März 1809 gegolten.: Wie aber der jüngste Chopin-Biograph Hugo Leichtentritt unter. Anführung der Quellen mitteilt, haben genaue Nachforschungen ergeben, daß der Geburtstag auf den 22. Februar 1810 fest zu setzen ist. Diese Nachricht würde erst ganz kürzlich mitgeteilt, so daß unser Mitarbeiter von den Ergebnissen dieser Nachforschtmgeit ttoch nicht unterrichtet sein tonnte. Da die Richtigkeit dieser Nachricht von anderer Seite jedoch bestritten wird, haben wir uns -nicht veranlaßt gesunden, den Aufsatz zurückzustellen. Die Red,
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