Ausgabe 
1.3.1909
 
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Auf Liebespfaden.

Roman von y. Ehrhardt.

'Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Die junge Frau lachte herzlich auf. Es war kein lautes, aber ein frisches-, natürliches Lachen, das ansteckend wirkte.

Im Weitergehen lachten sie wie zwei ausgelassene Kinder und wurden auch nicht wieder ernst, selbst dann nicht, als Frau von Rieding erklärte, Hassingen solle sich nicht etwa -einbilden, dast sie beide den Rosenmontag in Mainz allein verleben würden. Nicht nur die ganze PensionVilla Maria", wo sie wohne, wolle auch hin, sondern auch iwch verschiedene andere Bekannte, ein Zusammentreffen mit diesen oder jenen sei also nicht zu -umgehen.

Die Schleichwege liebe ich nicht, Herr von Hassingen," sagte -sie stolz.Ich wäre gern mal irgendwo allein und unbeobachtet, obgleich ich auch da nichts täte, was die Welt nicht wissen dürste es wäre mir nur um das köstliche Gefühl der Freiheit also ich werde meine Bekannten nicht suchen, aber ihnen auch wicht auswcichen."

Der Mann neben ihr war etwas nachdenklich geworden. Die Schleichwege im Buchenwald lagen int Mondesglanz vor ihm. War seine arme, kleine Helene zu verdammen, d-ast sie diese Schleichwege geliebt? Andere können wohl stolz den geraden Weg gehen, auf dem für Stiefkinder des Schicksals kein Platz ist. Ob die Frau neben ihm mit dem unverkennbaren Dufthauch, deut Seidenrascheln der eleganten, verwöhnten Weltdame und dem müden, liebreizenden Lächeln nie ein Gefühl gekannt haben Mochte, chas ins Irre führt, aber in eine köstliche Wildnis?

Ihm schiens nicht, als habe sie ihren Gatten sehr geliebt. -Viel umworben, aber tadelloser Ruf!" hatte der frivole Meisen­berg gesagt. War sic vom Kampf gegen lästige Mücken so müde? War darüber Temperament und Jugend, das so ost überraschend aufloderte und so überraschend plötzlich wieder versank, in den Hintergrund getreten?

Er hatte oft von dein Rätselwesen der Frau gelesen, von ihrer Sphinxnatur, ihrem Lachen und Weinen zur selben Minute, aber die ihm bis jetzt begegnet waren, hatten ihm nie Grund zum Grübeln und Nachdenken gegeben.

Lena von Rieding war ihm- ein Rätsel, das gestand er sich nach diesem Morgenspaziergange. Gelangweilt hatte er sich wahr­lich nicht mit ihr. Sie hatte Sinn für Humor, einen scharfen Blick, ein treffendes Urteil. Sie war viel gereist.Aber ich habe tvenig gesehen!" hatte sie drollig hinzugefügt. Ihr Mann war zuletzt nur noch Rennfahrer gewesen. Nicht mehr, wo er war, hatte ihn interessiert, sondern wie rasch er es erreicht, ivie schwindelnd hoch die Kilometerzahl gewesen, die er an einem Tage durchmessen. Trotzdem ihr diese rasenden Fahrten zum Ekel geworden, hatte sie ihn fast stets begleitet. Warum eigent­lich? Das verriet sie weder in Wort noch Blick. Und dasselbe Gefühl, das ihn in der Nacht zur Diskretion gezwungen, band ihm auch jetzt, schon im Begriff zu fragen, die Zunge.

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Vor dem Bauplatz des neuen Kurhauses, auf dem eben die Grundmauern aus der Erde wuchsen, trennten sie sich mit einem kameradschaftlichen Händedruck und der Parole: Morgen 2 Uhx auf bcni Bahnhof zur Fahrt nach Mainz!

Leutnant Kehler sah schon in dcnr überfüllten kleinen Weim lokal, ivo er mit Hassingen für gewöhnlich Mittag zu essen pflegte. Billig und gut. Der Weinzwang beschränkte sich- auf ein Viertel Mosel zu 30 Pfennige. Es war ein gemütliches, altes Lokal, von einer merkwürdigen Bauart, ein langer Gang mit zwei Seiten­flügeln, nur eine Reihe Tische an der Fensterseite, alles schon ein wenig verräuchert, eur wenig verbraucht, aber saubere Tisch­tücher und Servietten, anständige Kellner und gutes Publikum.

Hassingen ah, freilich lieber bei Carlton, daraus machte pr kein Hehl, aber die wenigsten Insassen derHeilmühle" konntest sich, ihm zum Trost, diesen Luxus leisten.

Der kleine Artillerist hatte auch nichts als eine ausköntnt- nche Zulage. Sein Vater war Oberst a.D. in Dresden, das urütterliche Vermögen eine Hoffnung auf Verheiratung zweier Töchter, zu deren Gunsten der Bruder gern verzichten wolltch sobald er eine reiche Frau gefunden.

Natürlich sagte er, nachdem Hassingen ihm ganz offen von seinem Spaziergang mit der jungen Witwe, deren Pcrfoualisnj -hm Meisenberg auch schon mitgeteilt, erzählt hatte, mit seinem ruhigen Gesicht, in dessen Augen beständig der Schalk lauerte:

Sehen Sie zu, dast Sic die Frau und ihre Millionen er-? wischen, mein Lieber! Glauben Sic mir, ich, kenne mich darin aus sie ist reif für eine neue Ehe oder für einen neuen Ge^ liebten ich will ihr nicht zu nahe treten ich sage daA ganz unter uns-, selbstverständlich, ich meine es auch nicht so fchwsf die Fran hat wahrscheinlich nie einen Geliebten gehabt im schlechten Sinne, aber ihre Erfahrungen in der Liebe lMt sie doch nicht ans ihrer Ehe das steht bombenfest. Sie hat eine Leidenschaft hinter sich, und sie sehnt sich nach der Liebe."

Hans von Hassingen säst starr, die eine Hand mit Weinglas, die andere am nachher Mode über den Lippen glatt abgeschnitt-cnc.it Schnurrbart, den er nervös mit dem Zeigefinger überstrich, viel­leicht, um das leichte Zucken seines Mundes zu verbergen, das sagen zu wollen schien, was er im Grunde selbst nicht »n-.-hr glaubte, daß er eine Andere liebe und sie ewig lieben werde.

Leutnant Keßler schien keine Antwort erwartet zu haben, das Thema war für ihn erledigt, nun nahm ihn das Essen in Anspruch und ein blondes Mädchen am Nebentisch, dessen Haarreichtum ihm verdächtig erschien -oder lvcnn er echt, war, bewundcruugswürdig.

Als sie sich, magnetisch angezogen, umwandte, rief er, wie er später behauptete,im ersten Schreck" nach einem .Kognak, denn ihr Gesicht war sehr häßlich und mit braunroten Sommersprossen bedeckt.

Man erlebt eben nur Enttäuschungen!" sagte er mit scinech resignierten Augenaufschlag. i

Nach dem Essen verabredeten sie für den Nachmittag einen gemeinsamen Besuch bei einer Tante Keßlers-, einem sehr lebens­lustigen, alten Fräulein in bescheidenen Verhältnissen, aber von schier unverwüstlicher LebeMust und mit einem warmen Herzen für die Jugend.