Ausgabe 
31.10.1908
 
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Nicht ein Lüftchen regte sich. Ganz senkrecht hob sich dieAugusta" empor. Es ivar wenige Minuten nach zehn .Uhr. Der Anblick des großen, 1500 Kubikmeter Gas fassen­den Ballons über der schönen Stadt zwischen den hohen, steil abfallenden Bergwänden soll, wie man uns später versicherte, prächtig gewesen sein. Siebzehn Sandsäcke ä 25 Kilogramm hatten wir mitbekommen; das war reich­lich viel. Noch ein ganz besonderer Dienst war uns von beut überaus zuvorkommenden Direktor von der Inns­brucker Gasanstalt erwiesen worden. Matt hatte nämlich bei der Bereitung des Gases auf eine hohe Destillations­temperatur hingewirkt, um die Kohle recht stark ausgasen zu lassen. Dadurch erhält mmt ein wasserstoffreiches Kohlen­gas Doit verhältnismäßig niederem spezifischen Gewicht. Nicht genug konnten wir für diese Bereitwilligkeit danken, denn der Ballon zog gut tmb reagierte auf die kleinste Hilfe.

Bor nuferen Augen lag jetzt Innsbruck in entzückender Schönheit ausgebreitet, die zu genießen uns eine volle Stunde laug vergönnt war. Fast herrschte Windstille im Juntal. Gerade unter uns lag das Hauptgebäude des Bahnhofs mit dem breitest Schienennetz. Dort dehnen sich die neueren Stadtteile mit ihren breiten Straßen ans. Nahe dem Fluß läuft die schönste Straße der Stadt, nach Maria Theresia benannt, das Rendezvous der Einheimischen und Fremden. Auf der Triiimphpforte mit ihretl jonischen Säulen fällt unser Blick. Er schweift bewundernd über die große Zahl der Kirchen, über das herrliche neue Theater, die Universität, die Hofburg, er eilt an dem grünen Jun entlang, fliegt zu den Burgen und Schlössern hinüber, die das jenfeitige Ufer zieren, und bleibt in Bewunderung an den steilen, zackigen Bergwändeit haften, die, teilweise noch von leichten Wolken behangen, das Bild harmonisch abschließen. Da drüben blitzt es golden auf:Das goldene Dachl" strahlt in feiner reichen Pracht den Sonnenschein wieder. So schön und klar liegt jetzt das Gesamtbild der Stadt vor uns auSgebreitet.

Doch,Innsbruck, ich muß dich lassen, ich fahr 'dahin meine Straßen, ins fremde Land dahin", heißt cs int alten Burschenlied. Auch wir müssen uns endlich von der Stadt trennen. Tie Meldung vom meteorologischen Institut zu Zürich war richtig. Ein leichter Nordostwind treibt uns jetzt in 1200 Metern in der Richtung.gen Rätters. In Ruhe ergötzt sich das Auge an der lieblichen Lage von Jgls und Laus; ivir können es beit Innsbruckern nicht ver­denken, daß sie es vorziehen, heiße Sommertage lieber da oben zu verbringen. Da oben? Aus der Rolle gefallen; für uns lag es ja tief unten, so tief, daß uns sogar der Berg Jsel, wo Andreas Hofer mit dem Tiroler Landsturm den Franzosen und Bayern vier heiße Schlachten lieferte, entgangen ivar. Unser Ballonschatten gleitet über Rätters. Jetzt treibt er gen Mutters. Seltsam, da mußten wir doch die Richtung geändert haben. Und richtig, unsere kühnen Hoffnungen scheinen sich zu erfüllen, der Ballon steuert südwärts und hat mit 1700 Metern seine Gleichgewichtslage erreicht. Fast in gleicher Höhe des Patscherkoselhauses an­gekommen, eröffnen sich herrliche Ausblicke ins Stubai- tal mit den Stubaier Alpen im Hintergründe, und gen Osten nach der Riffler- uitb Olperergruppe.

Schon haben ivir Matrei in stolzem Höhenflug, stetig langsam mit der Brennerstraße ansteigend, erreicht. Ein Zug von Innsbruck windet sich keuchend herauf,, um eben in den zwölften, alle Aussicht raubenden Tunnel cinzu- treten. Zur Linkeit mündet das Navistal ein, zur Rechten iergießt der Gschnitzbach seine schäumenden Wässer in die Sill..

lieber St. Jodock, wo die Bahn bett großen Bogen in die Mündung des Balser Tales beschreibt, um die Steigung Von etwa 100 Metern zu überwinden, find wir in 2000 Meter Höhe angelangt. Nun grüßt int Westen die Kette der Stubaier Alpen tit überwältigender Pracht. Doch unser ganzes Augenmerk muß jetzt dem Ballon gelten. Die .Windströmung des Balser Tales hat ihn gefaßt, er steuert

gen Osten, gleichzeitig fällt er rapid. Jetzt heißt es die' Augen offen zu halten. Dr. Bröckelmamt schüttet Sand etnen halben nun muß er auch noch, den Rest opfern.' Das reißt eine Lücke in unseren Vorrat. Doch der Zweck ist erreicht. In 2200 Meter Meereshöhe schwimmen ivir jetzt, wieder vom Nordwind getragen, dem Brennerpaß entgegen.

Bisher ivar nur das Rasseln von Eisenbahnzügen heraufgedrungen. Jetzt auf einmal ein anderer Laut; ein Jvchzer ist's; er scheint sogar echt zu fein. Da unten steigen gewiß Touristen durch die Berge; zu sehen freilich ist nichts von ihnen. Auch das Brennerbad, 1000 Meter unter uns, erscheint völlig menschenleer.

Run aber den Blick voraus! Der aufregende Teil der Fahrt beginnt. Die Wasserscheide zwischen Schwarzem und Adriatischem Meer liegt bereits hinter uns. In der Fahrtrichtung aber sperrt die Amlhorspitze mit ihrem steilen Msturz unseren Weg. Um nicht toeniger als 500 Meten überragt der Gipfel unsere Fahrbahn. Da heißt es, Ballast geben, um über das drohende Hindernis hinwegzufetzen. Ein Ausweichen erscheint ausgeschlossen. Der Ballon- schatten zeigt uns mit untrüglicher Sicherheit, daß wiv direkt gegen di« Schroffen anfliegen. Immer drohender! schiebt sich das Ungetüm heran nur noch 50 Meter trennen uns . . . da schwenken wir halblinks ab und gleiten knapp vorüber.

Als wollte die Bergwelt den Wanderern in der Lust zum Lohn für die überstandene Gefahr einen lieblichen Reiz enthüllen, so breitet sie jetzt tief zu unseren Füßen die Anmut des Pfitscher Tales aus: Grünende Matten^ tosende Wasserfälle, Sennerhütten mit steinbeschwerten Dächern; ein Bild reiht sich ans andere.

In unaufhörlichem Steigen setzt unser glückhaftes Schiff feinen Sounenflug fort.Wer recht in Freuden wandern will, der geh' der Sonn' entgegen." Wir haben's heute getan und die Wonne solcher Wanderung verspürt. Der durch das Ballastopfer au der Amthorspitze bedeutend er­leichterte Ballon hat sich nun auch über den nächsten Kamm geschwungen und treibt in der respektablen Höhe von 3800 Metern dem Eisacktale zu. Die Temperatur ist ans 5 Grad Kälte gesunken. Die Herrlichkeit ringsum bannt unseren Blick. Im Nordosten strecken die ungeheuren Gipfel der Zillertaler Alpen mit dem Hochseiler ihre Gletscher firnen zum blauen Aether auf. Hinter ihnen stehen in unerbittlicher Schroffheit die monumentalen Schneepyramiden der Drei Herren-Spitze, des Groß-Benedigers und des Großglockners,^ der in majestätischem Glanze anfleuchtet. Im Westen türmen sich die Eishänge der Oetztaler Alpen. Darüber hinaus starrt ein uralter Wächter, für alle Ewigkeit gesetzt, der Oriler, mit dem gleißenden Blick feiner Firnschneide. Und aus dem Schleier der Ferne schimmert gar die Bernina I Die ganze Gletscherwelt blickt auf das treibende Spiel­zeug, das Menschenhand zum Jkarusslng gerüstet hat. Doch die Flügel erlahmen ihm nicht unter den eisigen, iuie in gewaltigem Staunen versteinerten Blicken der Bergriesen,

Bor uns klettern die grotesk gezackten Gipfel und Türme der Dolomiten am Horizont hin, wo nur leichte weiße Wolken ihre Straße ziehen. Mit nur 10 Kilometer Geschwindigkeit in der Stunde steuern wir auf sie zu, 4000 Meter hoch . . und 7 Sack Ballast noch an Bord. Es ist 41/2 Uhr, wir müssen an den Abstieg denken. Jetzt noch über die Vorberge der Sarntaler Alpen und wir können im Eisacktale niedergehen. Drei Sack Ballast bleiben, uns für das Manöver, vier sind der Landung Vorbehalten.

Auch jetzt wieder lächelt uns der Erfolg. Der tief- qefurchte Bergwall glitt unter uns dahin. Waldungen breiten sich aus; der Ballon fällt: 3000 Meter, 2000 Meter. Wie Kulissen entschwinden die Gletscher hinter den nahen Felsknppen. Gerade an diesem kulissenartigen Ver­schieben des Bergbildes kann der Luftschiffer in den Alpen jedes Steigen und Fallen des Ballons ohne Hilfsmittel leicht feststellen. ,

In 15 Minuten mußten ivir im Tale fein, doch der