Ausgabe 
31.10.1908
 
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durch die Menschenmenge, ohne sic zu scheu, und ohne die Flüche zu hören, mit denen die von ihm' zur Seite Geschybcimi ihn bc- dachten.

Wvhin ging er? Er wußte cs selber nicht. Er lies ohne Ziel gerade aus, so verstört wie eilt Spieler, der mit dem letzten Goldstück die letzte Hoffnung verloren hat.

Bor deut offenbaren Augenschein muß ich mich ergeben, mur­melte er. Meine Annahmen waren nur Hirngespinste, die auf einem Spiel des Zufalles beruhte». Ich muß jetzt nur noch znschen, wie ich möglichst glimpflich, und ohne mich allzu lächer- lich zu machen, aus dieser verteufelten Geschichte herauSkommc.

Er bog gerade auf den Boulevard et», als plötzlich ein Ge- danke wie ein blendender Blitz ihm durch das Gehirn schoß, litt» willkürlich rief er ganz laut:

Ich bin wahrhaftig ein Dummkopf!

lind er schlug sich mit der Faust vor die Stirn.

Ist es «möglich, fuhr cv fort, daß ich, in der Theorie so stark, sofort so jämmerlich schwach werde, wenn ich der Praxis gegenüberstehe? Ich bin wirklich nur ein Kind, ein Rekrut, den ein Nichts überrascht und vont rechten Wege abdrängt, lieber» blicken wir doch einmal ganz kühl die Tatsachen. Wie hatte ich von Anfang an den Mörder beurteilt, dessen Berteidigungssystem uns so viel zu schaffen macht? Ich hatte mir gesagt: Er ist ein Mensch, von überlegenem Willen, von vollendeter Lebens­erfahrung und Berstandesschärfe, kühn, über alle Begriffe kalt­blütig und imstande, das Unmögliche zu versuchen, um mit seiner Komödie zum Ziel zu kommen. Ja, das sagte ich mir, und bei hem ersten Umstand, den ich mir nicht erklären kann, Werfe sch sofort die Flinte ins Korn. Es leuchtet aber doch ein, daß eilt Mann von so wunderbarer Geschicklichkeit nicht zu abge- droschenen Tricks greifen wird. Also: je mehr der Augenschein gegen meine Vermutungen und zugunsten des Gefangenen spricht, desto bestimmter habe ich recht! Oder die Logik ist keine Logik mehr.

Lecog lachte laut auf und fuhr fort:

Allerdings wäre es wohl ettvas voreilig, diese Erklärung Ms der Präfektur dem Meister Gsvrol vorzutragen; die Leute wären imstande, mich ins Narrenhaus sperren zu lassen!

Er unterbrach sich in seinem Gedankengange, da er vor seiner Wohnung angekomMen war. Er läutete und der Portier öffnete. Leichtfüßig sprang er die vier Treppen hinauf, und er stand vor seiner Tür, als plötzlich aus der Dunkelheit eine Stimme ihn film cf:

Sind Sie's, Herr Lecog?

Ich selber! antwortete der junge Beamte ein wenig über­rascht. Aber Sie?

Ich bin depalte Absinth.,

Ach, das freut mich, daß Sie da sind, ich erkannte Ihre Stimme nicht. Bitte, bemühen Sie sich zu mir herein.

Sie traten ein, und Lecog zündete eine Kerze an ; er konnte glfo seinen alten'Kollegen sehen. Aber, großer Gott, in welchem Zustand tvar Itytefer! Schmutziger und kotiger als ein ^Pudel- Hund, der taet Tage bei Regenwetter auf der Straße war. Seinem Üeberzieher sah man an, daß er sich an zwanzig Mauern entlang geschoben hatte, sein Hut war eine formlose Masse. Die Augen waren verglast und der Schnurrbart hing kläglich herab. Er bewegte die Kinnladen, als hätte er Sand zwischen den Zähnen. Zuweilen versuchte er auszuspucken aber er konnte nicht.

Sie bringen mir; schlechte Nachrichten ? fragte Lecog nach; einer kurzen Musterung.

Schlechte.

Die Leute, denen Sie nachgingen, find Ihnen zwischen, den! Fingern durchgeschlüpft?

Der Alte bejahte mit einer langsamen Kopsbeivegung.

Das ist ein Unglück, rief der junge Beamte, irgend ein Miß- g'eschick witternd. Ein sehr großes Unglück! Aber wir müssen uns das nicht allzu sehr zu Herzen nehmen. Munter, Papa, Kopf hoch! Alle Wetter, Witz beide werden das morgen schon wieder gutmachen.

Diese freundschaftliche Ermunterung verdoppelte sichtlich die Verlegenheit des guten Papa. Ter alte Polizeibeamte wurde rot Wie eine höhere Tochter, streckte die geballte Faust empor und rief:

Ah du schlechter Kerl, ich Iptte es dir gesagt!

Na? sagte Lecog. Auf wen schimpfen Sie denn so?

' Der alte Absinth antwortete nicht; er stellte sich vor den Spiegel und begann sein Bild mit den ärgsten Verwünschungen -u überhäufen:

Alter NichtsüNtz! Schlechter Soldat! Schämst du dich nicht? Du hattest einen Auftrag, nicht wahr? Was hast du damit ge­macht ? Versoffen hast du ihn, du Ekel, du alter Trunkenbold tzex du W. Wetz Mrt, das: soll dir nicht so Ingehen, und wenn.

selbst Herr Lecog dir verzeiht, so sollst du acht Tage lang keinen Tropfen kriegen. Magst du dursten, das geschieht dir ganz recht.

Der junge Kriminalbeamte hatte sich schon so etwas gedacht. Vorwärts! sagte er zum Alten. Ihre Strafpredigt können! Sie fich später halten. Erzählen Sie mir geschwind! Ihre Geschichte.

Oh, ich bin nicht stolz darauf, das können Sie mir glauben. Aber. . . Also, man hat Ihnen doch wohl einen Brief über­geben, worin ich sagte, ich würde den jungen Leuten nachgehen, die Gustave erkannt hatten?

Ja, ja. Weiter!

Ra also. Erst gehen sie in das Cafö und fangen an, ein paar Gläser Wermut heruntevzustürzen, jedenfalls von wegen dem Schreck. Dann kriegen sie Hunger und bestellen sich was zum Frühstück. Ich, in meiner Ecke, mache es wie sie. Das Essen, der Kaffee, der Schnaps zum Kaffee, das Bier das alles nimmt Zeit weg. Indessen, so gegen 2 Uhr entschließen sie fich zum Bezahlen und gehen. Gut! Ich dachte, sie würden nach Hause gehen. Wer nee! Sie biegen in die Ruc Dauphine eilt, und ich sehe, wie sie die Tür zu einer Kneipe öffnen. Fünf Minuten nach ihnen schlüpfe ich ebenfalls hinein; sie waren schon dabei, Billard zu spielen.

Der alte Wsiuth hustete; jetzt kam nämlich der schwierige Teil seiner Geschichte.

Ich setze mich an einen kleinen Tisch, fuhr er fort, und verlange eine Zeitung. Ich lese darin so mit einem halben Auge, als plötzlich ein behäbiger Bürgersmann eintritt und sich zu mir setzt. Kaum hat er Platz genommen, so bittet er mich, ich möchte ihm die Zeitung geben, wenn ich sie gelesen hätte, ich reiche sie ihm, und nun fangen wir an vom Regen und schön Wetter zu plau­dern. Sta, ein W!vvt gibt das andere, und schließlich schlägt der Mann mir eine Partie Bezigne auf 1500 vor. Das Bezigue schlage ich aus, aber ich akzeptiere ein Piket auf 100. Die jungen Leute, verstehen Sie, stießen immer noch mit ihren Billardbällen herum. Man bringt uns eine Decke und ein Kartenspiel, und Wir sangen au und machen zwei Gläschen Cognac fine Cham­pagne aus. Ich gewinne. Ter Bürgersmann verlangt Re­vanche, und wir spielen zwei Schnitt Bier aus. Ich gewinne wieder. Er wird eifrig, und nun fangen wir an und spielen Kognäkchen aus. Und immerzu gewann ich, und immerzu trank ich, und je mehr ich trank. . .

Weiter, weiter! Und nachher?

Ja, nn kommt der Knast! Nachher bcsiinte ich mich auf gar nichts mehr, weder aus beit Bürgersmann, noch aus die jungen Leute. Ich habe nur noch so eine dunkle Erinnerung, daß ich in dem Cafa eingeschlafen war, und daß der Kellner mich weckte und mich bat, ich möchte gehen. Nachher muß ich mich ans den Quais herum getrieben haben, bis ich wieder etwas zur Besinnttng kam; da entschloß ich mich, nach Ihrem Hause zu gehen und aus der Treppe auf sie zu warten.

(Fortsetzung folgt.)

3m Uug über den Brenner.

Won Hauptmann Härtel (Dr. 19) in Leipzig.

Morgensonnenscheiu lag über Innsbruck. Mit sieg­haftem Strahl hatte das heißersehnte Gestirn die wallenden Nebel durchdrungen. Sein leuchtender Schein überflutete eine prall gespannte gelbe Kugel, unsereAugusta", die sich zu seltener Fahrt, zum Flug über die Alpen gerüstet hatte.

Dr. Bröckelntaun, der den stolzen Segler auf dieser eine kundige Hand heischenden Reise führen sollte, ließ noch einmal den prüfenden Blick über ihn hingleiten, während mir die angenehme Pflicht oblag, den zahlreich erschienenen Damen und Herren, darunter viele Offiziere der Inns­brucker Garnison, allerhand Auskunft zu geben. Im letzten Moment reichte uns eine Dame ein Rosenbukett. Cs war der Wschiedsgruß des gastfreundlichen Innsbruck.

Noch einige Sekunden . . . und schon grüßte die schwarz- weiß-rote Flagge hinab.Heil Innsbruck!" undHeil!" Heil!" klingt hundertfach das Echo zurück.

*) Bekanntlich ist Hauptmann Härtel am 10. August d. Js. von Innsbruck aus int BallonAugusta" mit Dr. Bröckelntaun (Berlin) über den Zentralkamm der Alpen bis Brixen geflogen.^ Hauptmann Härtel gibt hier, da er aus vielen an ihn gerichteten Anfragen auf ein weitgehendes Interesse schließen darf -- der Ballon berührte auf seinem Fluge die von Ferienreisenden am! meisten bevorzugten Gegenden Tirols eine knappe Schilderung der Eindrücke seiner Fahrt, von denen wir annehmen, daß fte auch bei unseren Lesern regem Interesse begegnen wvrbeii.