Ausgabe 
31.10.1908
 
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1908

Samstag den 3(. Oktober

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Herr Lecoq.

Kiriminal-Roman von E. Gaboriark.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Sind Sie denn auch ganz sicher, rief er lebhaft, daß die Eintragung von der Hand des Mannes herrührt? Könnten Sie das beschworen?

Er war so verwirrt, das; er gar nicht mehr an seine aus­ländische Aussprache dachte. Die Frau bemerkte es, denn sie trat einen Schritt zurück und musterte mit einem mißtrauischen Blick den angeblichen Engländer. Dann schien sie zornig zu werden, daß sie gefoppt worden war, und erklärte sehr kurz angebunden:

Ich weiß, was ich sage! Und nun ist es ja wohl genug, Licht wahr?

Lecoq sah ein, daß er sich verraten Hatte und schämte sich daß er sich so leicht Hatte Hinveißen lassen. Er verzichtete daher auf seinen britischen Akzent und sagte:

Verzeihen Sie, noch eine Fange! Haben Sie immer noch den Koffer dieses Individuums?

Natürlich!

Ach, Sie würden mir einen ungeheuren Dienst erweisen, wenn Sie ihn mir zeigten.

Ihnen den Kofftr zeigen? rief die blonde Wirtin ganz ent­rüstet. Ah was, wofür halten Sie mich denn? Was wollen Sie, Itter sind Sie denn eigentlich?

In einer halben Stunde werden Sie das wissen! antwortete der junge Beamte. Er begriff, daß cS gar keinen Zweck hatte, Loch mit Fragen in sie zu dringen.

Er drehte sich um, ging hinaus und lief nach der Place de Roubaix, sprang in einen Wagen und rief dem Kutscher zu, er solle ihn zum Polizeikommissar des Bezirks fahren. Er ver­sprach fünf Franken Trinkgeld außer dem Fahrpreis, und, von diesem Preis angefeuert, schlug der Kutscher auf seine mageren Mule los, daß sie nur so dahinflogeu.

Lecog hatte Glück: der Kommissar war zu Hause, und er wurde sofort zu ihm geführt, nachdem er seine Beamteneigen­schaft genannt hatte. Er bat ihn um seine Unterstützung und erzählte ganz kurz so Siel, wie der Kommissar von deut Fall wissen mußte.

Sobald er fertig war, rief der Kommissar:

Ja, die Sache stimmt. Es ist iuegeit dieses verschwundenen Mannes zu mir geschickt worden; Casimir hat es mir heute morgen gesagt.

Es ist zu Ihnen geschickt worden? stammelte Lecoq.

Jawohl gestern: aber ich Habe so viel anderes zu tun. Nun, mein Junge, womit kann ich Ihnen dienen?

Indem Sie mit mir kommen, die Vorzeigung des Koffers verlängert, einen Schlosser Holen lassen, um ihn zu öffnen., Hier ist die nötige Bollmachit, die der Untersuchungsrichter mir für alle Fälle ausgestellt hat. Lassen Sie mrs keine Minute ver­lieren, ich habe einen Wagen draußen vor Ihrer Tür.

Gehen wir! sagte der Kommissar einfach.

Als sie in der Droschke waren, die im Galopp nach der Rue de Saint-Quentin zurückfuhr, fragte Lecoq:

Erlauben Sie mir jetzt, Herr Kommissar, Sie zu fragen, ob Sie die Wirtin des Hotel du Mavienboiirg persönlich kennen?

Sehr gut! Als ich von sechs Jahren dieses Revier erhielt, war ich Noch nicht verheiratet und habe meine Mahlzeiten ziem­lich 'lange Zeit bei der Dame eingenommen. Mein Sekretäv Casimir speist noch jetzt dort!

Unit was ist sie für 'n« Frau?

Nun, mein junger Kamerad, das ist in zwei Worten gesagt: Madame Milner> so heißt sie ist eine sehr achtungswertü Witwe, geliebt und angesehen in der ganzen Stadtgegend: ihr Geschäft geht sehr gut, und sie bleibt nut deshalb Witwe, weil es ihr so gefällt, denn sie ist noch sehr nett und dabei außer­ordentlich wohlhabend.

Also, Sie halten sie nicht für fähig, für ein gut Stück Gelb wie soll ich mich ausdrücken irgend einem sehr reichen Angeklagten Vorschub zu leisten?

Sie sind wohl nicht bei Sinnen! rief der Kommissar. Fran Milner sollte sich für Geld zu einem falschen Zeugnis herbei­lassen? Habe ich Ihnen nicht eben gesagt, daß sie anständig und sehr vermögend ist? Uebrigens hatte sie mir schon gestern Mel­dung machen lassen, also . . .

Lecoq schwieg. Der Wagen hielt.

Als sie hinterihrem" Kommissar den Hartnäckigen Frager austauchen sah, schien Frau Milner alles zu begreifen.

Jesus! rief sie, ein Kriminalbeamter! Ich hätte mir es denken können. Es ist ein Verbrechen vorgefallen. Um den guten Ruf meines Hauses ist es geschehen!

Es kostete Zeit und Mühe, sie zu beruhigen und zu trösten) inzwischen wurde aus der Nachbarschaft ein Schlosser herbeigeholt. Als er endlich tat, stieg die ganze Gesellschaft in das fünfte Stockwerk hinauf, wo das Zimmer des verschwundenen Mannes lag. Lecoq stürzte sich auf den Koffer.

Ach! Es war nicht abzuleuguen, das Gepäck kant wirklich von Leipzig; die kleinen Papierzettel, die von bett verschiedenen Eisenbahnverwaltungen darauf geklebt waren, bewiesen eS un­widerleglich.

Man öffnete den Koffer; alles, was der Mann angegeben Hatte, befanb sich darin. Lecoq war vollkommen starr. Mit ganz stumpfsinnigem GesichtSausdruck sah er dem Kommissar zu, der die Sachen in einen Schrank schloß, dessen Schlüssel er zu sich steckte.

Lecoq mußt« sich ein der Wand Halten als er hinausging, in seinem Kopf drehte sich alles, und er taumelte wie ein Be­trunkener, ssls er die Treppen herabstieg.

24. Kapitel.

Der Karneval war in jenem Jahr sehr lustig. Als Lecoq gegen Mitternacht den Marienburger Gasthof verließ, waren die Straßen von lärmenden Menschen belebt wie am hellen Mittag, und die Kaffeehäuser waren überfüllt von Gästctt. Aber der junge Beamte lvar nicht zur Freude gestimmt. Er drängte sich