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«freie Berufe an die Kette zu legen gelernt hat. Auch hilft ihm staatliche Etikettierung und Anerkennung, wo sie vorliegen,, über die Schwierigkeiten hinweg, innerlich in ein anständiges Verhältnis zu einer ihm wesensfremden Sache zu kommen. Darauf ist es zurüäzuführeu, daß der deutsche Philister den Gelehrten gelten läßt, den Maler und Komödianten noch immer mit leisem Mißtrauen ansieht hinter dem Schriftsteller aber und insbesondere hinter dem Tagesschriftsteller ironisch und überlegen herlacht. Er haßt ihn sogar heimlich, weil der Mann auf Grund seiner Intelligenz sich einbilden könnte, über ihm zu stehen. Der deutsche Journalismus hat eben einstweilen noch nicht genug Vergangenheit.
Vernsk-Oßss.
- Eine originelle Bismarck-Erinnerung teilt die „Pr.-Lit. Ztg." mit: Der Bismarckforscher Professor Dr. Horst Kohl hat c:t; Gymnasialdirektor Dr. Jänicke (Gumbinnen) folgendes, gewiß weitere Kreise interessierendes Schreiben gerichtet:
Varzin, den 20. August 1908.
Bei Ordnung der in Varzin ruhenden Papiere des Fürsten Bismarck fand ich einliegendes Gesuch früherer Sekundaner des königlichen Gymnasiums, das vermutlich in der Konfliktszeit an den damaligen Ministerpräsidenten gelangt ist. Ob ihnr statt- gegebeN wurde, weiß ich nicht; vermutlich nicht, sonst würde das Gesuch eine entsprechende handschriftliche Notiz enthalten. Frau Gräfin Bismarck hat mich beauftragt, Ihnen das Schriftstück für die Akten Ihrer Schule zuzusendcn als Beweis für die Naivetät uttd Selbstüberschätzung einer früheren Sekundanergeneration. Höchst amüsant ist es) daß die Frau Superintendent Ohlert als Schutzpatronin dieser gegen die Schuldisziplin gerichteten Aktion erscheint.
Hochächtuwgsvollst und ergebenst Prof. Dr. Horst Kohl, Konrektor.des Carola-Gymnasiums in L: pzig.
Das Gesuch hat folgenden Wortlaut:
Sr. Exzellenz (so!) dem Wirklichen Geheimen Staatsminister uNd Ministerpräsidenten Grafen von Bismarck-Schönhausen, Ritter vieler allerhöchster Orden, Hochgeboren Berlin.
IN Anbetracht dessen, daß wir durch unsere patriotische Gesinnung viel dazu, beigetragen haben, daß diesmal in Gumbinnen die konservative Partei in der großen Wahlschlacht gesiegt hat, bitten wir uns eine Gnade aus. Da es Ew. Exzellenz schwer fallen würde, unsere untertänigsten Wünsche zu kennen, so werben Ew. Exzellentes nicht übel aufnehmen, wenn wir Ew. Exzellenz einen Vorschlag machen. Dieser Vorschlag besteht in einem von NNs allen tiefgehegten Wunsche, gute Zigarren, ob Kuba, ob Ha- vannah, gleichviel zu erhalten. In der Hoffnung, daß Ew. ExzelleM unter tiefster Diskretion diesen Wunsch befriedigen werden) unterzeichnen wir uns alleruntcrtänigst
H. Frost M. Kanzow. P. Balcke. Heinrich. Sekundaner des Kgl. Friedrichsgymnasiums zu Gumbinnen.
PS. Sollten Ew. Exzellenz die Gewogenheit haben, unseren Wunsch zu befriedigen, so bitten ivir Elv. Exzellenz Ihren Brief folgendermaßen zu adressieren: H. Frost p. Adr. Frau Superintendent Ohlert, Gumbinnen, Unter den Linden.
Das Schreiben trägt kein Datum, muß aber 1866/67 verfaßt worden sein, dä die unterzeichneten Schüler in diesem Schuljahr der Sekunda des' Friedrichsgymnasiums angehörten.
* Ein neue s Mittel gegen die Motten teilt Dr. Gerstenberg in der Berliner Aerztekörrespondenz mit. Es ist konzentriertes Formalin, das sich gegen diese Vernichtungsgeister der Polstergegenstände vorzüglich bewährt haben soll. Dr. Gerstenberg spritzte 30 bis 50 Gramm davon mit einer alten Morphiumspitze möglichst tiefstechend in ein Sofa, mit dem Erfolg, daß das ganze Mottenleben in den: gefährdeten Stück nach einigen Wochen geschwunden war und blieb. In 24 Stunden war das betreffende Sofa schon wieder benutzbar. Da die Ausführung der Injektionen besonders für Hände und Nase wenig angenehm und auch nicht ungefährlich, z. B. für die Augen, beim Platzen der Spritze ist, so überlasse man die Einspritzung einer geübten Männerhand, die sich durch Abspülen in Wasser oder noch besser Mit Gummihandschuhen schützen kann.
* Abbitte. Mutter: „Aber KarlcheN, Wie kannst du zum Onkel sagen, daß er dumm sei: gehe gleich zN ihm hin und tue Abbitte." — KarlcheN: „Lieber Onkel, es tut mir leid, daß du dumm bist."
Literatur'.
— Die Entwickelung d es Menschen aus b cnt Gr als Zeugnis für seine Stammesgeschichte. Unserer heutigen Generation, die sich — wenigstens in den gebildeten Schichten — mit dem Entwickelungsprinzig als der wissenschaftlich befriedigendsten Erklärung fü» das Werden der Organismenwelt jabgefunden oder vertraut gemacht hat, matz es oft verwunderlich erscheinen, wie es möglich war, daß die Beobachtung des Heran- wäichsens einzelner Tiere aus dem! Ei Nicht schon früher zu unserer gegenwärtigen Auffassung von der Bildung und Entwicklung der
Arten geführt hat. Wenn ja auch die Entwicklung des Menschen in ihren frühesten Stadien erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit mit Hilfe der in hohem Maße vervollkommneten Methoden und Instrumente näher erforscht werden konnte, so sind doch schon jedem Kind die merkwürdigen Umwandlungen bekannt, die manche Tiere, wie Schmetterlinge, Frösche, bis' 'zu ihrem erwachsenen Zustande durchzumachen haben, Umwandlungen, die geradezu Widersinnig erscheinen müssen, so lange uns nicht die Stammesgeschichte darüber belehrt, daß z. B. das Kaulguappenstadium der Frösch« eine alte Ahnenform des' ganzen Froschgeschlechts darstellt, die auch heute noch von jedem jungen Fröschlein, Wenn auch mit gewissen Abweichungen, absolviert Werben mNß. Ganz besonders interessant, aber ebenso kompliziert ist es nun natürlich, unter dem' Gesichtswinkel der Stammesgeschichte die menschliche Entwicklung voM Ei ab zu verfolgen, die trotz mancher Lücken doch schon sehr gründlich erforscht ist. Hier aM eigenen Geschlechte wieder uralte Formen zu erkennen oder angedeutet zu finden, die als selbständige Wesen wohl vor vielen Jahrmillionen gelebt haben Mögen, ist für jeden auch nur einigermaßen naturwissenschaftlich Interessierten ungemein reizvoll. Es wirb deshalb auch von weiten Kreisen mit Freuden begrüßt werden, wenn sich ein Führer findet, der auf Gründ der neuesten wissenschaftlichen Forschungen auch dem gebildeten Laien die WunderWelt des organischen Werdens erschließt und ihn auf den verschlungenen Pfaden des Menschlichen Entwicklungsganges geleitet. Ein solcher Führer, der alle Bedingungen erfüllt, die in bezug auf wissenschaftliche Gründ- .lichkeit, Klarheit der Darstellung und Schönheit des Anschauungsmaterials gestellt Werbeit können, ist der von Dr. K. Günther heransgegebene entwicklungsgeschichtliche Bilderatlas „Boni Urtier des Menschen" (20 Lieferungen a 1 Mk.), dessen vor kurzem' erschienene Lieferungen 8 bis 10 ganz besonders die Einheit der Entwicklung aller Wirbeltiere einschließlich des Menschen zuM Gegenstand haben. Wir haben schon früher empfehlend auf das schöne Werk verwiesen und können das dort Gesagte angesichts der drei neuesten Lieferungen in vollem' Maße aufrecht erhalten und bekräftigen.
Gedanke« und Betrachtungen.
Von Helvstius.
Was das Glück der Menschen ausmacht, ist dieses: Das zu lieben, was sie tun müssen. Das ist ein Prinzip, aus das die Ge- sellschast nicht gegründet ist. *
Wer andauernd aus der Hut vor sich selbst ist, macht sich unglücklich, aus Furcht, es vielleicht einmal zu werden.
Die kleinen Fehler in einer großen Arbeit sind die Brosamen, die man dem Neid himvirst.
*
Logisch zu denken, ist für die meisten eine Sünde wider die Natur.
Die Tugend hat viele Prediger und wenige Märtyrer.
Es gibt Tummköpie, welche gewöhnliche Dinge mit eindringlicher Art vorbringen, und die für kluge Leute gehalten werbeit. Während geistvolle Menschen, die kluge, durchdachte Dinge emsach ausdrücken, für beschränkt gelten.
*
Alle Tinge haben so verschiedene Gesichter, daß wir mir prüfen, nie verurteilen sollten.
Die Anstrengungen und Intrigen, die nötig sind, Ruhm zu erwerben, verhindern uns, ihn zu verdienen.
Verwandlungs-Rätsel.
In folgenden 13 Wörtern sind die beiden mittleren Buchstaben jedesmal durch zwei andere zu ersehen, so daß neue Wörter von der angegebenen Bedeutung entstehen. Die neu eingefügten 26 Buchstaben ergeben zusammengesetzt einen Ausspruch aus Shakespeare s „König Heinrich VI.".
], Werk; Stadt,
2. Alge; Nebenfluß,
3. Silo; Nahrungsmittel,
4. Numa; Fluß,
5. Gurt; Stadt,
6. Rosa; Stadt,
7. Afan; Hafen,
8. Ulme; Kröte,
9. Liga; mythische Person,
10. Wort; Himmelsrichtung,
11. Anam; chemisch. Begriff,
12. Ajan; Schlußwort,
13. Efze; Begriff. hb. ,
Auflösung in wachster Nummer»
Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Karmin — K a m i n.
Redaktion: P, Will ko. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'sche» Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R, Lange, Gieße«.


