Ausgabe 
31.8.1908
 
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XS.a«b?«S?l$ne2 A^aulem, ass thn sein Hauslehrer nach dem Edelhof Ruschhaus führte, um die innigste Freundin feiner ver- torbencn Mutter zu begrüßen. Mit ihren grasten redenden Augen, die starr wre dre Blicke einer Sibylle auf ihn gerichtet waren, ah sie rhu forschend an, als er schüchtern und blöde vor ihr land. Acht Jahre später, als er seine ersten juristischen Studien beendet hatte und wieder nach der westfälischen Heimat zurück- gekehrt war, traten sie einander näher und eine Freundschaft erblühte zwischen dem alten Fräulein und dem jungen Stu­denten, der wir nicht nur eine Anzahl der schönsten Gedichte in deutscher Sprache verdanken, sondern die auch in ihrem Ton und in ihrem Wesen etwas Einzigartiges besitzt. All die mütterliche Liebe und Zärtlichkeit, die im Herzen Annettes wohnte, überträgt sie auf Levin, der sie als sein liebes Mütterchen anredet itnb verehrt. Sie wird seine Beraterin, sein guter Engel in Wirrnissen des Herzens und des Lebens und sie spricht zuihrem Schlingel" in einer derblvütigen, robusten Art. Doch auch die Sehnsucht der Frau bricht ergreifend aus ihren' Briefen der Schrei einer Liebe, die leidenschaftlich stark ist:Ach Du gut Kind, was habe ich schon für bittere Tränen darüber geweint, daß ich Dir noch zuletzt so harte Dinge gesagt hatte. Und doch war viel Wahres darin. Aber mich vergißt Du doch nicht, was die Zeit auch daran ändern mag; wenn der eine Haken bricht, so hält der andere; Dein Mütterchen bleibe ich doch, und wenn ich auch noch vierzig Jahre lebe; nicht wahr, mein Junge? mein Schulte, Mein kleines Pferdchen, was hängen alles für Erinnerungen, die nie verlöschen können, an diesen Titeln! Schreib mir, daß Du mich lieb hast; ich habe es so lange nicht ordentlich gehört und bin so hungrig darauf. Du dummes, nichtswürdiges kleines Pferd!" In ihrer Scheu vor allem Sentimentalen, in ihrem spröden Schamgefühl sucht sie diese tieferen' Empfindungen zu verbergen:Ich will jemand Haben, der Mein ist, und dem ich tote einem geduldigen Kamele 'alles aufpacken kann, was an Liebe und Wärme, an Drang zu ipflegen und zu hegen, zu beschützen und zu leiten in mir ist und übersprudelt! . . . Wer wenn Sie Kamel deshalb glaubet, tob er jemals sich einbilden, ich wäre verliebt in Sie, ich wäre 'eine Törin und würfe mich Ihnen an den Hals, so sind Sie Sticht nur ein eitler Geck, sondern Sie sind etwas Schlimmeres; ein verdorbener Mensch, der von einem reinen und edlen Ver­hältnis feinen Begriff hat." In diesem ungewissen Halbdunkel des Gefühls, in' dem neben dem offiziellen Sie so selbstverständlich das intime Du erscheint und in dem neben' robusten Schelt- Mortens zarte Bekenntnisse stehen, liegt der verschwiegendste Reiz des Briefwechsels, den Annette und Levin Schücking geführt haben. Er ist die weichere anschmiegsame Persönlichkeit, und wenn er sich ihr.ähnlich fühlt, so ist es mehr Abhängigkeit als Aehn- lichkeit.Es ist erstens," so charakterisiert er sich selbst,die westfälische, zweitens vielleicht auch etwas von Dichternatur in mir, iöenn Sie, wollen zudem etwas weiblich Geduldiges, Anschmiegsames in meiner Natur, was mich unter meinen' Freunden immer die philisterhaften' Charakter- und Gesinnungsfesten hat aussuchen lassen, die gewöhnlich sehr beschränkt, aber durch Fleiß und Markiertes, festes Wesen sich auszeichneten." Sein Wesen alfo naturgemäß gegen das der großen Dichterin zurück, aber es ist doch, nicht gerecht, Levin Schücking 'Nur immer in diesem er­borgten', Lichte erscheinen zu lassen, das von einer großen reifen Dichterliebe auf ihn zurückstrahlt; er leuchtet doch auch in einem eigenen. Glanze und darf auch heute noch ein' selbständiges' Interesse für seine, Werke beanspruchen.

Es ist die Liebe zur Heimat, zurroten Erde" Westfalens, dre. aus seinen besten Erzählungen warm und rein hervortritt. Nebeit Alexis etwa, dem Sänger der Mark, ober Josef Rank, dem Dichter des Böhmerwaldes, steht er als einer der frühesten und kräftigsten Vertreter der Heimatskunst, der die Stimmung des JmmermannschenOberhofs" in realistischer Breite und poetischer Kraft durchgeführt, hat. Aus dem Elternhause wie aus dem Ver­kehr mit Altnette war ihm der ganze Schatz von UeberlieferungeN und Erinnerungen überkommen, der aus dem ehemaligen Münster- schen Staate stammte, Geschichte, Sage, Natur und Volksart des schönen Landes, das er in demromantischen und malerischen Westfalen" so farbig beschrieben hat. Dazu kam die wunderliche Welt der kleinen geistlichen und weltlichen Staaten, die einst hier im Nordwestwinkel des alten deutschen Reiches die bunte Viel­gestaltigkeit des Südwestens wiederholt hatte, die Zeit der Pfaffen- und Dynastenherrschaft, als sich katholische Frömmigkeit und fran­zösische Aufklärung mitten unter den Gehöften deutscher Bauern ein Stelldichein gaben, die Perücken und Fontangen raschelten und das Schwertergeklirr des Krieges die steife Grazie des Menuetts iablöste. Annette hatte bereits bei einem seiner ersten und besten Bücher, dem Roman'Die Ritterbürtigen", diesen großen Zug der HeinMtskunst schön erkannt:Es ist noch' der Hauch der Heide mit ihren abgeschlossenen Charakteren, ihren bald barocken, bald träumerischen Wolkenbildern darüber; hüten Sie sich, ihn ganz zu tierltere'n' er ist ihr eigenstes Eigentum, mit dem ersten Hauche eingesogen, und kein Fremder machts Ihnen nach. Ich will damit nicht sagen, Ihre Gestalten sollten und müßten' auf west­fälischem Boden' wandeln, sondern bringen Sie die westfälische Naturwüchsigkeit in' die Fremde mit, sehen und hören Sie d. h. lassen Sie Ihre Gestalten sehen und hören mit der uw- Klasicrten Gemütlichkeit westfälischer Sinne, reden Sie mit den

einfachen Lauten, handeln Sie in der einfachen Weise Ihres Vater­landes, und die Ueberzeugung wird sich immer mehr in Ihnen' befesttgen, daß nur das Einfache großartig, nur das Ungesuchte wahrhaft rührend und eindringlich ist." Wir wandern mit Schücking in feinen besten Werken, demBauern für st" oder inPaul Bronckhorst", imSohn des Volkes" wie inDie Hei­ligen und die Ritter" durchs weite westfälische Land mit seinen' dichten Wäldern und einsamen Weilern, seinen Hecken und Kämpen, treten in des Freibauern Gehöft, der sich als Fürst auf eigenen Grund und Boden fühlt, schauen in die niedrige Stube des spießbürgerlich-ehrlichen' kleinen Mannes, nehmen Platz an der üppigen Tafel des Domherrn und belauschen die phantastischen Pläne und Anschläge des Adels. Hier erreicht Schücking in der ruhigen Gegenständlichkeit der Schilderung, in der feinen Beobach­tung der volkstümlichen Eigenart bisweilen fein großes Vor­bild Walter Scott.

Was die Romane dieses prächtigen Erzählers so schnell hat ver­gessen werden lassen, ist die lockere Kdmposition und die häufig allzu, extravagante Handlung. Schücking ist ein Meister der Ex­positionen. Wie kaum' ein anderer versteht er es, seine Figuren emzuführen, die Fäden des Stoffes zu verknüpfen und die großen Wendungen vorzubereiten, aber dann zerflattert das Ganze in eine Reihe fein ansgeführter Episoden interessanter Genrebilder, die einen idyllischen oder kuriositätenhaften Reiz haben, die ein­fachen' Linien der Handlung verschwinden unter der Fülle des Arabeskenwerkes und gewaltsam wird endlich die Auflösung her­beigeführt, der völlig verwirrte Moten des Stoffs mit einem unmöglichen Streiche entzweigehauen'. Daher das Unerwartete, Sprunghafte seiner Erzählung, feine Vorliebe für plötzliche Ent­hüllungen und unvermutete Ueberraschüngen. Schücking hat ein ausgezeichnetes Fabuliertalent; er kann mit der höchsten An­schaulichkeit erzählen', aber seine Begabung verleitet ihn zu Vir- tuosenstücken und mutwilligen Seitensprüngen. DerWalter Scott Westfalens" hat sich im Laufe feiner Entwicklung von seinen historisch-romantischen Neigungen immer stärker zu einer gewissen Tendem gewandt. Die Emanzipationsgedanken des jungen Deutschlands wirkten auf ihn ein, wie er denn als den Grund­gedanken feiner SchriftenEmanzipation des Menschen im All­gemeinen und der Frau insbesondere von den Fesseln jener An­schauungen und Lebensverhältnisse, die das Individuum in seinem Selbstbeftimmungsrecht beschränken und es hindern, sich seiner Natur gemäß zu echteni Menschentum zu entwickeln," bezeichnet. Von der koloristisch prächtigen Art und der frischen Naivität, wie er sie in Laubes Romanen kennen gelernt hatte, wandte er sich mehr der psychologisch grübelnden, in Reflexionen und Tendenzen sich erschöpfenden Manier Gutzkows zu. Die Bedeutung des Dichters Schücking aber wird immer aus seinen ersten Romanen beruhen, in denen er das Land und die Geschichte derroten Erde" fo meisterhaft geschildert, daß diese Werke auch heute noch zu uns in' unverminderter Frische sprechen'. Dr. P. L.

Schänken über die presse.

Von Adolf Zimmermann.

Die Preßfreiheit ist die wichtigste und politisch wirksamste der bekannten liberalen Errungenschaften. Es flingt banal, wenn man so etwas erst ansspricht. Dennoch ist es nötig. Es gibt nämlich Leute die heute, sechzig Jahre nach 1848, noch so zu Werke gehen, als könne man durch zielbewußtes Nichtbeachten unbequeme Dinge in ihren Wirkungen, und unbequeme Menschen in ihren Worten und Taten abschwächen. Leute an politisch einflußreichem Platz. Und bereit Dummheiten kosten Geld.

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Der preußische Staat arbeitet Nach dem Satze:So wenig Presse tote möglich." Dieser Sah ist politisch falsch, vom Stand­punkt des herrschenden Systems aus. Er schädigt nur die diesem nahe stehenden Zeitungen, die durch ihn in Einfluß und Ent­wicklung beinträchtigt werden. Die gegnerische Presse wird,unbe­hindert groß und stark. Es muß heißen:So viel Presse wie möglich!,;

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Eine vernünstige Gesetzgebung darf das Bestehen kleiner Blät­ter, die ohne redaktionelle Unkosten mit Kleister, und Schere hergestellt werden s nicht begünstigen. Mag das Bedürfnis solcher Blätter zu selbständiger Stellungnahme irgendwelchen Tages­ereignissen gegenüber auch noch so gering fein: über örtliche Angelegenheiten äußern sie sich. Damit üben sie auf Geschmack und Sprache ihrer Leser einen ungiinftigen Einfluß aus. Solche Käseblättchen, deren Herausgeber dem Analphabetentum ost ver­dammt nahesteht, nehmen kulturell wertvolleren Blättern ganz unnütz Licht und Luft weg und hindern diese, ins Volk zu dringen.

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Der Deutsche ist ein' eifriger Zeitungsleser, doch hat er nur wenig Verständnis für Journalistik. Er ist zu wenig Politiker. Und dann ist dem Philister, wie überall in der Welt, auch bei uns eine Tätigkeit, die nicht positive, handgreifliche Werte erzeugt, im Grunde seines Herzens unsympathisch. Die kiiltiirgeschicht- liche Entwicklung hat ihn, Generation um Generation, so weit umgemodelt, daß er seine Abneigung im Hinblick auf einzelne