Ausgabe 
31.8.1908
 
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Ihre tiefen Augen blickten bittend zu ihn?. Aber der Bursche starrte in die Mondscheibe und sah den Blick nicht. Und das war vielleicht gut.

Die verschleierten Gebilde auf dem fernen Himmelskörper fesselten seine Aufmerksamkeit und hatten ihn längst die Be­leidigung seiner Freundin vergessen lassen.

Das sollen Berge fein, hat unser Lehrer gesagt." Ja, die Nase. Und die Augen sind Täler!" Dann schwiegen beide lange Zeit.

Plötzlich warf sich Hcrald auf die Seite nnd griff mit der Rechten in Erikas volles Haar; die schwarzen Strähnen glitten spielend durch seine Finger.

Bei dieser Berührung überrieselte Erika ein wohliger Schauer. Herald fragte leise:Erika?" Herald?!"

Du wenn ich auf den Mond könnte, ich baute auf die Nase ein Schloß und du.

Und ich?"

Ach ---du wirst lachen!"

Nicht eine Miene verzieh ich!"

Und du die Erika Guitermäun' du ---.

Soll ich?"

Also?"

Und du würdest meine Mondprinzessin!"

Nur ein Lächeln huschte über des Mädchens hübsches Gesicht, ein glückliches, seliges Lächeln, dann streckte sie Arme und Beine von sich und rief:

Ach das wär schön!" Das tarn' aus tiefstem Herzen.

Herald hatte feinen Arm unter Exikas Kbps geschoben und sse ruhte nun darauf.

Wie alt bist du, Herald?"

'Ich werde Johannis achtzehn. Und du?"

'Am Tage, da du antratst, war ich fünfzehn!"

Ach--aut 1. November, und nicht mal Glück

hab ich dir gewünscht!!" sagte er bedauernd.

Schon daß du kamst---war mir Glück!"

Dieser Gedanke tvar für ihn wenig faßlich, und er grübelte darüber nach, erkennend, daß er unergründlich für ihn fei. Auch stieg schon ein anderer Gedanke in ihm! auf.

Gingst du mit auf den Mond mit mir, Erika?"

Wenn bu ein Schloß droben banst!"

Dann müßtest du aber meine Frau werden: Frau Erika Emmrich!"

Die zukünftige Mvndprinzessin schmiegte sich eng an Herald, daß ihr dunkles Kleid liebevoll einen Teil des Mehlstaubes vom Müllergewand auf sich nahmt Sie flüsterte:Die will ich auch werden, Herald; mein lieber, guter Herald!"

Das versprichst du mir?"

Das verspreche ich dir--hier mit der Hand!" Und

sie reichte ihm die Hand, die er mit der linken fest drückte.

der linken, weil es ihn dauerte, die rechte unter Erikas Kopf hervorzuziehen.

Dieser war jetzt seinem Gesicht ganz nahe, er fühlte ihren Atem, seine Wange streifte die ihre.

_ I» dem Mädchen regte sich das Blut der Mutter. Unbe- wüßt blickten ihre Augen begehrlich nach ihres jungen Nachbars Münd, der ftch in schöner Linie wölbte, doch der noch rein und Unberührt war wie sein Herz und Gemüt.

Herald blickte immer noch in Lunas freundliches Antlitz. Im' Gerste sah er sich Ivandelu in des Mondes Stilen, Seite an Seite mit Erika, feiner Mondprinzessin. Leise sagte er:Du Erika, sag aber deinem Vater noch nichts davon!"

,|Nein jetzt noch nicht. Erst wenn ich groß bin."

1 »Ans bist du bald. Morgen wirst du schon konfirmiert" "Und in vierzehn Tagen bin ich schon in der Pension!" Mit einen? Ruck zog Herald seinen Arm unter ihrem Köpfchen hervor, so daß dies etwas unsanft in die Heide sank. Der Bursche Achtete sich hoch auf die K'uiee und starrte nach der Herrentochter. Annn. schlug er die Hände vor das Gesicht und warf sich vorn über tu das Moos und weinte.

Uu& je mehr er weinte, desto größer dünkte ihn sein Schmerz, tz'eide ^_rinäe6tf,'CK ^ht fort" klagte er der struppigen ., Erika war tiefbewegt. Sie beugte sich über Herald und legte ihr Gesicht an leinen Kopf--und sie küßte ihn in den Nacken

Itni) hinter das Ohr und da ward er still: und ferne Seele war ein einziges Lauschen.--Ferne Märchen-

lI)m. lebendig, Bilder von schönen Prinzessinnen und Prmzen sUegen irt ihn? auf. Des Mädchens Küsse nahmen Sacherer um Schleier von seiner Seele, imd sie bauten die duftige Brücke von Freundschaft zur Liebe, und nach den? letzten Küß

I schlich Herald davon, fort von? Liebesinselchen durch das moudp spiegelnde Wasser in feine dunstige KamMer überm Mehlboden Doch ihm war das heute keine Kammer das war ein Schloß nein, em Prunksaal mit diamantenen Wänden, in denen alles funkelte und gleißte; und genau so sah es in seinem Herzen aus.--

Herald Emmrich, der Müllerbursche, feierte der Liebe Einzug. 5. Kapitel.

Die alte Markgrasenstadt Meißen am' Elbstrom birgt in sich viele Reize, und der Besucher komült immer auf seine Kosten.

Sei cs nun, daß er sich an einem Schoppen zweifarbigen Meißner Landweius labt, sei es, daß er poetischen Geuiüts sich von der hehren Albrechtsburg alte Geschichten zuraunen läßt. llnd deren weiß das alte Gemäuer da oben viel zu erzählen, man muß nur seine Sprache verstehen, muß Hertz und Sinn' haben für die Romantik längst vergangener Tage. St. Afra blickt auch ernst und würdig drein und stolz. Stolz auf die vielen, die gelahrt ihre Tore verließen.

Doch die alte Dame, die unten im Eckhaus am Kleinmarkt sitzt, im trauten Erkerzimmer, denkt nicht an Albrechtsburg und Fürstenschule; ihre Gedanken weiten weit, weit und be­sonders jetzt, da sie den großen Brief in der Hand hält, dessen' markige Aufschrift verrät, daß ihr Sohn, der Baumeister Fritz Hennig, ihn abgesendet.

Ehe sie jedoch die Epistel öffnete, trat sie in das Neben­zimmer, aus dem lustiges Lachen erklang, das Lachen sorgloser junger Mädchen.

Sffier Beate, wo sitzest du?" fragte sie

Auf dem Neiderschrank, wie Sie sehen, Madame," ant­wortete das junge Ding und baumblte dabei vor Uebcrmut mit den Beinen.

Und du Dora; was machst du?"

Ich Utache den König!" In der Tat hatte sich das Mädchen die Tischdecke um die Schultern gehängt, und ein Federwedel sollte vermutlich das Zepter darstellen. Doch das erschütternde Lachen trug keineswegs zur Erhöhung ihrer Königswürde bei.

Dessenungeachtet begann sie zu deklamieren: Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp, Zu tauchen in diesen Schlund?

. BeiSchlund" wies sie mit dem Zepter Staubwedel auf das Bett, welches vor deut Kleiderschrank stand, und Fräulein Beate sprang von luftiger Höhe in die Feder-Fluten, nachdem sie deklamiert hatte:

Und es wallet und siedet und brauset und zischt, luie wenn Wasser mit Feuer sich mengt."--

Mit einem Entsetzensrus trat Madame Hennig zurück und schlug die Hände zusammen.

Kinder ich bitt euch!!--; Wenn Schiller diese Illu­

stration seiner Ballade sähe, er bedeute noch im' Grabe jede Zeile, die er gedichtet!"

Währenddessen hatte sich derTaucher" aus den Betten heraus- gewühU und überreichte mit Grandezza dem Pseudokönig wirklich einen silbernen Becher, den sie aus dem! Unterbett hervorgescharrt hatte.

(Fortsetzung folgt.)

Der Fremd der Annette von Drssie-Mchoff.

(Zum 25. Todestage Levitt Schückings, 31. August 1908.) (Nachdruck verboten.)

Unter den Dichtern trifft den Romanschriftsteller das ver­gänglichste Los. Er entzückt wohl während seines Schaffens das große Publikum, reißt Tausende mit sich fort und ist in aller Munde. Aber nach seinem Tode verdrängen andere Erzähler das flüchtig bewahrte Andenken und fein Werk wird begraben rtt der ungeheuren bändereichen Flut der Uiiterhaltungsliteratur, die ttn ungerechten Durcheinander die toertlofen1 Produkte bloßen Seuiationsbedürfnisses und Bücher voll reicher Erzählungsknust miteinander fortführt. So geschieht es, daß Schriftsteller, die zu ihrer Zeit eine bedeutende Stellung einnahmen und ein im­ponierendes Talent der Gestaltung und des Wissens entfalteten, nur noch in den dürren Aufzählungen der Literaturgeschichte sortlebett, und daß so manche interessante Persönlichkeit nur durch einen Zufall der Vergessenheit entrissen wird. Auch Levin Schückmg gehört zu diesen Männern, die nicht ihre zahlreichen Werke, sondern eine rein persönliche Verknüpfung ihres Schicksals unsterblich gemacht hat. _ Sein Name wird heute nicht mehr genannt als der eines einflußreichen und hochbegabten Erzählers, depeN Erfindungen und Charaktere ein feinsinniger Leserkreis mtt Spannung und Begeisterung aufnahm, sondern alles Licht fallt aus ihn durch seine Beziehungen zu unserer größten deutschen' Wichteritt, die ihm eine merkwürdig wundervolle Neigung aus der reichen Trese ihres Gemüts geschenkt hat; er ist für uns der Freund der, Annette von Droste-Hülshosf.

Der Knabe schon empfing den' ersten unvergeßlichen Eindruck