Ausgabe 
30.12.1908
 
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nicht biuitit, üüit unserem Grundsatz: erst dis volkendeie Arbeit, dann der vereinbarte Lohn, um eine Kopek- abN'-- weichen, und mußten schließlich, unr die Betrunkenen zur Berilunst zu bringen, zu unseren Revolvern greifen und ihnen deurlrch zu verstehen geben, daß wir vor deren Ge­brauch im Notfall nicht üst mindesten zurückschrecken würden. Als sie endlich den Ernst der Situation begriffen, vermMten die Werber, die Männer fortzuziehen, sie spannten die Gäule wieder an ihre Karren, itttb ohne ihrem Groll sonderbares Weise auch nur im geringsteil Lust y.i machen, zogen sie, an­scheinend, ganz befriedigt, in die eitbKofe Steppe von dannen, irgend einem fernen Ziel zu, >vo ihre Wünsche und Hoff­nungen vielleicht ebenso bitter getäuscht werden wie dies, wo es aber sicherlich an dem über alles geliebten Wodka mich nicht fehlen wird.

Einrnal an unsere Revolver erinnert, vertrieben wir uns die lange Wartezeit mit Preisschießen. Die Scheiben wurden aus Pappdeckeln hergestellt, das Zentrum mit Hilfe des Moorbodens markiert, und eine leere Oelkanne'als Scheibeugestell benutzt. Aber das Vergnügen mußte ein Ende nehmen, da wir nicht unsere ganze Munition verknallen dursten.

Als Jegen 6 Uhr der Rittmeister noch nicht da warst fingen wir an, ungeduldig zu werden, mrd schauten bald hierhin, bald dorthin nach ihm aus. Es wurde sieben, er kam nicht. Die Dämmerung senkte sich lailgsam auf die Steppe nieder, es wurde acht, die Sonnen ging glühend hinter den Hügeln unter, die Nacht brach schnell herein vorn Rittmeister und der Schwadron immer noch nichts zu sehen und zu hören.

Glänzend ging der Mond am tiefblauen Himmel auf, phantastisch groß in dem Dmrst des Horizonts, dann scharf un,rissen in der reinen und klaren Steppenlust, und selt­same Silberfädeu über die weite Grasfläche spinnend.

Es war fast 9 Uhr geworden, und ich mußte annehmen, daß Rittnieister von Albrecht sich mitsamt seinem ortskun­digen Führer verlaufen habe oder ihm auch etwas zuge­stoßen sei, da er etwas leichtsinnig ohne jede Waffe seinen Marsch angetreten hatte. Wie dem auch war, ich glaubte das Richtige zu tun, nunmehr mich selbst auf den Weg zu machen, um ihn zu finden oder wenigstens die ersehnte .Hilfe herbeizuschafsen.

Ter klare Mondschein begünstigle anfangs die in der nächtlichen Hügelsteppe nicht ganz einfache Orientierung. Nach ettva einer Stunde bewölkte sich aber der Himmel der­art, daß ich mich ausschließlich auf meinen Ortssinn ver­lassen nmßte, der mir sagte, ich hätte mich scharf rechts zu halten, um auf den Bahndanim zu stoßen, wo ich dann leicht eine Station finden konnte. Aber auch das Rechtshallen war nicht so einfach, da in der gleichföruügen tzügelformation der Steppe jeder Richtungspunkt fehlte. Eine gewisse Helligkeit blieb wenigstens, da die Nächte in diesen Breiten und Gegenden selten im Sommer ganz dunkel werden.

Meine Uhr zeigte bereits Mtternacht. Ich hatte meine einzigen Kleidungsstücke, Sweater und Lederanzug an, in denen es mir recht warm bei dem ewigen Hugelauf-Hügel- ab geworden war, und der Durst fing an, mich schwer zu plagen. Ich mußte längst mehr als 15 Kilometer gemacht, also den Bahndaurnr verfehlt haben. Auch die Müdigkeit machte sich erheblich bemerkbar, zumal ich in der Nacht zu­vor nicht geschlafen hatte..

Ich stand vor der Frage: weiter, zurück oder hinlegen, wo ich mich befand, und den. Morgen abwarten. Das letz­tere verbot mir der Gedanke an meine Gefährten, die beim Auto übernachteten und spätestens mit dem ersten Sonnen­strahl Hilfe erwarteten. Zurückzugehen, der Plan erschien mir in der irreführenden Nacht unmöglich und auch nutz­los. Es blieb also nichts anderes übrig, als meinen Marsch unter möglichster Einhaltung der eingeschlagenen Richtung weiter fortzusetzen

Nach einer halben Stunde, während ich hartes Steppen­gras gegen den unerträglich gewordenen Durst kaute, sah ich von einem überhöhenden Hügel plötzlich in der Ferne ein Licht. Welch ein Jubel in meiner Situation, solch ein win­ziges Zeichen von einer Feuerstelle, einem Herd, einer Lampe in der tiefen Nacht halb verirrt zu erblicken!

Ich marschierte auf den nächsten Hügel lveiter, von dessen Kamm ich das Licht rviedersah, ebenso fern, ebenso mrhig, ebenso freundlich wie zuvor. Ich eilte den Hang hinunter und den nächsten hinaus und blieb betroffen stehen. Das Licht ivar fort. Ich mochte nicht daran glauben, daß

irgendein tzöser Geist mir plötzlich jvieder das Licht ae- stöhlen hätte, mein schönes Licht, und sprang zum nächsten höheren Hügel hinan. Aber so sehr ich auch meine Sluaen

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Eine eigenartige Hoffnungslosigkeit überkam mich. Ich dachte an das Auto, au meine beiden Chauffeure und an das Ziel, unserer Fahrt, an meine Eltern und Berlin, und die schwärzesten Borstellungen bedrängten mich, obwohl ich resolut meinen Weg auch ohne das treulose Rickllicbt iort- setzte. v

Schrankenlos wie die nachtdunkle Steppe dehnte sich oie Phantasie, und die physischen Strapazen, Durst und Mü­digkeit wirkten krankhaft auf sie ein. Ich sagte mir das, ohne von den törichten Einbildungen loszukommen.

Im nächsten Augenblick bäte ich über mich selbst lachen können. Ich sah über eine d r nächsten Hügelkuppen die schwarzen Silhouetten von Reitern auftauchen, die sich ziem­lich deutlich gegen den Himmel abhoben. Die Rettung war da, denn wer konnte das anders fein, als mein guter Ritt­meister mit der Schwadron! Da die Reiter eine etwas andere Richtung hatten, rief ich hinüber, ttnt mich bemerkbar zu machen. Ich konnte ganz gut wahrnehmen, ivie sie auf meine Rufe stutzten, sich umwcmdten und mm lebhafter auf mich zuram'w, und freute mich auf die originelle Begrüßung und den willkommenen Rücken eines der braven Kosaken- Pferde.

Je näher sie kamen, desto mehr erkannte ich jedoch, daß es abermals eine getäuschte Hoffnung war, und diesmal sicherlich auch- kam» etwas Friedfertiges. Es waren keine Kosaken, sondern Chungnsen, sechs Mann von dem wohl- bewaffneten und gut berittenen Gelichter, das die Steppe als fein Reich betrachtet und gegen den Eisenbahndamm und die Blockhäuser als unliebsame Störenfriede ihrer No­madenherrlichkeit ankämpft.

Auf jede Eventualität gefaßt, suchte ich ben Leuten klar- zumacheu, daß ich als friedfertiger Wanderer mich verirrt hätte und den Weg zur nächsten Station suche. Ich fragte und zeigte in die verschiedenen Himmelsrichtungen, und sie verstanden auch ganz gut, um was es sich handle, gaben mir aber durch Gebärden und Ausrufe in einem mir völlig unverständlichen Idiom zu verstehen, daß sie mir den Weg wohl zeigen könnten, jedoch erst Bezahlung verlangten. Damit ivar ich nun keineswegs einverstanden und wünschte, zunächst in die richtige Richtung gebracht zu werden, dann sollten sie haben, was sie begehrten,.

Meine Lage begann kritisch zu werden, da die dunkeln Gesellen keine Miene machten, meinem Wunsche nachzukom­men, vielmehr sich an mich zu drängen suchten. Ich trug ein paar tauseud Rubel bei mir, und die Bande hätte zweifellos einen guten Fang gemacht, wenn sie mit mir fertig geworden wäre. Aus meine weiteren Fragen rea­gierten sie nicht weiter, sondern versuchten tatsächlich, mich in die Mitte zu bekommen.

Run gab es kein Zögern.

Ich sprang zurück, riß meinen Revolver vor und knallts knapp über ihre spitzen Hüte hinweg zwei schnelle Schuss« in die Lust, entschlossen, die nächste Kugel einem der Banditen irr den Muberleib zu jagen.

Auf eine Waffe schienen sie bei mir nicht gesaßt gewesen zu sein. Ich trug den Revolver in einem Futteral unter der Lederjoppe. Das plötzliche Feuergebeu erschreckte sie auss äußerste, mrd obwohl sie über ihren Sattelknöpsen kurze Gewehre hängen hatten, rasten sie wie besessen davon.

Meine erleichterte Stimmung hielt nicht lange an. Tie: Kerle konnten verstärkt wiederkommen, und über den rich­tigen Weg wußte ich nach wie vor keinen Bescheid. Durch das Renkontre war ich aber wenigstens wieder ganz munter geworden, und mit frisch geladenem Revolver setzte ich meinen Marsch in der Richtung fort, die ich für die rechte hielt.

Es war wohl gegen 3 Uhr morgens, und die schwache Morgendämmerung gestattete bereits einen weiteren Aus­blick, als ich in der Ferne aufs neue ein Licht entdeckte, diesmal ein rotes, zweifellos ein Signallicht der Eisen­bahn in der Rahe einer Station. Mit Aufbietung der letzten Kräfte strebte ich diesem Lichte entgegen, ehe es etwa wieder verschwand. Mit beschleunigten Schritten, teilweise auch lausend, in dem heißen Verlangen, endlich aus der ungemüt­lichen Situation erlöst zu werden, und gepeinigt von wahu- jinnigem Durst, brachte ich mir das Licht schnell naher