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Und ein sehr großes. Spüren Sie denn nicht, daß das Wetter ganz unglaublich milde geworden ist? Offenbar ist der Wind nach Süden nmgcschlagcn. Der Nebel hat sich verzogen, aber der Himmel ist von schweren Wolken bedeckt. Es wird vielleicht zn regnen anfangcn, ehe eine Stunde um ist.
Es fallen schon Tropfen; eben fühlte ich einen ans der Nase.
Diese Bemerkung wirkte auf Lecog wie ciu Peitschenhieb auf ein Pferd. Er stürmte in schnellem Lauf vorwärts, indem er rief:
Nun aber marsch! marsch !
Der Alte setzte sich ebenfalls in Laufschritt, aber sein Geist war im höchsten Grade durch die Antwort seines jungen Begleiters in Anspruch genonnuen. Ein großes Unglück! Südwind! Regen! Er konnte nicht einsehen, inwiefern dies alles zueinander in Beziehungen stände.
In seiner Unruhe fragte er schließlich, obwohl sein Atem kaum für die Anstrengung des schnellen Laufes ausrcichte:
Was bedeutet denn das? Auf Ehrenwort, ich kamt mir den Kopf zerbrechen, soviel ich will.
Der junge Polizist empfand eilt mitleidiges Rühren und antwortete, ohne seinen Lauf zu unterbrechen:
Was? Sie begreifen nicht, daß von diesen schwarzen Wolken, die der Wind vor sich hertreibt, der Ausgang unserer Untersuchung, mein Erfolg, Ihre Gratifikation abhängen?
Oh!
Ta gibt'S kein Oh!, mein guter Alter. Leider! Zwanzig Minuten lang ein kleiner, sanfter Regen, und wir hätten Zeit und Muhe verloren. Wenn es regnet, schmilzt der Schnee und dann sind unsere Beweisstücke futsch! Ah, das wäre ein Verhängnis! Also vorwärts! los! so schnell wir können! Sie wissen doch gut genug, daß man bei einer Untersuchung etwas anderes Vorbringen muß als bloße Worte! Wenn wir dem Untersuchnngsrichter versichern, wir hätten Fußspuren gesehen, so wird er uns antworten: >,Wo sind sie?" Und was sollen wir dann sagen? Wenn wir Bei Himmel und Erde schwören, wir hättet: die Fährte von einem Mann und zwei Frauen sestgestellt, so wird man uns sagen: „Laßt sie doch mal sehen!" Wer wären dann die Blamierten? Der alte Absinth und Lecog! Ganz abgesehen davon, daß es Gävrol gar nicht darauf ankommen wird, zu erklären, wir lögen, nm uns zu brüsten und ihn hembznsetzen.
Ei verflucht!
Schneller, Papa, schneller! Entrüsten können Sie sich morgen. Wenn es nur nicht regnet! Unsere schönen, netten, deutlichen Fußspuren, durch di,e die Schuldigen sofort zu überführen wären! Wie könnte man sie konservieren? Ich würde mein eigenes Blut hineingießen, könnte ich dadurch einen festen Abdruck erhalten!
Ter alte Msinth ließ sich selber Gerechtigkeit widerfahren und gestand sich, daß sein Teil an der Arbeit bis jetzt höchst geringfügig gewesen war: er hatte die Laterne gehalten. Aber jetzt schien sich ihn: eine Gelegenheit darzubieten, sich tatsächliche und begründete Anrechte auf die Gratifikation zu erwerben.
Ich weiß, erklärte er wichtig, wie man es macht, nm eine Nachbildung von Fußspuren im Schnee zu erhalten.
Bei diesen Worten blieb der junge Polizist plötzlich stehen und rief:
Sie wissen das, Sic?
Ja, ich! erwiderte dcr alte Beamte mit einem Anflug von Eitelkeit. Man hat den Trick erfunden, als die Affäre vom weißen Hause spielte, letztes Jahr int Dezember
Ich erinnere mich.
Es war da im Hof auf dem Schnee eine große verteufelte Fußspur, über die der Untersuchungsrichter ganz selig war. Er sagte, um sie drehte sich die ganze Frage, und sic wäre für den Angeklagten zehn Jahre Zuchthaus mehr wert. Natürlich lag ihnt daran, diese Spur aufzubewahren. Man ließ einen großen Pariser Chemiker kommen.
Weiter, weiter!
Ra, ich habe ja die Sache nicht mit meinen eigenen Augen machen sehen, aber der Sachverständige hat mir alles erzählt, als er mir den Abguß zeigte, den man gewonnen hatte. Er sagte mir sogar dabei, er erkläre es mir wegen meines Berufes, und damit ich was dabei lernen könnte.
Lecoa zitterte vor Ungeduld.
Kurz und gut! rief er schroff, wie machte er's?
Warten Sie doch; jetzt kommt's schon! Man nimmt Gcla- tinctafcln von der allerbesten Sorte, recht durchsichtig, und weicht sie in kaltem^ Wasser auf. Wenn sie recht weich sind, kocht man sie in Dampf und läßt sie schmelzen, bis sic eine nicht zu klare Md nicht zu dicke Brühe bilden. Tiefe Brühe läßt man ab- siihlen, bis sie gerade noch zähflüssig ist und gießt davon eine recht Minne Schicht Über die Fußspur.
Lecog wurde von dem erklärlichen Zorit erfaßt, dcr einen ergreift, wenn man sich vergeblich gefreut hat und bemerkt, daß man feine Zeit damit verloren hat, einem Dummkopf zuzuhören.
Genug! unterbrach er den Alten in hartem Ton. Ihr Verfahren ist das Hugonlinsche, man findet cs in allen Handbüchern. Es ist ausgezeichnet, aber was kann es uns nützen? Haben Sie etwa Gelatine bei sich?
Nä, das nicht. . .
Ich auch nicht. Ebensogut hätten Sic mir raten können, gc- fchmolzenes Blei in die Schneespuren zu gießen.
Sic nahmen ihren Lauf wieder auf und waren fünf Minuten später, ohne noch ein Wort gewechselt zu haben, wieder in der Schenke der Witwe Chupin. Der erste Gedanke des braven Alten war natürlich, sich hinzusctzen, auszuruhen, frischen Atem zu gewinnen. Lecog ließ ihn: keine Zeit dazu; er kommandierte:
Hoch das Bein, Papa! Besorgen Sie mir eine Suppenschüssel, einen großen Teller oder sonst irgend ein Geschirr, geben Sic mir Wasser und tragen Sic alles zusammen, was cs hier in bit-fern! Hause an Brettern, Kisten und bergt gibt.
Während fein Kamerad diese Befehle ausführte, nahm er selber einen Flaschenscherben zur Hand und begann wütend an der Scheidewand zwischen der Schenkstube nnd dem Hinterzimmer der „Pfefferbüchse" zn kratzen. Er war anfangs durch die Befürchtung eines uttvorgesehenen Mißgeschicks außer Fassung gebracht gewesen, aber jetzt hatte seine Intelligenz ihr Gleichgcwichtl wieder gefunden. Er hatte mit aller Kraft nachgedacht, unt ein Mittel zu finden . . . und er hoffte!
Als vor feinen Füßen sieben oder acht Hände voll Gipspulver lagen, löste er die Hälfte davon in Wasser auf, so daß er einen: sehr dünnflüssigen Teig erhielt und stellte den Rest in einem! Teller aus die Seite. Dann sagte er:
Nun kommen Sie, Papa, und leuchten Sie mir!
Sobald sie im Garten waren, suchte der junge Polizist sich dis deutlichste und tiefste von den Fußspuren aus, kniete neben ihr hin nnd begann klopfenden Herzens seinen Versuch. Zuerst breitete er über die Fußspur eine büitnc Schicht von Gipsstaub ans, hierauf goß er mit unendlicher Vorsicht nach nnd nach etwas von der Flüssigkeit, die er dann wieder mit trockenem Pulver bestreute.
O Glück! Ter Versuch gelang! Das Ganze bildete eine zusammenhängende Masse, die sich der Form der Fußspur an- schmiegte. Und nach einstündiger Arbeit besaß er ein halbes! Dutzend Gipsformen, die vielleicht nicht ganz sauber, jedenfalls aber völlig hinreichend waren, um als Beweisstücke dienen zn können. .
Lecogs Befürchtungen waren nicht unbegründet getvesett: es begann zu regnen. Trotzdem behielten sie noch so viel Zeit, nm mit den vom alten Absinth zusammengetragenen Brettern und Kisten eine gewisse Anzahl von Spuren zit überdecken, die er auf diese Art wenigstens für ein paar Stunden noch vor dem Auftaucn bewahrte.
Endlich atmete Lecog auf. Er war fertig. Ter Untersuchungsrichter konnte kommen.
7. Ksipitel.
Bon der „Pfefferbüchse" bis zur Rue du Chevalcrct ist eilt weiter Weg, selbst wenn matt quer über „die Ebene" geht und dadurch ein gutes Stück abschneidet. Lecog und fein alter Kvllege hatten nicht weniger als vier Stunden gebraucht, um draußen! den Spurcit nachzugehen.
Und während dieser ganzen Zeit war die Schenke der Witwe Chupin sperrweit offen geblieben, so daß der erste beste frei cin- treten konnte. Der junge Polizist hatte sich jedoch deswegen nicht beunruhigt, als er bei dcr Rückkehr diese Außerachtlassung! der einfachsten Vorsichtsmaßregeln bemerkte. Wer sollte denn auch nach Mitternacht in diese Spelunke gekommen sein? Ihr fürchterlicher Ruf umgab sie gleichsam mit Verschanzungen. Die schlimmsten Galkcustricke kehrten nicht ohne Unruhe dort zum Trinken ein; sie fürchteten, wenn sie sinnlos berauscht wären, von „Leichenfledderern" ausgeplündert zu werden. Höchstens hätte ein besonders Kühner, vom Nachtball im „Regenbogen" heün- kehrend, durch den Lichtschein, der ans der Tür hervordrang, angelockt werden Tonnen, seine letzten paar Sons zn vertrinken. Aber ein Blick in das Innere würde genügt haben, mich die Beherztesten in die Flucht zu schlagen.
(Fortsetzung folgt.)
Am dem Leben einer japanischen Schauspielerin.
Die vielgerühmte japanische Bühnenkünstlerin, die wir vor kurzem auch bei uns in Gießen beinahe hatten als Gast begrüßen können, Frau Hanako, erzählt in einer englischen Zeitschrift von ihrer Laufbahn, ihrer Kindheit, ihrer Erziehung, ihrer Heimat und von bett Eindrücken,


