die ihr Besuch Europas ihr vermittelt hat. Sie ist ein Theaterkind, aber yuch ohne diese Familientradition würde sie von klein auf jenen Weg eingeschlagen haben, der ihr Daseinsinhalt werden sollte, hen Weg zur Bühne. „So weit ich zurückdenken kann, brannte ich darauf, zu spielen, und schon als kleines Kind begann meine Laufbahn an der Bühne. Denn in Japan strebt man danach, die Fähigkeiten eines Kindes so früh als möglich zu erkennen und sie dann zielbewußt bis zum Höchsten zu entwickeln. In unseren Schulen wird die künftige Laufbahn, des Knaben schon im Alter von etwa zwölf Jahren bestimmt. Zeigt er mechanische Talente, so verläßt er die allgemeine Schule und geht zu einer technischen Lehranstalt über, in der seine besonderen Fähigkeiten von Anfang an konsequent entwickelt werden. Will er Offizier werden, so tritt er zu einer militärischen Schule über, und ebenso verfährt man mit den Kindern, die zur Kunst drängen und in der Kunst ihren Beruf sehen." Sorgsam vermeidet man es, das Kind in andere Bahnen zu lenken als in die, in die seine Natur es treibt, und da zudem die Bühne in Japan hochangesehen ist, würden selbst exklusive Familien dem Sohn oder der Tochter keine Hindernisse bereiten, die die Bühnenlaufbahn zum Lebensberuf erwählen. Noch als Kind wurde Frau Hanako dem Leiter einer Theatergesellschaft übergeben.
„So weit ich zurückdenken kann, habe ich seitdem gesungen, getanzt und gespielt. Der Lehrest übernahm die Sorge um mich, und selbst meine Eltern hatten nun kein Recht mehr, in meine künstlerische Erziehung und Ausbildung einzugreifeir. In Japan ist es nicht so wie im Westen, wo die Eltern in solchen Fällen in den Unterricht eingreifen, wenn die Methoden des Lehrers ihren eigenen Kunstanschauungen widersprechen. Ich wurde meinem Lehrer übergeben und damit war ich, sozusagen sein künstlerisches Eigentum. Er übernahm es, mich zur Schauspielerin heranzubilden, und niemand hätte daran gedacht, ihm in seine Pläne hineinzureden." In der Rolle eines Küaben tritt sie zum erstenmal ans die Bühne. Noch heute ist das ihre Lieblingsrolle und noch heute erinnert sie sich aller Einzelheiten dieses ersten Auftretens. Es war eine- Tragödie, in der ihr Vater und sie verurteilt waren, in einem Kessel siedenden Oels zu sterben. Der Vater sucht sein Kind zu retten, indem er es mit den Armen empvrhält, aber schließlich erlahmt seine Kraft und er läßt das Kind in das glühende Oel hinabfallen. „Cs ist eine schreckliche Tragödie und mein erstes Auftreten darin machte auf meine Seele einen unverlöschlicheu Eindruck."
Sieben oder acht Jahre verstrichen nun in unablässiger Arbeit unter Leitung des Lehrers; dann brachte man die junge Schauspielerin nach Tokio, wo sie im kaiserlichen Theater ihre dramatische Ausbildung beendete. „Ich weiß wirklich nichts weiteres über meine Kindheit zu erzählen, die völlig glücklich verlies."
Während des Krieges eilt sie als Krankenschwester in die Hospitäler, und die Pflege der verwundeten nub verstümmelten Krieger lehrt sie Unglück und Jammer kennen. Ihrer Künstlerschaft sollten diese trüben Tage zu unvorgesehenem Nutzen werden. Mehr als einmal erlebt sie den Anblick, wie Verzweifelte ihrem Unglück durch den Tod ein Ende machen und diese Kenntnis des Harikari wird ihr später zum schrecklichen Vorbild, als ihr Beruf und ihre Rollen sie auf der Bühne zur Darstellung des Selbstmords treiben. Vor drei Jahren trat sie in Begleitung ihres Mannes ihre Europareise an. Es sollte eine Vergnügungsreise werden ; die Zivilisation des Westens kennen zu lernen, war dabei ihr einziger Gedanke, und mit Entzücken trippelt die kleine Tragödin durch die Straßen von Paris und in den großen Läden begeistert sie sich für die tausend Schönheiten, die es zu sehen gibt.
„Zwei Dinge sind es vor allem, die mir in Europa besonders auffielen: die Gärten und die Billigkeit der Toiletten. Wir haben im europäischen Sinne in Japan keine Gärten. Wir lassen die Blumen wachsen, tot» sie wollen und darum wurden mir die sorgsam gepflegten Gartenanlagen Europas zu einer. Offenbarung. Wenn ich heimkehre, werde ich mir einen solchen kleinen Garten anlegen mit Hecken und Beeten und Blumenparterres. Und dann die Toiletten. Man sagt, in Paris seien sie teuer; mir scheinen die europäischen Damen sehr glücklich, die sich für so wenig Geld kleiden können. Denn die japanischen Franentoiletten sind außerordentlich teuer, wenigstens nach europäischen Begriffen. Ein gewöhnliches Kostüm wird min
destens 2000 Mark kosten und gar ein Besuchs- oder Enip- sangskleid wird man unter 4—60*00 Mark kaum kaufen können. Freilich sind unsere Gewänder dann auch dauerhafter, wenngleich wir Japanerinnen ebensowenig wie eine Europäerin gerne jahrelang das gleiche Kleid tragen mögen. Ich beneide die Europäerinnen wirklich um die Billigkeit ihrer Kleidung, aber auf ihre Moden, auf ihre Korsetts und ihre schrecklichen Schuhe bin ich gar nicht eifersüchtig."
Der Zitfall fügt es, daß die europäische Vergnügungsreise der jäpan. Tragödin über Nacht zu einer großen Gastspieltournee durch Europa wird. Mau überredet sie iit Paris, im Figarosaal eine Aufführung zu veranstalten; „zu meiner Verwunderung sah ich mich kurz darauf im Theatre Rejane imb danu auf der Tournee."
Ditrch Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, Oesterreich, Finnland und' Skandinavien führte die Reise. Norwegen imb Schweden gefallen ihr am besten. Sie spielt vor König Haakon und ist erstaunt, einen König im Theater zu schert; „denn in Japan wird weder der Mikado noch ein Mitglied der kaiserlichen Familie jemals daran decken, ein Theater zu besuchen. Mcht daß sie die Bühne mißbilligten; aber das Theater muß zu ihnen kommen. Mit anderen Worten, der Kaiser und seine Familie wohnen ausschließlich Vorstellungen im Privattheater des Palastes bei. Natürlich ist es eilte hohe Ehre, vor dem Mikado zu spielen, aber! die Schauspieler erfahren nie, ob er anwesend ist oder nicht."
ttnsere ersten Eindrücke von der wett.
Reue Aufzeichnungen von Helen Keller, der jungen Amerikanerin, die mit Hilfe ihrer Lehrerin Miß Anne Mansfield Sullivan das Wunder vollbracht hat, als Taubstumme' und Blinde, die sie seit dem 19. Monat ihres Lebens war, verstehen, lesen, schreiben, ja sogar selbständig und philosophisch denken zu können, veröffentlichen „Westermanns Monatshefte" in ihrem jüngst erschienenen Oktoberheft, mit dem ein neuer Jahrgang beginnt. Helene Keller berichtet über ihr geistiges Erwachen und über die ersten Eindrücke von der Welt, in die sie sich so plötzlich im 8. Jahre ihres! Lebens versetzt fand. Wir lassen sie hierüber mit ihren eignen Worten fortfahren:
Jeder, der überhaupt über seine ersten Eindrücke nachdenkt, weiß, was für ein Rätsel dies ist. Unsere Eindrücke wachsen und wechseln unvermerkt. Was wir nach unserer Meinung als Kinder gedacht haben, ist vielleicht ganz verschieden von dem, was wir wirklich in unserer Kindheit erfuhren. Ich weiß nur, daß nach dem Beginn meiner Erziehung die ganze Welt, die in meinen Bereich kam, für mich lebendig war. Ich buchstabierte meinen Baukastenhölzern und meinen Hunden. Ich hatte Mitgefühl mit den Pflanzen, deren Blüten gepflückt wurden, weil ich dachte, es täte ihnen weh und sie trauerten um ihre verlorenen Blumen. Es dauerte Jahre, bis man mir glaubhaft machen konnte, daß meine Hunde nicht verständen, was ich zu ihnen sagte, und ich entschuldigte mich stets bei ihnen, wenn ich gegen sie anrannte oder auf sie trat.
Als meine Erfahrungen breiter und tiefer wurden, begannen die unbestimmten poetischen Gefühle der Kindheit sich zu bestimmten Gedanken zu verfestigen. Natur — die Welt, die ich berühren konnte — war ganz und gar von mir angefüllt. Ich bin geneigt, jenen Philosophen zu glauben, welche behaupten, daß wir nichts kennen als unsre eignen Gefühle und Begriffe. Mit einigen kleinen sinn- reichen Schlußfolgerungen mag man dazu kommen in der körperlichen Welt einfach einen Spiegel zu sehen, ein Abbild fortdauernder geistiger Wahrnehmungen. Jü jedem Lebenskreise ist Selbsterkenntnis die Vorbedingung und Grenze unseres Bewußtseins. Das ist vielleicht der Grund, warum viele Leute so wenig von dem wissen, was außerhalb des engen Bereiches ihrer Erfahrungen liegt. Sie blicken in sich selber hinein — und finden nichts! Daraus ziehen sie den Schluß, daß auch draußen nichts sei.
Wie dies denn auch sein möge, ich begann später an andern nach einem Abbild meine eignen Gefühle und Empfindungen zu suchen. Ich hatte die äußern Zeichen inneren Gefühle kennen zu lernen. Ich mußte erst an andern be- merken, wie sie vor Furcht zusammenführen, wie ihre Muskeln int unterdrückten Schmerz sich zusammenzogen, in freudiger Erregung sich ausdehnten, und ich mußte diese Beobachtungen mit meinen eigenen Erfahrungen vergleichen, bevor ich diese bis zur unberührbaren Seele meines Mrt- menschen zurückverfolgen konnte. Unsicher tastend fand ich


