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Mittwoch den 30. September
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Herr Lecoq.
Kpiminal-Roman ton E. Gaborian.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Tank dieser Absätze stellten die Polizisten fest, daß die beiden Fliehenden nicht die Rue du Patay hinaufgegangen waren, wie sie erwartet hatten. Jedenfalls hatten sie diese Straße zu hell erleuchtet und deshalb zu unsicher gesunden. Sie hatten sie deshalb nur gekreuzt, und ein wenig oberhalb der Ruelle de la Croix-Rouge sich durch eine Lücke Zwischen zwei Häusern wieder auf das freie Feld begeben.
Die Spitzbübinnen kennen entschieden die Gegend, murmelte Lecog.
Die Fährte war auf dem freien Felde wieder außerordentlich leicht erkennbar geworden und blieb so bis zur Rue du Chevaleret. Da aber hörten alle Spuren plötzlich auf. Lecog fand zwar noch acht oder zehn Fußtapfen der Frau mit den breiten Schuhen, aber das war alles.
Allerdings war das Terrain für eine Untersuchung dieser Art sehr wenig geeignet. Der Verkehr war in der Rue du Chevaleret ziemlich lebhaft gewesen; auf den Trottoirs lag zwar noch ein bißchen Schnee, der Fahrdamm aber bildete eine einzige große Kotlache.
Haben die Frauenzimmer endlich daran gedacht, daß der Schnee sie verraten könnte? brummte Lecoq. Sind sie auf den Fahrweg gegangen?
Jedenfalls hatten sie nicht in derselben Absicht wie vorher die Straße überschreiten können, denen auf der anderen Seite der Straße erstreckte sich eine endlose Fabrikmauer.
Schrumm! rief der alte Absinth. Da sind wir reingefallen!
Mer Lecoq war nicht der Mann, wegen einer Kleinigkeit die Flinte ins Korn Zu werfen. Von der kalten Wut eines Mannes beseelt, der den Gegenstand, welchen er schon sicher zu haben glaubte, sich entschlüpfen sieht, begann er das Suchen von neuem. Und er tat gut daran.
Ich Habs! rief er plötzlich. Ich ahne, ich sehe!
Der alte Absinth ging zu ihm hin. Er selber sah nichts und ahnte nichts, aber es fiel ihm nicht mehr ein, an seinem Kiameraden zu zweifeln. r
Sehen Sie dort! sagte Lecoq zu ihm. Was bemerken -sic?
Tie Räderspuren eines Wagens, der scharf kehrt gemacht hat.
Nun also! Diese Spuren, Papa, erklären alles. In dieser Straße angekommen, haben unsere Flüchtlinge in der Ferne die Laternen einer Droschke bemerkt, welche ihnen von Paris her entgegenfuhr. War sie leer, so bedeutete dies die Rettung, sie haben auf sie gewartet, und, als der Wagen in Rufweite war, den Kutscher halten lassen. Ohne Zweifel haben sie ihm ein gutes Trinkgeld versprochen'. So viel ist jedenfalls klar, daß er einverstanden war, sie zurückzusahren. Er: hat umgedreht, sie sind in den Wagen gestiegen und deshalb hören hier die tfufr” spuren auf.
Diese Erklärung genügte noch nicht, das Gesicht des gütest Alten zu entrunzeln; er sagte:
Sind wir denn damit weiter, daß wir jetzt dies wissen? Lecoq konnte sich nicht enthalten, die Achseln zu zucken. Hofften Sie denn, sagte er, daß die Fährte der Spitzbübinnest uns mitten durch ganz Paris bis vor die Tür ihrer Wohnung bringen würde?
Nein, aber. . .
Also, was verlangen Sie denn u.och Besseres? Denken Sie, ich werde nicht morgen diesen Kutscher aufzufinden wissen? Der Mauir fuhr nach vollbrachtem Tagewerk mit leerem Wagen heim, also ist fein Stall in der Gegend. Glauben Sic, er wird sich nicht daran erinnern, in der Rue du Chevaleret zwei Fahrgäste aufgeuommen zu haben? Er wird uns sagen, wo er sie abgesetzt hat, was natürlich nichts zu bedeuten hat, chenn ganz gewiß haben sie ihm nicht ihre richtige Adresse angegeben; aber er wird uns auch ihre Beschreibung geben: was sie anhatten, wie sie auftraten, Ivie sie aussahen, und wie alt sie waren. Und damit und mit dem was wir bereits wissen. . .
Eine beredte Gebärde ergänzte seinen Gedanken; dann fuhr er fort:
Für jetzt handelt sichs darum, nach der „Pfefferbüchse" zurückzugehen, und zwar schnell. Und Sie, Altet, Sie können Ihre; Laterne auslöschen!
6. Kapitel.
Lecoq lief beinahe, so eilig hätte er es, die „Pfefferbüchse" wieder zu erreichen; neben ihm bemühte sich der alte Absinth/ gleichen Schritt mit ihm zu halten, und während er so dahin-- trabte, ging ihm in seinem Schädel plötzlich ein ganz ueueZ Licht auf. Bisher hatte in seinen Augen nur das Dienstalter Anrecht auf Beförderung gegcbcic. Das !var das einzige, das schönste, das ehrenvollste Anrecht, und er hatte sich oft grimmig geärgert, wenn „junge Dachse" ihn übersprangen. Aber in dieser Nacht entdeckte Papa Absinth, daß es außer dem Dienstalter auch sonst noch allerlei verdienstvolle Eigenschaften gäbe. Er gestand sich, daß dieser Neuling, den er so von oben herab angesehen hatte, eine Untersuchung ins Werk gesetzt hatte, wie er, der medaillengeschmückte Veteran, niemals eine hätte machen können.
Mer Selbstgespräche waren nicht des braven Alten Sache; er langweilte sich sehr bald, wenn er auf sich selber angewiesen war, und da sie gerade an eine schlecht passierbare Stelle gekommen waren, wo sie ihre Eile ein wenig mäßigen mußten, so hielt er den Augenblick für günstig, nm ein bißchen zu schwatzen.
Sie sagen ja nichts, Kamerad, begann et, man möchte wetten, Sie sind nicht zufrieden.
Dieses „Sie" würde Lecoq angenehm ausgefallen sein, wenn nicht sein Geist in diesem Augenblick mit ganz anderen Gedanken beschäftigt gewesen wäre.
Ich bin allerdings nicht zufrieden, antwortete er.
Nanu! Es sind ja noch keine zehn Minuten her, da watest Sie lustig wie ein Stint.
Damals dachte ich noch nicht an das Unglück, das uns bedroht. Ein Unglück . . .


