Ausgabe 
30.7.1908
 
Einzelbild herunterladen

471

Doch was sie da Unten eigentlich trieben, das hatte er Mr zu gern gewußt.

Er hatte schon an seine drei Freunde Bartel, Melchior und Gottlieb das Ansinnen gestellt, mit ihm gemeinschaft­lich einmal dem Spuk zu Leibe zu rücken, war aber bei denen aus eitel Entsetzen, ja Zorn gestoßen. Krasser Egois­mus sei es von dem roten Anton, sagten die drei, daß er sie dazu verführen wolle, ihr Leben in die Schanze zu schlagen; er ärgere sich ja doch nur, daß die Leute ihr Geld nicht bei ihm vertränken.

Ta überlegte Anton: sollt er sich allein auf diese eigenartige Forschungsreise begeben? Es schien ihm gewagt, denn er war mehr flink und gewandt als stark. Einen tüch­tigen Eichenknüppel hatte er sich schon zurecht gestellt; aus­gerüstet mit diesem hätte er es trotzdem schon mit zwei Gespenstern versucht; doch untrüglich spukten drei im Wiesengrund.

Eines Mittags schlenderte er gedankenvoll durch den Hellen Sonnenschein die Dorsstraße entlang. Er wollte noch­mals zu seinem Freunde Bartel und sehen, ob dem großen Hasenfuß nicht doch etwas Mut beizubringen sei. Die Fenster von Bartels freundlichem Häuschen standen weit auf und den weißen Kopf seiner alten Mutter sah man zwischen deni grünen Weingerank, das die Fenster der gemeinschaft­lichen Wohnstube umspann. Eben zog Anton sein Hütchen und wollte ein fröhlichesGrüß Gott", zum Fenster hin­einrufen, da erscholl die Stimme der altenSmiedwäs", wie die Mutter Bartels als die Frau des Dorsschmiedes im ganzen Dorfe' genannt wurde, laut und keifend:

Unn ich sag, Bartel, iwwer mei Leinetuch host mer nett zu gieh. Was hoste do dro zu suche? Fier olle mol verbitt ich mers, daß du mer mei scheene Leinticher so durchenanner schmeißt. Wos denkste dann? Js das e Ort, die ganze Dicher uffzuzause, unn so inn die Truh zu werfe? E Schann is es unn e Spektakel!"

Anton legte den Finger an den Mund, spitzte die Ohren und lauschte. Sein Gesichtsausdruck wurde immer ver­gnügter und seine Augen lachten immer Heller. Was hatte er da gehört von Leintücher? Ihm ahnte etwas.

Er trat, wie er sich vorgenommen hatte, in das Haus, doch seine Rede fiel wesentlich anders aus, als er vorher beabsichtigt hatte.

Bartel," sagte er,du hast recht mit de Gespenster, ich bin jetzt iwwerzeugt. Es sein Gespenster, die in dem Missegrunö herum spuke, und Gespenster soll mer in Ruh' losse. Hoffentlich verschwinne sie bald Widder unn treiwe wo annerst ihr Uwesen."

Hohoho, biste dann endlich iwwerzeugt, du ungläu- wiger Thomas?" lacht Bartel vergnügt.Was soll's denn ach annerst sei wie Spuk? Nadierlich, eines Tags sein die Widder verschwunne."

Natürlich, dachte Anton, wenn die Zeit des Fischfangs Vorüber ist!

An diesem Abend huschte Anton flink wie ein Eich­horn durch den Garten und durch die Hainbuchenhecke, die den Garten von dem Wiesengrund trennte. Hier hockte er, bis der Nachtwächter seine Runde durch das Dorf machte und das schöne Lied mit tiefster Brummbaßstimme fang: Hört, ihr Leut', und laßt euch sagen, die Glock' hat eben elf geschlagen. Wer das noch hört, und nicht vergißt, gewiß kein Furchthas' von Ginnberg ist!" Da schlüpfte lachend Anton hinaus in den Wiesengraben, rutschte in diesem entlang bis zu dem Wasser, schlängelte sich dann an den Weiden entlang und blieb hier, etwa 10 Schritte von dem unheimlichen Orte, wo der Spuk zu erscheinen Pflegte, still' und sprungbereit, gleich einer Katze, hocken.

So verging eine Stunde. Zwölf schlug es von der Uhr des hohen alten Kirchturms mitten im Dorf. Das war die Geisterstunde. Mit dem zwölften Schlage erschienen sie, die erwarteten Gespenster, denn auch richtig auf der Bildfläche; doch nicht wie aus dem Boden gewachsen, wie man das von ordentlichen Gespenstern erwartet, sondern ganz vorsichtig kamen sie aus dem kleinen Tannenwäldchen von der Anhöhe herunter, drückten sich an den mannshohen Machholdersträuchern her und schritten dann mit langen wiegenden Schritten, in weiten fliegenden Geistermünteln über den Wesenplan. ^Jedes der drei Gespenster trug ein Etwas in Händen, damit fuchtelte es auf oie unheimlichste Weise in der Luft herum. Als Anton ihrer ansichtig wurde, schlug ihm das Herz bis zum Halse aber nicht vor Angst

und Schrecken, sondern vor eitel Vergnügen, vor freudi­ger gespannter Auflegung.

Fleißig, wie die Gespenster waren, machten sie sich sofort an die Arbeit. Ganz sachlich machten sie Fischgeräte zurecht, spannten Netze aus und ließen sie in das Wasser.

In dresem Moment stürmte Anton mit lautemHallo!" hervor, und ehe sich diese es versahen, hatte er eines, das vorderste der Gespenster, an den Schultern. Doch wie der Wind, oder richtiger wie eben Geister, waren diese ent­schwunden. Anton hielt noch ein weißes Leintuch in den Händen und sah mit dummem Gesicht auf das Angelgeräte der Geister.

Wo waren sie denn hingekommen? Hatte sie der Erd­boden verschlungen? Anton schüttelte es nun doch.--

Aber gleich daraus brach er in schallendes Lachen ans. Er hörte die Geister im Wasser plätschern und einen Mo­ment darauf sie im Sturmschritt auf der anderen Seite des Baches auf der Landstraße dahinrennen.

Bartel, Melchior, Gottlieb, Ihr Gespenster vo Fleesch unn Blut, laaft nett so, ech krieh och doch!" rief er ihnen nach.

Tann sagte er zu sich selber:Jetzt awwer Ham; amol sinn se der entwischt, das zwate mol soll mer des nett bassiere. Ten Bartel, den fang ich ab, dos is des Haupt­gespenst." Und wie der Wind sauste er über die Wiesen in das Dorf zurück.

Er mußte lange warten, denn die Gespenster eilten sich nicht so sehr mit dem Nachhausekommen. 4 Uhr hatte es schon geschlagen und immer wartete er noch unver­drossen in guter Geduld. Da endlich wurde diese belohnt.

Bartel suchte zwar immer noch nach Ausflüchten, als ihn bei seiner Heimkehr Anton in der Haustür empfing mit einem ganz vergnügten:Guten Morjen, Gespenst. No, wie war das Geschäft in der Nacht?"

Bartel stellte sich dumm und sagte:Was willste? Ich verstieh dich nett."

Doch Anton hielt ihm der Schmiedwäs Leintuch unter die Nase und folgende Moralpredigt:Bartel, des sollste awer nett mache, daß de deiner Motter ihr Weißzeug so verdeckst. Geh, dos sei mer awer ka Bosse. Unn dann, Freund Bartel, den Fischfang in der Erle, den hat mei Vatter gepacht, unn wenn do en annere beim Fische er­wischt wird, dos kost Strof. Unn ohne-Strof kimmste nett ob, Bartel, scho nett, weil de die gute Ginnberger nu scho wochelang in Angst unn Schrecke hältst. Weil de awer en Kolleg von mer bist, werr ich dich nett «zeige, sonner ich will der die Straf selbst diktiern. Tu gibst, bis Sonntag awend an Faß, verstehste, unn dos e richtig großes!"

Ta machte Bartel gute Miene zum bösen Spiel und erklärte, die Strafe annehmen zu wollen.Tu bist en Schlaukopp, Anton," sagte er,dir haw ich jo von Afang nett getraut."

Sonntag abend lief denn richtig beim Lindenwirt ein großes Faß. In der Wirtsstube war der Betrieb so leb­haft, wie lange nicht, und der Lindenwirt machte glänzende Geschäfte. Bei jedem Taler, den er einstrich, sagte er:Dos is für die Fisch, die mi die Rackers gestohle hawwc."

Die Spukgeschichte wurde nun natürlich tüchtig belacht nnd auf einmal hatte sich kein Ginnberger je gefürchtet! Bewahre! Im Gegenteil! Alle hatten sie sich von Anfang die Geschichte so gedacht!

Bartel, Melchior und Gottlieb behielten aber den schönen Beinamendie drei Gespenster" ihr Leben lang.

VsNmßschtes.

* Ein staats gefährlicher Ochse. Eine Pariser Zeitschrift teilt nach in Nationalarchiven aufgefun- denen Akten ein Polizeigeschichtchen mit, das den Geist der Restaurationsepoche in köstlicher Art illustriert. Als nach Napoleons Fall Ludwig XVIII. ans Ruder kam, nahm das Spitzelsystem geradezu groteske Züge an. Ueberall witterte die Polizei unehrerbietige Anspielungen auf die neuen Herren, freilich nicht immer ganz ohne Grund, da der kecke Volkswitz immer neue Sportworte und Anzüglichkeiten fand. (Grabbes Napoleon" gibt in der Einleitungsszene ein lebendiges Bild dieses Treibens.) In dieser Zeit war es nun, daß ein noch heute bestehendes Restaurant in der Nähe des Palais Royal seinen NamenLe Boenf a la mode" durch ein Schild illustrierte, das einen Ochsen in modischer Tracht, mit Schal und Strohhut zeigte. Der Name des neuen Gast­hauses muß die Polizei stutzig gemacht haben. Ein Ochse,