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Herr Darrow sei noch am Leben. Nach einer kurzen Besprechung mit seinem Kollegen hob Maitland wieder an: „Ging der Stich Überhaupt von einem Wesen ans, das lebt?"
„Nein."
„Haben Sie irgend einen leblosen Gegenstand oder Gegenstände vor dem östlichen Fenster oder sonstwo auf dem Grund- stück in der Weise aufgestellt, daß er oder sie Herrn Darrsdw die Wunde beibra-chten?"
„Nein — keinen Gegenstand außer der schon genannten Haut- spritzc."
„Auf meine Frage: „Ging der Stich überhaupt von einem Wesen aus, das lebt?" haben Sie verneinend geantwortet. Lassen Sie mich nun fragen: „Ging er überhaupt von einem Wesen aus, das damals lebte?"
„Ja."
Im ganzen Saale wurde es unruhig. Jetzt hatte man endlich ein Zugeständnis, das zu iveiteren Enthüllungen führen konnte. Das Verhör trieb der Krisis zu.
„Und Sie sagten, cs sei keine Person gewesen. War es nickst ein Tier?"
„Ja."
„Ein Tier?" riefen wir alle mit der Einmütigkeit eines griechischen Chores. So laut wurde tiott manchen Zuhörern, die bis dahin wie gebannt dagescssen hatten, ihrem Unglauben Ausdruck geliehen, daß der Vorsitzende mit Räumung des Saales drohen mußte, ehe Maitland sortfahren konnte.
„Haben Sie einen kleinen Kapuzineraffen abgerichtet, diesen Stich zu führen?"
„Ja."
Ein Seufzer der Erleichterung, untermischt mit zahlreichen Mbewußten Ausrufungen, durchzitterte den Raum, ohne daß der Präsident, der sich selbst trotz seiner Würde einer halb unterdrückten .Gefühlsäußerung nicht enthalten konnte, eingrisf.
Maitland begann ivicder: „Damit der Affe, nachdem Sie ihm das Instrument in die Hand gegeben hatten, nicht den Unrechten ^ergriff, lehrten Sie ihn, gewissen Signalen Folge z-u leisten, die Sie ihm durch leichtes Ziehen an der Schnur, an der Sie ihn Kelten, gaben. Ein gewisses Zeichen ließ ihn leise vorwärts Weichen, ein anderes beit Stich tun, ein drittes mit der Waffe schnell zurückkrischen. Als die Umstände Ihren Absichten ausnehmend günstig zu sein schienen —■ das heißt, als Fräulein Darrows Gesang und die Klavierbegleitung alle Aufmerksamkeit ablenkten, — ließen Sie leise Ihren Affen durch die Fenster- öffnung ins Zimmer fallen und gaben ihm dann die Signale. Als Herr Darrow aufsprang, riefen Sie den Affen zurück und eilten fort. Ist das nicht eine annähernd richtige Schilderung des Verlaufes?"
„Sie ist wörtlich richtig."
„Und hinterher haben Sie den Affen getötet, damit er Sie sticht Perraten könnte, wenn er seine kleinen Kunststücke bei einer unpassenden Gelegenheit zum besten , gäbe. Ist es nicht so?"
„Ja. Ich habe ihn getötet, obwohl er der Liebling meiner Tochter war."
Wir waren ganz verblüfft, wie Maitland so auf einmal alle Schleier zerriß. Selbst Godin schien überrascht. Was hatte das zu bedeuten? Hatte Maitland den ganzen Tatbestand schon vorher gekannt? Hatte er nur, — wer kann sagen, warum? — mit denk Zeugen gespielt? Herrn Godins Gesicht war in diesem Moment des Ansehens wert. Er hatte aufgehört, mit seinen Augen Latour zu fixieren, und wandte die blitzenden Augen auf Maitland, in den sie sich bis zur Tiefe seiner Seele zu versenken schienen. Offenbar war Herr Godin über den Beweis von Geschicklichkeit, den Mait- lgnd gegeben hatte, erstaunt.
Brown, der während der ganzen Verhandlung Maitland mit einem so deutlichen Ausdruck der Abneigung angeschaut hatte, daß es jedem ausfallen mußte, schien mir jetzt noch finsterer auszusehen als je. Was war ihm denn noch besonders Unangenehmes widerfahren? Wahrscheinlich war ihm entweder gerade etwas Aergerliches eingefallen, oder es erfüllte ihn der Neid gegen den Verhaßten Nebenbuhler, der auch bei diesem Prozeß wieder seinen wohlverdienten Ruhm vermehrte. Seine Abneigung gegen Mait- chnd stieg noch infolge seiner Eifersucht, beim seine leidenschaftliche Bewunderung Florences mußte jedem auffallen. Ich war vollstän- dlg überzeugt, er würde ohne Bedenken, wenn cs ihm nötig schiene, sein eigenes Leben oder auch das irgend eines anderen Menschen um ihres Besitzes willen in die Schanze schlagen, und stahm mir vor, George vor ihm zu warnen.
Nach einigen Flüsterworten, die er mit Jenkins und dem Vertreter der Anklage wechselte, wandte sich Maitland an den Angeklagten und sagte: „Das wird genügen. Herr Latour kann den Zeugenstand verlassen."
Nach der Ansicht.der Zuhörer War jetzt alles aufgeklärt, und sie setzten sich bequem zurecht, um nun in aller Ruhe der rein formalen Beendigung des Prozesses bcizuwohnen. Wie verwundert waren sie daher, als Maitland fortsuhr und zn den Geschworenen sagte: „Die Beweise gegen den Angeklagten scheinen allerdings überwältigend, auch wenn wir nicht sein Geständnis Wtten. Außer seinem eigenen Geständnis sind aber die belastenden Aussagen nur von dem Hauptzeugen für die Anklage, Herrn Godin, gemacht worden. Da es diesem Herrn mit großer Anstrengung gelungen ist, Latour den Händen der Gerechtigkeit zu überliefern, so ist ihm natürlich vieles klar, was andern, die den Fall nicht so ergründet haben, rätselhaft erscheinen mag. Ich denke, er wird manche Punkte für uns aufhellen. Herr Godin wird gebeten, den Zeugenstand einzunehmen."
(Fortsetzung folgt.)
Der spuk.
Von Margarete Todt in Gießen.
(Nachdruck verboten.)
Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt!
Von diesem Ausspruch Hamlets hatten die guten Giun- berger gewiß keine Ahnung, aber dessenungeachtet waren sie mit ihm einer Meinung.
Ja wahrhaftig, es gab Dinge----na kurz und gut,
in Ginnberg spukte es. Nicht im Dorfe selber, Gott sei Dank nein, aber draußen am „Nuppe Stroh", da unten, wo die Erle so munter zwischen Weidengestrüpp und saftig-grünen Wiesen dahinfließt und wo der Fischfang am lohnendsten war.
Allmitteruächtlich konnte man dort geisterhafte Gestalten über den weiten, mondscheinbeglänzten Wiesenplan schweben sehen. Mit unheimlichem Gebaren bewegten sie sich dann; an dem Wasser hin und her, griffen mit endlos langen Armen um sich, schlängelten sich an den Boden hin — kurzum, betrugen sich wie leibhaftige Gespenster.
Tie Ginnberger waren aufgeklärte Menschen und durchaus nicht abergläubisch, bewahre. Aber was das Auge sieht, glaubt das Herz.
Schüttelte noch jemand zu dieser Spukgeschichte den Kopf, so brauchte man ihn nur um die Mitternachtsstunde, wenn der goldne Mond am Himmel stand, vor das Dors zu führen und ihn hinunter nach dem Erlenbach sehen zu lassen — er war bekehrt!
Ganz Ginnberg lebte denn auch in einem gelinden Grusel. Spinustuben gab es nicht mehr und die einzige. Wirtschaft war abends wie ausgeblasen.
Selbst Bartel, Melchior und Gottlieb, die drei stramm- sten, kecksten Burschen im Torfe, die sich sonst vor nichts, auf der Welt fürchteten und derartige Erzählungen alter Leute stets verlacht und verhöhnt hatten, war bas Herz in die Schuhe gerutscht; sie gingen abends nach neun Uhr nicht mehr aus dem. Hause, ja um zehn Uhr lagen sitz schon tief vergraben in ihren gewaltigen Federbetten und zogen sich, wie sie freimütig jedem versicherten, vor Angst und Entsetzen, die Decken hoch über die Ohren.
Nur einen gab es in dem Dorfe, der fürchtete sich nicht, denn er glaubt nicht an den Spuk, trotzdem auch er ihn schon mit eigenen Augen gesehen hatte. Tas war der rote Anton, der Sohn des Lindenwirts. Ihm tat von allen Ginnbergern der Spuk am meisten Schaden und deswegen zürnt er ihm auch am gründlichsten.
Anton war ein schlankes elastisches Kerlchen von etwa 20 Jahren mit einem Paar kluger heller Augen in dem scharsgeschnittenen schmalen Gesicht. Ter „rote" Anton hieß er der brandroten lockigen Wolle wegen, die seinen Schädel überwucherte. In diesem Schädel nun fpukte die vertrackttz Spukgeschichte Tag und Nacht und ließ ihm keine Ruhe. Zu mitternächtlicher Stunde gog sie ihn aus den warmen Federn und trieb ihn in den Obstgarten hinter dem Hause. Von hier aus konnte er den Wiesengrund überschauen. Hier stand er stundenlang und beobachtete das Tun und Treiben der Gespenster, deren blendende Weiße geisterhaft in dem Mondlicht leuchtete und deren Bewegungen unklar mit dem Tunst verschwammen, der aus dem Wasser aufstieg. Anton kam es immer vor, als ob die Gespenster sehr systematisch arbeiteten. Fast erschien es ihm, als ob sie fischten. Dieser Gedanke war natürlich Unsinn, eine Ausgeburt seiner Phantasie — denn Geister fangen doch keine Fische!


