Ausgabe 
30.7.1908
 
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1908 Nr. 118

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John Darrows Tod.

Roman von Melvin L. Severy.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Maitland fuhr fort:Als Herr Darrow ermordet wurde, saß er in der Mitte des Zimmers int Kreise seiner Gäste. Wollen Sie dem Gerichtshof mitteilen, wie Sie, ohne entdeckt zu werden, in das Zimmer und wieder hinaus gelangen konnten?"

Von neuem zauderte der Zeuge und sah sich unentschlossen, fast furchtsam um, bis er schließlich aus Godins Blick, so sah es aus, Sicherheit zu gewinnen schien. Es ist sonderbar, wie der straffe Wille des Starken den schwankenden Schwachen zu steuern vermag, ähnlich wie große Schiffe kleinere in ihr Fahrwasser hineinziehen. Die erregten Zuschauer hingen atemlos an Latours Lippen. Jetzt endlich sollten sie erfahren, tote dieses Wunder von einem Verbrechen in Wirklichkeit verübt toorden ivar. Jeder beugte sich etwas vorwärts, und die Schwerhöriger: hielten sich die Hände an die Ohren, um keine Silbe von der Lösung des Rätsels zu verlieren. Herr Latour aber blieb stumm. Der Vorsitzende Richter blickte ihn streng an und sagte:

Beantworten Sie die Frage! Wie kamen Sie in das Darrowsche Zimmer?"

Ich ich bin nicht hineingekommen."

Wieder wurden halbunterdrückte Ausrufe des Erstaunens laut.

fett Sie nicht ins Zimmer kamen, wie haben Sie mit der Spritze Ihr Opfer erreichen können?"

Einen Augenblick hatte es den Anschein, als würde der Zeuge ganz zusanunettbrechen, aber mit sichtbarer Anstrengung raffte er sich auf und es benahm uns fast den Atem, als er antwortete:

Ich ich habe Herrn Darrow gar iticht mit der Spritze berührt."

Die Zuhörer saßen.buchstäblich mit offenem Munde da, während der Richter heftig Latour anfuhr:Was soll das heißen, daß Sie uns zuerst sagen, Sie haben Herrn Darrow durch Ein­bringung von Gift in seinen Körper mittels einer besonders konstruierten Injektionsspritze getötet, und uns dann sagen, Sie haben ihn gar nicht mit dieser Spritze berührt? Was soll das bedeuten? Antworten Sie!"

Eine plötzliche Aenderung kam über den Angeklagten. Seine ganze Aengstlichkeit schien im Augenblick zu schwinden, als er sich zu seiner vollen Höhe aufrichtete und den Richter anschaute. Mir machte es den Eindruck, als hätte er bisher die Hoffnung genährt, er würde nicht genötigt sein, die Einzelheiten seines schrecklichen Verbrechens zu erzählen, sei aber nun zu der Einsicht gekommen, er würde doch alles enthüllen müssen, und wolle das Unvermeidliche mannhaft tragen. Mit ruhiger Würde antwortete er unter allgemeiner Spannung:Euer Ehren ist im Irrtum. Ich sagte, ich hätte eine besonders konstruierte Hautspritze ver­wandt; ich habe nicht gesagt, daß ich Herrn Darrow damit be­rührt habe. Es liegt also kein Widerspruch in meinen Aus­sagen."

Wieder hatte der Angeklagte einen Treffer gehabt, und wieder

tauschten die Zuhörer beifällige Blicke, die offenbar sagen wollten: Der ist euch allen über." Hierauf fragte der Richter weiter: Waren Sie auf dem Darrvwschen Grundstücke, als Herr Darww seinen Tod fand?"

Ja, Euer Ehren."

Wo?"

Gerade vor dem östlichen Ziutniersenster, Euer Ehren."

Haben Sie den tödlichen Handgriff getan?"

Nein, Euer Ehren."

Wie? Haben Sie nicht gesagt, Sie tragen die Berans Wortung für den Mord?"

Ja, Euer Ehren."

Ah, ich sehe! Sie hatten einen Genossen?"

Nein, Euer Ehren."

Nun, siitd Sie endlich geneigt, uns selbst etwas zu erzählen, ober müssen wir alles stückweise aus Ihnen herausfragen?"

Keine Gewalt kann mich zum Sprechen bringen, wenn ich nicht will, und ich will nur auf Fragen antworten. Bestrafung wegen Nichtachtung des Gerichtshofes wird einen Mann' in meiner Lage schwerlich zu etwas vermögen und mich am Ende dazu bringen, überhaupt keine Aussage mehr ju machen."

Aergerlich wandte sich der Vorsitzende ab, wobei man von neuen: die Bemerkung wachen konnte, daß ein großer Teil des Publikums dem Angeklagten Beifall spendete. Nach einer kurzen Besprechung des Richters mit Maitland und Jenkins nahm darauf mein Freund in seiner leichten, gewinnenden Mise das Verhör wieder auf, indem er sagte:Sie Haben erklärt, die Verant­wortung für John Darrows Tod zu tragen. Das Instruments mit dem er getötet wurde, war direkt oder indirekt Ihrer Hande Werk, und doch haben Sie den entscheidenden Streich nicht getan und haben aitch keinen Genossen gehabt. Ist das im wesentlichen zutreffend?"

Es ist völlig zutreffend."

Sehr gut. Ist John Darrows Tod die Folge einer ver­gifteten Wunde gewesen, die mit dem von Ihnen beschriebenen Instrument beigebracht wurde?"

Ja, gewiß."

Wir sahen ratlos einer den andern an, als wollte jeder sagen:Was nun?" und wir alle von mir weiß ich's, und den anderen konnte mans ausehen hatten das sichere Gefühl, wir seien der Lösung des Rätsels ferner als je.

Maitland fuhr in gleich methodischer Weise fort:

Der Stich ist geführt worden, doch weder von Ihnen, noch Von einer andern Person, die als Ihr Gehilfe tätig war. Hat ihn Herr Darrow selbst geführt?"

Nein."

Wie ich mir dachte. Hat ihn überhaupt eine Person aus­geführt?"

Nein."

Map hörte, wie die Zuhörer, wie auf Verabredung, tief Atem holten. Zu deuken hatten sie aufgehört. Immer wieder glaubten wir sicher, eine Silbe nur trenne uns von der Wahrheit, und immer wieder sanden wir uns in der Irre. Wir hätten uns kaum noch gewundert, wenn der Angeklagte uns erHiirt hätte«