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Rosen" herausgegeben hatte, und Karl Hillebrand, der sich als Völkerpsychologe so einen großen literarischen Rainen gemacht hat. Sie waren mit Herausgabe eines Musenalmanachs beschäftigt, ju dem die Beiträge von allen Seiten herbeisttömten. Da trat die Februarrevolution in diesen Kreis, und die Poesie entwich.
Ich erinnere mich noch des Abends, als die Meldung von den Pariser Ereignissen mit den Frankfurter Zeitungen eintraf. Ein einspänniges, leichtes Fuhrwerk, das „Post- kärrchen", besorgte den Schnelldienst. Alt und jung waren in der Wohnung eines Professors versammelt, als Karl Vogt, der berühmte Zoologe und spätere Reichsregent hereintrat und die große Neuigkeit verkündete. Mein Vater, der immer die Partei von Louis Philipp gehalten hatte, legte erschüttert die Karten aus der Hand; doch es gab standhafte Whistspieler, die verlangten, daß unabhängig von dem französischen Spektakelstück der Robber zu Ende gespielt werde. Die Jungen aber ergriffen Flaschen und Gläser, stürmten nach dem nächsten Kreuzweg, und ein donnerndes Lebehoch der französischen Republik erschütterte die Luft des friedlich ruhenden Gießen.
Von diesem Augenblick ab war es allerdings um die Ruhe Gießens getan. Es begann die Aera der Katzenmusiken gegen Mißliebige, der ersten Versuche , zur Bildung einer öffentlichen Meinung in Volksversammlungen. Ein alter Flüchtling aus der Demagogenzeit, August Becker, der rote Becker genannt, erschien, und ließ eine wilde Zeitung ausgehen mit dem Titel „D e r j ü n g st e T a g". Aus Feuerstrahlen ragten große Dromekken, Flinten und Sensen heraus, womit in der alten Welt aufgeräumt werden sollte. Es bildete sich ein linker republikanisch-radikaler uni) ein rechter „konstitutioneller" Flügel. Vogt, um seine Wahl ins Parlament zu sichern, balancierte zunächst nur zwischen beiden. Von den drei Freunden gehörte Karl Hillebrand zu den Linksten, Moritz Bardeleben als ein standhafter Preuße hielt sich entschieden rechts, mein Bruder mit staatlichem Instinkt wollte zunächst die Einheit um jeden Preis, ein neues Deutschland sollte und mußte erstehen, er stand bei den Diskussionen in der Mitte.
Karl Hillebrand und Heinrich Dernburg ließen ihr Licht kn den Vereinen und Versammlungen leuchten, denn damals redete alles. Moritz Bardeleben hielt sich skeptisch zurück. Die hochgespannten Erwartungen auf die Ergebnisse der Frankfurter Nationalversammlung sanken, wahrend der Redestrom in der Paulskirche immer wuchs. Da schien sich die Versammlung zu einer Tat aufzuschwingen, sie verwarf den von Preußen abgeschlossenen Waffenstillstand von Malmoe. Ein Parlamentsheer sollte zum Schutz der Paulskirche gebildet werden. Wer auch die Bundestruppen waren zur Stelle. Es kam zu den Straßen kämpfen vorn 18. September. Ich hatte mit einigen Kameraden eine Fußreise an Lahn und Rhein gemacht. In Geisenheim ani Rhein fiel mir ein Zeitnngsblatt in die Hände, in dem ich las, daß der Studiosus juris Heinrich Dernburg verhaftet und unter die Anklage zur Aufforderung zum Hochverrat und des bewaffneten Aufstandes gestellt war.
Das hatte sich wie folgt abgespielt. Rach Gießen war die Kunde gekommen, daß das Frankfurter Parlament vergewaltigt werde, daß man ihm die Freiheit seiner Entschließung genommen habe. Heinrich Dernburg stellte sich an die Spitze eines Aufrufs zu einer Volksversammlung behufs Schutzes der Nationalversammlung. Die Volksversammlung soll nach einer feurigen Rede Heinrich Dornburgs, per aufforderte, der Paulskirche bewaffnet zu Hilfe zu ziehen, einen enthusiastischen Verlauf genommen haben Energische Beschlüsse wurden gefaßt, ein Rendezvous für den Morgen zu gemeinsamem Zug nach Frankfurt bestimmt. Auf dem Rendezvousplatz erschien nur Heinrich Dernburg, bewaffnet mit einem Karabiner, ein sächsischer Student namens Leistner — und sein treuer Pylades Moritz Bardeleben, der den Freund in dieser Fährlichkeit nicht im Stiche lassen wollte. Als die beiden in die Nähe von Frankfurt kamen, hörten sie von dem schlimmen Stande her Bewegung. „Heinrich," sagte Bardeleben, „gib mir einmal deinen KarabinerDamit ergriff er die Waffe und warf sie in kühnem Schwünge in die vorbeifließende Nidder, in deren Fluten sie verschwand.
(Schluß folgt.)
Humoristisches«
* Schul h u m v r. Folgende zwei wortgetreue Briefe an erne Lehrerin und einen Lehrer ivurden einem rhcin.- Blatte zur Verfügung gestellt:
Geehrtes Freulein.
Meinen Sohn Gustav hätte ich gern zur Schule geschickt, aber S-re werden entschuldigen, daß er übergesahren wurde und bekam eins mit der Deichsel ins Kreuz, daß er hinfiel und war gans zunincht, und ich dachte, daß es noch schlimmer sein könnte, er könnte noch tot gefahren sün, aber der liebe Gott hat ihm noch so beschützt, was Sie gewiß entschuldigen werden.
Frau B. Geehrter Herr Lehrer!
Indem daß Sie meiner Tochter Auguste eine gänzlich unschuldige Ohrfeige gegeben haben und dann noch auf den Kopf, verbiete ich Ihnen ganz ergebenst, daß mir daß nicht wieder vvrkomwt. Wenn Sie durchaus hauen müssen, dazu sind die andern Kinder da, nicht meine Auguste. Besten Gruß!
Literarisches.
— Weigand, Deutsches Wörterbuch. 5. Ausl, in der neuesten für Deutschland, Oesterreich und die Schweiz gültigen amtlichen Rechtschreibung. Nach des Verfassers Tode vollständig neu bearbeitet von Karl v. B a h de r und Hermann H i r t, a. o. Prof, an der llniversität Leipzig, und Karl Kant, Privatgelehrtem in Leipzig. Herausgegeben von Hermann Hirt. Verlag von Alfred Töpclmann in Gießen. (Vollständig in 12 Lieferungen zu je 1,60 Mk. die in zwei- bis dreimonatlichen Zwischen- rchrmen erscheinen.) „Weigands Wötterbuch", das erste,. welches die Etymologie (die wahre Bedeutung und Erklärung eines Wortes nach seiner Abstammung) genügend berücksichtigte, bewahtt unter Prof. Hitts Leitung diese Eigenart, die ihm hauptsächlich sein Ansehen beim Publikum vor manchem andern Wötterbuch eingetragen hat. Dem Urteile der Brüder Grimm nach das zuverlässigste aller kurzen deutschen Wörterbücher, bietet es außer dem Vorzüge des Neuaufbaues auf dem Grunde der jüngsten Ergebnisse der germanischen Sprachwissenschaft den praktischen, daß die int deutschen Sprachgebiet eingebürgerten Fremdwörter einbezvgen sind. Die eben erschienene dritte Lieferung bietet die Reihe „drunten — Fratz" in mustergültiger Ausstattung des Textes (reinem Druck in einer großen Lateinschrift mit Hervorhebung des Artikelkopfes durch fette Lettern und der etymologischen Formen durch Schrägdruck, auf starkem leicht gelblichem Papier), so daß auch unsere Überanstrengten Augen int Buche zu ihrem Rechte kommen.
Goldene Worte.
Gesund an Leib und Seele sein, Tas ist der Quell des Lebens, Er strömet Lust durch Mark und Bein, Die Lust des tapiern Strebens.
Was man mit frischem Herzensblut Und starkem Wohlbehagen tut, Das tut mau nicht vergebens.
Bilderrätsel.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Nösselsprungs aus voriger Nummer: Siegend steigt die neue Sonue Aus des Todes dunklem Haus, Strahlet Licht und Glut und Wonne Heber alle Seelen aus.
Und es tönt durch alle Lüste: „Diesen Tag hat Gott gemacht I* Und es öffnen sich die Grüfte Und die Toten sind erwacht.
Und mit denen, die da leben, Singen sie dem Herren Preis, Ter uns einen Tag gegeben, Ter von keinem Abend weiß.
I u l i u s Sturm.
Redaktion: I V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Sleindruckeret, R. Lange, Gteßeit,


