335 —
Oberhessische WuMMren.
. Von Wilhelm Hotz.
». (Nachdruck verboten.)
Es gibt sicher noch ältere Leute in der Wetterau, die sich eines gewissen Mannes erinnern, der vor etwa 50 Jahren in einem Dörfchen an der Horloff als Polizeidiener feines Amtes waltete und unter dem Namen „Orbeshannes" weit und breit bekannt war. Es war auch einer von den Gesetzeshütern, die „in zwei Tagen mehr tranken, als in einem", und er hatte vorab den verantwortungsvollen Beruf, seine Trunksucht meist in den Häusern zu befriedigen, in denen jemand krank war. Das kam daher, daß er neben seinem Gemeindedienst auch „Heilkünstler" war und bei besonderen Krankheiten, wie bei der Gicht „dafür konnte". In der damaligen Zeit behandelte ntcm ja jede Erkältung, Gliederschmerzen, Rheumatismus usw. als Gicht, und gegen Gicht vermochte nach dem törichten Glauben der Leute ein Kurpfuscher mit Geheimmitteln weit mehr, als der geschickteste Professor in „Gäisse". So was ähnliches, wie ein Kurpfuscher, d. h. einer, der Sympathie gebrauchte, war der Orbeshannes, und seine Kuren taten Wunder, aber nur gegen „ein Gicht". Es gab nämlich „77, und wenn's gar zu schlimm war, 99 Gegickster", und der Orbeshannes konnte nur gegen eins von diesen; hatte aber das Glück, daß es in seinem Dörfchen eben nur dieses „eine Gicht" war, das mit der armen Menschheit sein Wesen trieb und den Menschenkindern als „mittendes, beifendes, reisendes, kaltes und warmes Gichts" große Schmerzen machte. Das Mittel, das der Orbeshannes gegen diese Gicht anwandte, war neben einem lächerlichen Hokuspokus eine einfache Schwitzkur, die er dadurch herbeizuführen wußte, daß auf seinen Rat das Bett des Patienten unmittelbar hinter oder an dem Ofen auf dem Fußboden gemacht wurde, und der Kranke mit einem Berg von Kissen-zugedeckt werden mußte.
Dieser Orbeshannes wurde einst in ein Bauernhaus gerufen, um an einem neunjährigen Jungen — er wurde groß und ist nunmehr im Dienst der Schule ergraut — seine Kunst zu probieren.
Nachdem er sich an einem Handkäse und einem Viertelchen Branntwein genügend gestärkt hatte, trat er an das Bett des Jungen und fragte ihn: „No! Jungche, kannste dann schuhnt (schon) de Glauwe gebüarn? Wann nitt, därfst de nnr'n and) geläafe." Kaunr war dies geschehen, wurde das „Jungche" von ihm mit gewichtiger Miene untersucht, einige geheimnisvolle Worte „gepischbilt", die Glieder gestrichen und zum Schluß festgestellt: „Hoaste das Gicht, für doas eich kann, gedänk' eich's ze packe." Die pflegende Mutter wurde sodann angewiesen, das Bett des Knaben hinter dem Ofen auf den Boden zu machen; und mit einem kräftigen Abschiedstrunk war der Orbeshannes für diesen Abend entlassen. Arn andern Tag forschte er genau, rrrn welche Zeit des Nachts die Schmerzen am heftigsten waren, und mrf die Angabe: „zwischen 12 unn 1 hatts Bübche oarg gejammert", erklärte er: „Ja! Do hunn eich nach gebraucht. Es hott das Jängche kriminoal ohngepackt, oawer düi Hauptfach casf', es hott's Gicht, fier doas eich kann, eann inn 4 Doag kanns uffgestiehn." Das war auch tatsächlich der Fall und setzte damals das „Jängche" und mehr noch seine Mutter in Erstaunen.
Die Hauptsache bei der ganzen Heilkur war aber, daß dein Orbeshannes für jeden Gang und jeden Rat ein Kännchen und ein Handkäse als Tribut entrichtet iverden mußte. Als nach einem Jahr das „Jängche" beim Garnauswaschen an der Horloff aus Unvorsichtigkeit ins Wasser geraten war und sich dadurch wiederum eine rheumatische Erkältung zugezogen hatte, brauchte der Orbeshannes nicht mehr feines Dienstes zu walten, da die besorgte Mutter zur Erkenntnis gekommen war, daß nicht das „Brauchen" und der nötige „Hokuspokus", sondern allein die Schwitzkur der gewiesene Weg zur Heilung solcher Krankheiten ist. —
Der Orbeshannes hat bis auf den heutigen Tag noch viele „Kollegen", die sich auf das „Brauchen", auf Schreiben von Gichtzetteln und Schmieden von Gichtringen verstehen, und denen es nicht an Kundschaft gebricht, weil — wie sie selbst sagen — die Dummen nicht alle iverden. Und wie machen sie manchmal ihr Glück! So erzählt man sich von einem Schäfer, der die Not und Armut seiner kinderreichen Familie nur dadurch abzuwenden vermochte, daß er sich aufs „Brauchen" verlegte. Ihm hatte nämlich einst ein wohlmeinender Nachbar, dem er seine bittere Not klagte. .
den Rat gegeben: „Probiert's e mol mit dem Hexe! Gibt's Mallör in em Viehstall, dann geht hin eann faat zum kranke Vieh de Spruch:
Schadt's naut, So batt's naut,, De Schinner kritt dich doch!
Awwer baß uff, doß' en keiner verstitt." Wie gesagt, so getan; der Schäfer machte Ernst, suchte da und dort seiner neugelernten Kunst Eingang zu verschaffen, und bald waren seine „Heilkuren" im ganzen Dorf bekannt. Nun wollte es der Zufall, daß der treue Nachbar, dem er sein Glück verdankte, an einem Halsgeschwür erkrankte und bereits drei Tage und drei Nächte die furchtbarsten Schmerzen ausgehalten hatte. Seine besorgte Hausfrau, die alles ver- fuchte, um durch „Schmierwerk" und „Einnehmsel" das böse Geschwür zum Aufgehen zu bringen, war schließlich ratlos und sagte mit mehr Ernst als Scherz: „Eann etzend lang' eich de Scheffer, der kann aach für kranke Leut." Der Schäfer kam und stotterte seinem Retter in der Not verlegen entgegen: „Soll eich; . . . soll eich dann wirklich des Sprichelche duhn?" „Als droff!" flüsterte der Kranke. Mit gewichtiger Miene trat der „Wunderdoktor" ans Bette, legte seine rechte Hand um des Kranken Hals und begann in salbungsvollem Ton: „Schadt's naut, so batt's naut." Ausreden konnte er nicht, denn den Kranken überfiel bei dieser Komödie ein solcher Ausbruch des Lachens, daß durch die plötzliche, anstrengende Körpererschütterung das Eitergeschwür aufging, und die Krankheit gehoben war.
„Die Scheffer huhu doch Gleck!"'
Aus Heinrich Dernburgs MHenterrzeit.')
. . . Eine elektrische Spannung lag zu Beginn des Winters 47/48 in der Luft, das Vorgefühl, daß man vor besonderen Ereignissen stehe. Auch der Jugend hatte sich eine Art Unruhe bemächtigt, und in den oberen Klassen des Gymnasiums — es war das durch Ecksteins Schulgeschichten berühmt gewordene Gießener Gymnasium — in diesen Klassen war die Disziplin nur noch äußech lich und mit Mühe aufrecht zu erhalten. Die jungen Männer aber, die zur Hochschule entlassen waren, jahrelang gewohnt, mit den großen Republikanern des Altertums zu verkehren, genährt mit der politischen Lyrik jener Tage, mit den aufregenden Geschichten der französischen Revolution, der tragischen Erhabenheit Shakespeares und Schillers — diese Studenten sahen um sich — und alles, was ihnen staatlich ins Auge fiel, trug den Stempel eines kleinlichen und argwöhnischen Schematismus. Damit war die Achtung vor ben öffentlichen Gewalten verschwunden, jeder Stoß wider sie galt als eine befreiende Großtat. Niemand aber konnte den Weg zeigen, der aus Zuständen herausführte, die noch mehr lächerlich als drückend erschienen. Als Ziel galt die Einheit und Freiheit Deutsch)- lands. Der Feuerschein, der aus den Vorgängen in der Schweiz und Italien nach Süddeutschland herüberfiel, wies auf das letzte Heilmittel: die Revolution.
Da kam die Kunde, daß sie wirklich erschienen sei, große, völkerbefreiende Revolutton, in Paris; und als man nur auf das Losungszeichen gewartet, begannen Städte und Dörfer, groß und klein, jedes auf eigene Hand seine Revolution zu machen. Natürlich blieb Gießen nicht zurück, in dessen Traditionen ja .noch die Erinnerung an die Schwarzen von Gießen lebendig war. Die Geschichte des Jahres 1848 ist die, daß ein ungeheurer Enthusiasmus, der jubelnde Aufschrei einer befreiten Volksseele in Reden, in leeren und oft kindischen Demonstrationen, in vereinzelten, schlecht geleiteten Unternehmungen verpuffte. Niemals in der Geschichte hat neben dem Erhabenen so dicht das Lächerliche gelegen.
Mein Bruder Heinrich stand in seinem neunzehnten Lebensjahre, er war in seinem zweiten Semester Fuchs bei dem Korps der „Teutonen", voll Temperament und sprühendem Jugendfeuer, alle Ideale, die der Jugend vor- fchweben können, in Poesie, Kunst und Politik, mit Begeisterung erfassend. Die Mädchen fanden in seinem Aeuße- ren etwas, was an den jungen Goethe erinnerte, der Jurist steckte noch sehr bei ihm in den Halmen. Seine nächsten Freunde waren Moritz Bardel eben, der vor mehreren Jahren als Präsident des Oberlandesgerichts Celle starb, der damals eine Gedichtsammligig unter dem Titel „Rote
*) Aus d-cm „Berliner Tageblatt"..


