Ausgabe 
30.3.1908
 
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hervoraber er muß beim doch anders darüber gedacht haben."

Dein Wert ober Unwert ist Sache für sich. Ich erzähle jetzt von ihn». Er verlor also seinen Beruf, an bem er hing mit allen Fasern seines Lebens. Er verlor seine gesellschaft­liche Stellung, er verlor seine Freunde. Es gab eine Zeit, da ward hier ringsum von nichts anderem gesprochen, und mir blieb es nicht erspart, mehr davon zn hören, als mir- lieb war. Der Mann, der meine Schwester geheiratet hatte, ward dadurch, daß er das getan, ein Ausgestoßener, man brach den Stab über ihn, man begriff nicht, wie ein Edelmann mit gesunden Sinnen so etwas habe tun können ... die Pro­biermamsell aus einem Mantelgeschäft. . . eine Handschuhvev- Uuferin . . . und wenn das Zischeln bis an mein Ohr drang, mußte ich schweigen, durfte ihn nicht rechtfertigen in seinem Tun, denn damit hatte ich meine Schwester preisgegeben! Und so, seines Glückes und seiner Lebensfreudigkeit beraubt, verkannt, ein Geächteter und Berfehmter, geht er freiwillig in die Verbannung und einer ihn« inhaltlosen Zukunft ent­gegen, in welcher ihn, so lange er lebt, die Sehnsucht nach seinem Lebenselement verzehren wird. Dieser stolze Mensch bleibt inmitten seiner Marter stumm und klaglos das verrät Mir dein ganzes Wesen. Wer aber, dich ausgenommen, könnte ihm das, was er leiden muß, nicht nachfühlen? Sogar die Welt, die ihn verhöhnt, weiß das, was er hingegeben hat, nach rechtem Wert zu schätzen, seine Schwestern, die ihn auf­gegeben haben, wissen genau, was er verloren hat und daß er elend ist bis in den Grund seiner Seele nur du, sein Weib, bist imstande, trotz alledemwunschlos glücklich" zu sein. Nicht, daß du um all dies nicht wüßtest, aber es gleitet ein- drucksws an dir ab. Es ist fremdes Elend, und solches schmerzt nicht- Du verstehst nicht, daß er gefoltert ist du siehst nicht, daß er leidet. Und deshalb sage ich dir: Gehe in dich und erkenne wie du bist, und daun versuche es, dich in die Seele deines Gatten zu versetzen und bitte Gott, daß er dir die wahre Buße schenke, also daß du fortan nicht dir, sondern deinem Manne lebest und ihm eine Gefährtin wirst, die ihn versteht und ihm hilft, die Last des verödeten Lebens zu tragen -. denn um deinetwillen hat er es auf sich genommen! Sv! Du hast's gewollt, ich habe gesprochen und, gebe es Gott, nicht ganz vergeblich!" ':

Er stand auf und ging diesmal hielt fie ihn nicht zu­rück. Ihr Blick folgte ihn« ganz geistesabwesmd, ihre Lippen bewegten sich, als spräche sie etwas, aber kein Laut ward hör­bar und regungslos saß sie da, auf der von Frühlingsgrün Nmbuschten Bank, vor sich die Veilchenbesäte Wiese.

Der Pfeil saß.

Der ihn abschoß, hatte es trotz zelotischen Eifers gut ge- meint, seit ihm der Gedanke kam, er könne doch vielleicht ihre Seele retten und zur Erkenntnis ihres Egoismus bringen aber so gut er auch die Schwester zu kennen nfeinte, er ahnte nicht, zu wem er gesprochen.

Lange Zeit faß sie so, mehr und mehr in sich zusammen- sinkend. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander und pochten schmerzhaft an die Stirn. Plötzlich fuhr fie auf, sah sich wild un«, als begveife sie nicht, wie sie hierher gekommen, raffte ihr Kleid auf und raunte, als würde fie verfolgt, dem Pfarr­hause zu, hier die Treppe und bann die zu ihrem Giebel­zimmer sührende schmale Stiege hinauf. Oben stürzte sie ins Zimmer, stieß mit bebenden Händen ruckweise den Riegel vor und warf sich dann auf die Diele. IHv Körper krampfte sich zu­sammen tote in wütenden Schmerzen, sie zerrte den Saum ihres Kleides herbei und stopfte sich den weichen, dichten Stoff in den Mund, um den Aufschrei zu ersticken, der ohnedem tat nächsten Augenblick gellend durchs Haus gefahren wäre. So blieb sie liegen, eine zuckende, zusammengekrümmte Masse, halb bewußtlos.

Es war der Paroxysmus-instinktiver Auflehnung gegen einen Ungeheuerlichen Angriff. Sie dachte gar nichts Mehr, sie fühlte nur noch. Ein Stein war von Feindeshand gegen sie ge­schleudert worden und mit beiden Händen wehrte fie ab, in ohnmächtiger Empörung. ,

Es dauerte lange, ehe sie sich aus diesem- Zustande heraus- sand eine kleine, äußerliche Störung brachte sie plötzlich zur Besinnung. Es ward vorsichtig an der Türe geklingt, bann gepocht, Jülchens Stinime flüsterte fragend ihren Namen. D« keine Antwort erfolgte, entfernten sich des Kindes leichte Schritte.

Luise war zu sich gekommen. Sie richtete sich auf und saß jetzt kauernd auf der Diele, dabei strich sie sich das zer­zauste Haar aus der Stirn und schlug sich dann mit dem

Handrücken dagegen, als müsse sie ihre Festigkeit prüfen:Ich Muß denken," sagte sie,denken!"

Die betäubten Gedanken erwachten denn auch und sprangen hervor, hurtig, in Ueberfülle, und gingen all dem nach, was der Ankläger ihr vorgeworfen hatte, und je mehr fie dachte und prüfte, desto mehr Bedeutung gewann ihr sein Wort:Wie eine Motte koMmst du mir vor, die ums Licht flattert." Seit Wochen war sie von einer übernatürlichen, magnetischen Gewalt dieser Aussprache eiltgegengerissen worden und nun, da bereit Flammen über sie hingegangen waren, lag sie da, mit versengten Flügeln. Gefahr barg für sie die brüder­liche Nähe Todesgefahr. War es vielleicht grabe das, was sie so unheimlich gedrängt hatte, diese Nähe zu suchen?

Jetzt, da seine zornige Stimme verhallt war und sein strafen­der Blick sie nicht mehr in Entrüstung versetzte, blieb ihr nur noch bas, was er gesagt hatte, und jeder einzelnen Tatsache dachte sie mit quälender Genauigkeit nach. War sie schuldlos am Tode der Mutter? Schuldlos am Herzenskummer der Schwester und an des Vaters gebeugter Gestalt? Gewollt hatte sie das alles nicht aber daß es so kommen könne, hatte sie sich in stumpfer Gleichgültigkeit selbst gesagt. Hatte sie die Ihren jemals wirklich geliebt? Nie. Es war schon so, wie er gesagt: DasIch" war ihre Welt gewesen.

Mit einem Sprung waren dann ihre Gedanken in der Gegen­wart: Loysen, ihr Liebster, ihr Gatte dessen Leben sie zerstört hatte! Ein Schauder überrieselte sie, als striche durch offene Fenster eisige Zugluft über sie her. Mühsam, aber ganz mecha­nisch richtete sie sich auf und schloß das Fenster, doch die Luft, welche an ihrer Wange hinfächelte, war lau und duftete nach frischem Gras und Birkenlaub. Wie sie stand, die Arme herab- häugend, den Kvpf gesenkt, blieb sie stehen und sann und sann.

Es ist alles so, wie er gesagt hat. Genau so. (?r, der Ankläger, hat nichts übertrieben und nichts weggelassen. Sie ist die Ursache gewesen, daß das Leben des Mannes, den fie liebt, aus seiner Bahn gerissen wurde. Mag man sagen: Er trug ja gleiche Schuld ober mag man hervorheben, daß er frei­willig opferte, was sie nicht erheischte das Resultat bleibt dasselbe. Er ist ein Enterbter des Glückes durch sie. Sie war der Stein auf seinem Wege gewesen, über den er gestürzt, und jetzt ist er elend fürs Leben. Fast gierig suchte sie in ihrem Gedächtnis alles hervor, was dies bestätigte, einzelne Aeußerungen, sein elendes Aussehen, die müde Resignation, die er mit in die Ehe genommen hatte. Hatte sie die große Veränderung an ihm nie be »merkt? Natürlich- hatte sie dieselbe wahrgenommen und auch durchaus nicht falsch gedeutet. Es war natürlich, daß ein Mann, der seinen Beruf hingibt, und um seiner Heirat willen mit der Familie bricht, niedergeschlagen war doch, es blieb deswegen ihr Stolz, daß er ihr so viel geopfert hatte, und fie nahm es hin als etwas Selbstverständliches.

Und was nun eigentlich? Was soll sie tun? Was kann sie habet tun? Nichts. Denn jenes Mitfühlen und jenes frauenhafte, liebende Verständnis, von dem der Ankläger gesprochen, machen ihn weder los noch ledig und befreien ihn nicht von der Last des Lebens. Sie kann ihm absolut nicht helfen. Was ge­schehen ist, ist geschehen, es kann sich erträglicher gestalten als man denkt, aber Helmuth von Loysen bleibt in seinen Kletten.

Ihr erschien es plötzlich, als sei sie in einem Kreise ein» geschlossen, aus welchem sie umsonst zu entrinnen suchte ihre eilenden Gedanken liefen in einem Ring, der keinen Ausweg bot Keine Rettung, sie Müht fich vergeblich, beängstigt, verzweifelt, denn sie selbst ist ihres Gefängnisses Mauer, lieber sich kommt sie nicht hinweg. Gute Vorsätze, Reue und Buße würden nichts Helsen, so lange fie an seiner Seite bleibt. Nicht ihre Selbstsucht ober ihre Verblendung machen ihn unglücklich, sondern ihre Exi­stenz. Weil sie ist, ist dies alles. Und wenn sie sich jetzt in einen Engel der Güte verwandelte, was würde es ihm helfen ? Nichts! Es gibt ihm tveder seine Lebensstellung noch seine Freude zurück. Das sah sie so furchtbar klar, und damit luanhten sich alle ihre Gedanken in an stürmen der Verzweiflung gegen das eigene Ich.

(Fortsetzung folgt.)

Auf der Fahrt nach Dsrüsch-Md-Mft-AMa.

Von Stadtbaunreister B r a u b a ch. (Original-Artikel derGieß. Fam.-Bl.").

IV.*)

Nach kurzer Fahrt erreichten wir die Wanderdünen, das Schmerzenskind der Bahnverwaltung. Es fiub ziemlich hohe Saud- Hügel, die infolge der oft herrschenden Winde stetig ihre Lage

*) Dieser Brief ist datiert vom 27. Jan. und ging uns bereits vor einigen Wochen zn, konnte aber aus technischen Grün­den nicht früher zum Abdruck gebracht werden. Herr Stadt-