<908
W
Ketmutö von Lovlen.
Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Jetzt war er es. der sie zurückhiclt, indem er ihr _ die schwere Hand auf die Schulter legte und sie so zwang, sitzen zu bleiben.
„Ja, das ist alles — die eine Kleinigkeit nur, daß infolge deiner — Berufswahl die Mutter hinsiechte, der Vater vorzeitig alterte, Frieda ihrem Lebensglück entsagen mußte, weil Arnold nicht darüber hinweg kam, daß sie die Schwester einer Entlaufenen, einer Kvmödiantin geworden war. Von mir will ich nicht reden. Die Tatsache, daß ich noch Hauslehrer in Jarowitz bin, sagt genug. Ob du's gewollt hast oder nicht, das waren di« Folgen deiner Handlung."
„Es ist nicht wahr!" — schrie sie heftig — „der Vater ist alt und kränklich geworden aus Gram über den Tod der Mutter, und sie starb an einer Krankheit... sie war immer zart."
„Du weißt, wann sie gestorben — genau ein Vierteljahr, nachdem du uns verließest. Von dem Tage an, wo dies geschah, fand sie keine Ruhe mehr. Sie verzehrte sich in nie rastender Sorge und Sehnsucht. Wie sie so hinschwand — nun ja, der Arzt gab dem Zustand einen Namen körperlicher Krankheit — wir wußten, weshalb ihr Herz gebrochen war, und mir hat sie es gesagt an ihrem Todestage! Und so, während du einem stillen Traume nachjagtest und unserer nicht mehr gedachtest, trugen wir, ein jedes in seiner Art, die Last, die du uns aufgebürdet hattest."
Sie ließ ihn sprechen, ohne ihn zu unterbrechen. Was er da so kurz vorbrachte, drang noch kaum in ihr Verständnis, aber es versetzte ihre Seele in Aufruhr und Empörung — ganz blinde Empörung, die noch nichts erwägt und Prüft, sondern sich instinktiv zur Wehr setzt, ohne zu fragen, ob sie mit Recht oder Unrecht aufgerührt wurde. So saß sie da, den Kopf zurückgeworfen, fast herausfordernd, den Blick starr auf sein «Gesicht geheftet, die Lippen geschürzt, daß die kleinen Zähne blinkten. Aber in iHv sprach eine furchtbare Stimme: Du hast das alles ja schon längst gewußt! — Indessen fuhr Becker fort:
„Leugne nur nicht, daß du das alles selbst wußtest. Aber cs hat dein Herz nicht berührt und kaum Bedauern wachgerufen. Dor warst glücklich — alles andre blieb Nebensache."
„Bist du jetzt zu Ende?" — fragte sie atemlos.
„Zu Ende? Oh nein. Das, was ich gesagt, ist ja nur der Anfang. Es betraf uirs. Nun will ich von einem reden, dem ick ein besser Los gegönnt, denn er gezogen, von deinem Manu."
Das Blut schoß ihr in die Wangen.
„Laß ihn aus dem Spiel!" — sagte sie herrisch — „und sei dankbar, daß er nicht eben hier ist."
„Gewiß bin ich dafür dankbar, denn er würde mich schweigen heißen — ich aber gedenke, ihm den einzigen Dienst zu erweisen, den ich ihm leisten kann, intern ich dich zum Verständnis dessen
führe, tvas er getan — denn dieser Mann ist eines solchen Dienstes vielleicht mehr lvevt, als wir alle zusammen."
Ihre trotzige Empörung wandelte sich in staunendes Auf- horchen.
„Du? Du willst mir wohl gar Liebe zu meinem Gatten predigen?" — fragte sie ungläubig — „das wäre einfach — komisch!"
„Ich werde wieder — entschuldige — weniger _ von dir als von ihm reden, den bu Tag für Tag begleitest in das Elend ter Lebensverödung, ohne — so macht' ich wetten — auch nur einmal zu fragen, was ihn jeder Schritt auf diesem Wege gekostet hat."
„Hüte dich, je zwischen zwei Liebende zu treten, Bruder!"
„Von eurer Liebe rede ich nicht, sondern von seinem Unglück. Dieses hast du wohl auch weder gewollt noch gewußt, ich gebe ieS zu, aber du bist doch die Ursache davon. Ich will dir gar keinen Vorwurf hiermit machen —- nur die Augen will ich dir öffnen, die tote Nächstenliebe wecken, damit du in dich gehest und aus seiner Zukunft machst, was sich iwch machen läßt, indem du ihm Verständnis und Mitgefühl entgegenbringff, und ihm hilfst das Leben zu tragen, das er um deinetwillen auf sich genommen hat."
Sie bog sich vor, zog die Schultern herauf und stützte das Kinn in beide Hände.
„Ich warte!" —■ sagte sie resigniert — „vielleicht tagt mir vor allem Verständnis für dich. Du redest Sanskrit."
„Auch das weißt du im Grunde deines Herzens, was dein Rittmeister von Loyscu seine Heirat gekostet hat, und ihm mehr als mauchlem anderen, denn mehr als alle war er mit seinem Lcbensberuf verwachsen. Der war ihm das höchst« Glück. Noch vor einem Jahr war er ein Mann, der eine schöne, militärische Laufbahn vor sich hatte, mit Lust und Liebe Soldat, ein Mensch, den alle ehrten, liebten, umwarben, ein freier, glücklicher Mensch. Man sagte, er stehe im Begriff, sich zu verheiraten, und sein ganzes Wesen hatte ettvas Sieghaftes. Seine Schwestern liebten ihn und seine Kameraden schwärmten für ihn, die ganze Welt stand ihm offen. — Da, in einer dunklen Stunde, erfuhr er durch mich — hörst du? Durch mich! —- eine gewisse Schauspielerin Luise Becker sei meine Schwester. Sein Gewissen erwachte — er ging hin und heiratete Luise Becker. Die erste Folge dieses Schrittes wat, daß er den Abschied erhielt."
„Bitte! Nahm ihn, mir zu liebe!" —
„Hat er dir das so dargestellt?" —
Sie biß die Zähne in die Lippe. Nein, sie hatte das so angenonmtcit, weil cs sic stolz machte, daß rr ihr dies Opfer gebracht hatte.
„Du schweigst, also hast du es nur geglaubt, weil dir dies bequem war. Im Grunde weißt du so gut wie ich, daß der Offizier sich seine Frau nicht von den Brettern holen darf.. Du weißt cs, also belüge dich selbst nicht."
Sie biß die Zähne zusammen: „Ich war natürlich eines solchen Opfers nach deiner Ansicht gar nicht wert!" — stieß sie


