Ausgabe 
30.1.1908
 
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* Was et Item bei Gefängnisstudien passieren kann. Benjamin Braznell, ein junger Pittsburger, der m der Wahl seiner Eltern äußerst vorsichtig gewesen war, erhielt eines Tages Besuch timt einem Freunde. Da sich dteser sehr für Gefängniseinrichtungeu interessierte, beschloßen dre beiden jungen Leute, den Polizeichef aufzusuchen, und diesen zu bttten, das Gefängnis besichtigen zu dürfen. Sie erhielten ihren er­betenen Passierschein und zu ihrer Beglettung wurde em alter, biederer Polizeidiener herbeigerufeu. A-er Brave hatte aber ferne Aufgabe falsch verstanden. Er brachte seine beiden Schützlinge ruhig in einen Raum für Untersuchungsgefangene und forderte ihnen hier ihre Papiere und Wertsachen ab. Trotz allen Pro­testes der beiden jungen Leute bestand der Poltzeldtener auf seiner Forderung. Zu seinem großen Erstaunen entnahm der eine Arrestant seiner Tasche einige Tauseuddollarnoten und der andere eine noch größere Sumine. Als schließlich ailch die wertvollen Ringe und Ketten übergeben worden waren, trug der Polizeidiener ein kleines Vermögen in seiner Ttenstmutzc mit fort. Vorschriftsmäßig begab er sich mit seiner Beute zu seinen» Chef, nicht ohne vorher die Tür hinter den beiden Ge­fangenen' sicher verschlossen zu haben. Ter Polizeichef wußte anfangs gar nicht, worum es sich eigentlich handelte. Schließe lief) sielen ihm aber seine beiden Besucher tvieder em, und so klärte sich schnell das Mißverständnis auf. Ec begab ,lch schleunigst in die Zelle zu den beidenArrestanten", die sich jedoch über den Zwischenfall königlich amüsierten und ihrer Freude darüber Ausdruck gaben, das Gefängniswesen soprak­tisch" tarnen gelernt zu haben. Ter arme Polizeidiener stotterte eine Entschuldigung nach der andern, jedoch die beidenGefange­nen" entschädigten ihn schon int voraus reichlich für die zu er­wartendeNase".

* Die Mode von heute. Die Vorliebe für ein reiches Dekor der Röcke kommt in dieser Saison hauptsächlich den Hauskleidern zugute, die mit Rüschen, Volants und Spitzen verschwenderisch ausgestattet werden. Die Pariserin empfindet einen pikanten Reiz darin, gerade im einfachen Kostüm, in dem sie sich zwischen ihren vier Wänden zwang­los bewegt, das Fron-Fron knisternder Seide und rauschen­der Spitzen um ihre Gestalt klingen zu lassen. Die Röcke der Promenadentoiletten erhalten wieder ihre besondere Note durch den kurzen glatten Fall und die elegante Beto­nung reiner Linien. Merkwürdige und absonderliche Farben finden sich in den neuen Musen, die bald in einem leuchten­den Blau glänzen, bald eine Aprikosenfarbe, ein starkes Rosa oder Violett zeigen. Der Halsabschluß der Bluse wird durch einen schmalen Hermelinkragen, der reich mit Spitzen besetz ist, - in höchst apartter Form gestaltet. Der beliebteste Stoffzusammenklang der diesjährigen Mode ist die Harmonie von Tuch und Sammet, die am Tuchrock in der Garnierung mit breiten Velvetstreifen, in der langen Sammetjacke durch den Besatz mit Stofftressen zum Ausdruck kommt. Ein großer schwarzer Hut, von seidenen Schleifen und samtenem Band in reichster Garnierung überdeckt, gibt den kapri­ziösen Abschluß der mondänen Toilette. Als spezifischer Winterhut erscheint eine mit Pelz besetzte breite Toque. Der Kopf ist von schwarzer Seide und der Rand von Her­melin, das Ganze bekrönt von einer iveißen Aigrette oder einer lang herabfallenden Feder.

* N e b e n s a ch e. Arzt:Warum haben Sie dem Blann gesagt, er soll wiederkommen? Der ist doch magenleidend, und ich bin Spezialist für Leberkrankheiten!" Diener (pfiffig):Ach, den werden wir schon 'rumkriegen, Herr Doktor!"

M enschheitsziel e." Tie Verlagsbuchhandlung von Otto Wigand in Leipzig war in der Mitte des vorigen Jahr­hunderts von außerordentlicher Betriebsamkeit. Der Begrün­der, ein Deutsch-Ungar, bemühte sich besonders um das Allge­meinwohl der arbeitenden Klassen. Er war das Haupt einer politischen Fraktion und um ihn scharte sich ein großer Kreis von . jungen Freidenkern. Er publizierte die philosophischen Schriften Ludwig Feuerbachs. Ruges berühmte Jahrbücher er­schienen in seinem Verlage und erwachten, nachdem sie als solche unterdrückt waren, alsEpigonen" wieder.Wigands Vierteljahrsschrift" zählte zu Mitarbeitern Hermann Hettner, R. E. Prutz, Rud. Gottschall, Wilhelm Jordan u. a. und entsprach etwa dem heutigen Range derNeuen Rundschau". Besonderes Wohl­wollen und Vertrauen brachte er dem jugendlichen Wilh. Jordan entgegen, dessen Talent und Arbeitskraft er erkannte. Er kaufte ihm im Leipziger Vororte Lindeuau ein eigenes Häuschen, um ihn an Leipzig zu fesseln, und veranlaßte ihn zur Begründung

und Herausgabe einer die Naturwissenschaften popularisierenden Zeitschrift unter dem TitelDie begriffene Welt", die intPro­metheus" heute ihr neuzeitliches Gegenstück sieht. Mit Wigands Tode verlor dieser vortreffliche Verlag seine Bedeutung. Neuer­dings jedoch scheint er sich seiner großen Traditionen tvieder zu erinnern. Seit kurzem erscheint bei Otto Wigand, jetztG. m. b. H.", eine ausgezeichnete Zeitschrift unter dem Titel Menschheitsziele", eineMonatsrundschau für wissenschaftlich begründete Weltanschauung und Gesellschaftsreform". TieMensch­heitsziele" entsprechen einem in den Kreisen der freigcsinnten Ge­bildeten vielfach gefühlten Bedürfnisse, denn es fehlte bisher ein Organ, das, auf dem Boden der modernen Wissenschaft stehend, sich den Ausbau der neuen Wirklichkeitsideale zu einer Geist und Gemüt befriedigenden positiven G es am twelta n sch a n- itng zum Ziele setzt und dabei auch der Poesie die ihr ge­bührende Stellung einräumt. DieMenschheitsziele" wollen dem Seien Gedanken in all seinen verschiedenen Manifestationen als rgan dienen. Sie wollen über alle wichtigeren Vorgänge und Neuerscheinungen aus dem Gebiet des Monismus und Po­sitivismus, des Freidenkerin ms, der freireli­giösen Bewegung und ethischen Kultur, wie auch der freieren Richtungen innerhalb der heute noch bestehenden Kirchengemein­schaften berichten. Außerdem lenken sie ihr Augenmerk auf den Ausbau der Soziologie unter biologischen Gesicht s - p unkt en und zwar besonders auf deren praktische Seite. Sie reden einerOrdnung und Fortschritt" harmonisch verbindenden Sozialrcform das Wort und verfolgen die Bodcnbesitzre- form und die Frauenfrage. Jedes Heft soll die Lebens­skizze einer für die Geistesbefreiung der Menschheit wichtigen Persönlichkeit enthalten. Der Hauptzweck derMenschheitsziele" ist, einem frei gesinnten Leserkreis für Stunden der Weihe und Erholung eine seelenstärkende Erbauung, sruchtbringende Belehrung und geistvolle Unterhaltung zu bieten. Die uns vorliegende Ludwig Feuerbach-Nummer" enthält u. a. folgende Aufsätze: Ludwig Feuerbach, von Prof. Tr. F. Jodl in Wien: Meine persönlichen und wissenschaftlichen Beziehungen zu Ludwig Feuerbach und zu seiner Philosophie, von Albrecht Rau; Un­veröffentlichte Briefe Ludwig Feuerbachs an seine Brüder Anselm und Fritz; Zur Frage eines Feuerbachdenkmals; Mission, von Tr. Thassilo von Scheffer; Volkswirtschaft als Unterrichtsgegen­stand, von Tr. Heinrich Pudor; Zur Ethisierung der Ehe, von Leopold Kätscher; Abgründe der Kindesnatur, von Rosika Schwim­mer; Farbe und Farbensinn, von Dr. Alberts; Darwins Hinter­lassenschaft, von Rud. Oehler. Herausgeber ist Prof. Dr. Molenaar in Nürnberg, der Preis der Zeitschrift jährlich 6 Mk.

Kiesewetter-Rayhrer, Kleines Fremd­wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der in der heutigen deutschen Sprache gebrauchten Fremdwörter, Re­densarten, Vornamen und Abkürzungen, auf Grund der 8. Auflage von Kiesewetters Taschenfremdwörterbuch neu bearbeitet von Professor Dr. E. Rayhrer, Verlag von Carl Flemming, A.--G. Berlin Wc 35, Preis gebunden 2.50 Mk. Prüfendes Nachschlagen in dem schmucken Bändchen zeigt, daß das Taschenfremdwörterbuch reichhaltig und zuverlässig ist in seinen Angaben. In der neuen Bearbeitung ist sehr viel Neues ausgenommen worden. Namentlich das Gebiet der Technik hat eilte eingehende Berücksichtigung erfahren. Sorgfalt ist den sprachlichen und" sachlichen Erklärungen gewidmet, die so kurz als möglich gehalten find. Aus­sprache-Bezeichnungen und ein Verzeichnis der Abkürzungen ermöglichen die Verwendbarkeit dieses Taschenfremdwörter­buches. _______

Goldene Worte.

Sag nicht vom Leben, das; ein Glück es sei, Doch auch kein Unglück, oder eine Last. Wenn du das sagst, bist du in dir nicht frei Und weißt noch nicht, ivas du am Leben hast. Das Leben, das in Wahrheit so zu nennen, Ist eine Arbeit, die dir ausgegeben: Als solche wag, es freudig zu ertennen, Um dich zum Meister würdig zu erheben.

I. Hammer.

Tie Freiheit und das Himmelreich gewinnen keine Halben. E. M. Arndt.

Rätsel.

Das erste rufst du dem Verschwender zu.

Und um das zweite zu erhalten, Mußt flugs du eine Orgel svalten. Das Ganze issest, gern auch du.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Berlin.

Redaktion: N. Witlko. Rotationsdruck und Verlaa der B r üb l'leben UniversitätS-Buch- und Steiadruckerei, R. Lange, Gießen.