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Lebens in Deutschland", lind im besonderen ist in den Statuten der Nachdruck auf die Erforschung und Fruchtbarmachung unserer nationalen Kunstgeschichte gelegt. Das tut uns Deutschen — leider — noch bitter not. Tie so ost beklagte nationale Unselbständigkeit der Deutschen', die Vergötterung alles Fremden unter Mißachtung des Eigenen hat- sich bisher auch auf dem Gebiete der Kunstforschung gezeigt. Es ist immer noch wahr, was unser großer Kunstpädagoge Alfred Lichtwark vor Jahren als Einleitung seines Buches „Palasch fenster und Flügeltür" schrieb:
„In Deutschland ist das Antlitz der künUerischen Bildung immer noch nach Athen und Rom oder nach London und Paris gerichtet. Tort sind wir zu Hause, dort wissen wir genau Bescheid, dort holen lvir uns die Maße, mit denen wir das Unsere miß- messen, und die Meinungen, aus denen wir das Unsere mifk verstehen. Tie Beschäftigung mit deutschen Dingen ist um so weniger beliebt, je näher sie liegen und je wichtiger sie deshalb eigentlich sind. Tas weitsichtig gewordene deutsche Auge weilt am liebsten am fernsten Horizont, und gern streift die Phantasie noch darüber hinaus.
An einer Zeitungsnotiz über Ausgrabungen in Chaldäa berauschen sich Millionen deutscher Zeitungsleser. Aber das regt niemand ans, daß überall in Deutschland gerade in unseren Tagen eine köstliche heimische Baulvcise zu Grunde geht, die für unsere künstlerische Zukunft wichtiger ist, als alles, was unter den Trümmern Ninive's verborgen liegt."
So Lichtwark; und der deutsche Wohnhausbau ist's, auf den er im letzten Satze anschelt. Wir deutschen Kunsthistoriker müssen uns heute zu unserer Schande gestehen: „Es gibt kc ine de u tsche Knn st gges chi ch te ! Jeder Dozent, der einmal über deutsche Kunst gelesen hat, weiß, daß es an brauchbaren Vorarbeiten fast völlig fehlt, jeder Kuustgelehrte, überhaupt, der nicht bloß Kirchturmpolitik treibt, sondern auch einmal über größere Zusammenhänge in der deutschen Kunst nachgedacht hat, merkt, daß in der Literatur noch nicht einmal Klarheit über Perioden und Blütezeiten unserer Kunst herrscht. Ja wir haben, wie .Bode mit Recht in der „Internationalen Wochenschrift" bemerkte, nicht einmal den heutigen Standpunkt der Forschung zusammenfassende Biographien von Dürer und Holbein. Tas außerordentlich tiefe und feinsinnige Buch von Wölfflin über Türer ist eine Reihe subjektiver Studien, sein, weil Wölfflin ein feinfühliger Mensch ist, aber kein Handbuch, auch an sich nicht ungefährlich subjektiv und feinem' An- süngcr in die Hand zu geben. Es ist immer noch von einem einseitig italistischeu. Standpunkt aus geschrieben, von dem aus fremde Maßstäbe an die Werke einer anderen Rasse gelegt werden. Wohl fühlt Wölfflin, daß das Schwanken Dürers zwischen eigenen^ und fremdem Ideal viel Kraft verbrauchte und seiner Kunst schädlich war, aber im Grunde erscheint ihm doch die Hingabe Dürers an die Fremde als Gesundungsprozeß. Dabei ist das der Anfang zum Verfall der deutschen Kunst. Merkwürdig, daß dieses bei Künstlern, die uns, wenn auch stainmverwandten Volkes, doch nicht ganz fo' nahe stehen, wie Türer, ohne weiteres zugegeben wird: Tie niederländischen Romfahrer und Romanisten wie Mabuse, Lambert Lombard u. a. werden in fast allen Kunstgeschichten wegen ihres Abfalls vom Heimatwesen heftig getadelt, als ob hier etwas anderes vorliege wie in gewissen Fällen bei Dürer. Der ist nicht in seinen italisierenden Gemälden, sondern in seiner Griffelkunst fürs deutsche Haus, der Apokalypse, bem Marienleben, dem Hieronymus im Gehaus unser größter Griffel kü n st le r.
Dürer und Holbein, die Bode nennt, sind nun die geläufigsten Namen der deutschen Kunstgeschichte; ja cs wird viele sog- Gebildete geben, deren Namenskenntnis deutscher Künstler damit erschöpft ist. Jedoch so sehr viel besser stehts bei den Kunst- gelehrten auch nicht. Was wissen wir von deutscher Plastik? Was von der Kunst des ,17. Jahrhunderts? Die fälschende klassizistische Konvention in der Kunsthistorie, die in ihren Ursprüngen über das 19. Jahrhundert, über Sandrart, van Mander bis auf Vasari zurückgeht, auf die Lichtwark in jenen Ein-- gmrgsworten anspielt, hat auch verschuldet, daß mancher große Künstler durch Jahrhunderte in Vergessenheit gerier; so der größte deutsche Mal e r Mathias Grünewald, der den Jsenheimer Altar (in Colmar) schuf, das getvaltigste Werk deutscher Malerei, das mißfiel und verscholl, weil es nicht italienisch „schön" war. Und so wird noch mancher andere Meister aus deut Staube der Vergessenheit herauszuhvlen sein. — Der lebenstrotzende Stil der eigentlichen deutschen Gotik des 15, Jahrhunderts, der sogenannten Spätgotik, galt für schlecht, weil er mit dem Maßstabe der französischen sogenannten. .Hochgotik gemessen wurde; der deutsche Barock des 17. Jahrhunderts war schlecht, weil er nicht aussah, wie die italienische Hochrenaissance. Von der urtümlichsten deutschen Bauweise, dem Holzbau, wissen wir noch außerordentlich wenig.
Genug von dem, was für die Kenntnis unserer künstlerischen Vergangenheit noch zu leisten ist. Schon das Wenige aber Große, das ich berührte, muß ja jeden Gebildeten mit Schrecken erfüllen über die schwere nationale Schuld, die hier auf uns liegt. Es gilt, alle Kräfte anznspannen, sie abzntragen. Bon unten herauf muß mit der Bildung künstlerischen Sinnes angefangen werden. In die Schulen muß die Kunst einziehen. Nicht als. öde Geschichtszahlenpaukerei, sondern als belebendes
Element für allen Unterricht. Der blasse bebrillte linkische Schul- innge des 19. Jahrhunderts war lange genug der herrschende Typ in unseren Schulen deren einseitig öder Begriffs- und Grarn- matikdrill ihn geradezu des Gebrauchs seiner Sinne beraubte Er lvußte, daß ut mit dem Konjunktiv steht, er wußte aber nirgends m der Welt Bescheid, in seiner Heimat nicht und auch in Rom und Griechenland nicht, denn ihm fehlte die Anschan- un g. Wie kann nun diese Ausbildung des edelsten Organes — „o eine edle Himmelsgabe ist das Licht des Auges" — besser und schöner bewirkt werden, als diirch die Anleitung zur Betrachtung von Werken alter und neuer Kunst? Dazu gehört freilich, das; ^..Lehrer, die diesen Unterricht erteilen wollen, eine svrg- Wige Ausbildung erfahren, am besten durch die Fachleute der Hochschulen und Museen. Ausflüge rind Vorträge zur Betrachtung alter und neuer Kunstiverke der Heiurat müßten veranstaltet werden und diese für alle Kreise, auch den Arbeiter. Dann würde so mancher, der jetzt auf dem Sommersonntagsausflua nach kurzem Natnrbuminel fein Geld versäuft, an der Heimat und werd' ^n‘ne''e gewinnen und länger draußen festgehalten
Damit komme ich auf die Hauptsache: die Rolle, die die Betrachtung guter Kunst in der Veredelung unserer Kultur zu spielen hat: Alle Kreise müssen wir Hinweisen auf den Geist guter alter und guter neuer Kunst: Ten Geist der Wahr - heit. Tas tritt am besten in der Baukunst zutage: Schön ist auch eui einfaches Arbeiterhaus, wenn es zwcckentsprecheiid und behaglich ist; schlecht ist die mit Gußornament in der Schau- «te überladene Mietskaserne, lstiiter deren lügnerischer Außen- sette sich schlechte Wohnungen bergen. Gut ist für uns das in unserem Klima und an unseren Zwecken laugsaui entwickelte Bauernhaus und Bürgerhaus, schlecht der auf u n s e r e n B o d e n v e r - pflanzte italienische Palast, unter dessen flachem Dach die wirkt'" nUni' ^on umner dieser Palast in seiner Heimat
Ich Hoffe, diese Worte der Einleitung werden genügen, zu 6emeifen, daß der deutsche Verein für Kunstwissenschaft, der alles dieses auf seine Fahne geschrieben hat, eine No twe ndi g keit ist. Indem ich den Wunsch ausspreche, daß vor allem der Hesse, der unter Deutschlands Völkern, wie ich eingangs zeigte besonders dazu berufen ist, durch Beitritt zuM Verein zur Losung dieser für die Gesundung unserer Volksseele nn- geheuer wichtigen Frage beitragen möge, lasse ich den kurz und klar gefaßten ersten Absatz der Statuten über die Ziele des Vereins für sich selber reden:
Der deutsche Verein für Kunstwissenschaft bezweckt die För- derung kuiistgeschrchtlichen Wissens und die Hebung künstlerischen Lebens ut Deutschland.
Insbesondere setzt er sich zur Aufgabe:
_ 1'. cm illustriertes kunstwissenschaftliches Jahrbuch mit literarischem Jahresbericht hernuszugeben,
,2. die Herausgabe von Kunsthandbüchern und phvtogra- phtschem Ansckanmtgsinaterial sowie von sonstigen kUnstwissen- schaftlichen Arbeiten zu fördern,
. ?• die vollständige Verzeichnung und Publikation aller deutschen Kunstdeukmäler (Monuincnta artis Germaniae) auf Grund der vorhandenen Vorarbeiten herbeizuführen,
4. kunstwissenschaftliche Anstalten und Verbindungen an geeigneten Plätzen des In- und Auslandes herzustellen und zu unterhalten,
m 5.. dafür einzutreten, daß für Vertreter der neueren Kunst Reisestipeiidicii eingerichtet werden,
, , 6. das allgemeine Interesse und Verständnis für Kunst zu beleben, tnbem dahin gewirkt wird, daß
. , den Universitäten und andern Hochschulen für ausgiebige Berücksichtigung der Kunstwissenschaft gesorgt wird,
b) ^'ch m den Schulen, namentlich in den höheren Lehranstalten (Mittelschulen), der kunstwissenschaftliche Unterricht in geeigneter Weise im Anschluß an Gefchichts- und Zeichenunterricht und durch Veranstaltung kunstwissenschaftlicher Vorträge gepflegt wird,
c) die kunstgeschichtlichen Apparate an Hochschulen und höheren Lehranstalten (Mittelschulen) zureichende Ausstattung erfahren,
d) angehenden Oberlehrern und Oberlehrerinnen die Möglichkeit geschaffen wird, sich in der Fachprüfring eine Lehrbefähigung der Kuiistwissenschaft zu erwerben,
e) die Kunstwissenschaft auch in dem der allgemeinen Bil- düng gewidmeten Teile der Prüfung der Oberlehrer und Oberlehrerinnen angemessen berücksichtigt wird,
f) kunstwissenschaftliche Fortbildungskurse für Oberlehrer und' Oberlehrerinnen eingerichtet werden,
g) auch bei allen Fortbildungseinrichtungen aus die Förderung kunstwissenschaftlichen Verständnisses durch geeignete Kurse besonderer Wert gelegt und
h) durch kunstwissenschaftliche Vorträge und Demonstrationen verschiedenster Art auf immer weitere Kreise des Volkes eingewirkt wird.
Tr. Christian R ä u ch, Privatdozent der Kunstgeschichte


