— 66
dem Wort, etwas, das er gar nicht zart und lieb genug ansfassen Kumte.
Mit solchen Gedanken ritt er landeinwärts und dog von der nach Jarowitz führenden Chaussee in eine blühende Kirschenallee — ein wonniger Anblick, der ihm wie ein verheißungvoller Willkomm entgegen leuchtete.
Der Rappe trabte scharf zu. Ec war heute wieder ganz im Gleichgewicht und sein Reiter wiegte sich behaglich im Sattel, doch gehörte seine Aufmerksamkeit heute ausnahmsweise nicht völlig dem Pferde. Diese Gedanken, sowie, der wiedererkennende Rundblick über Felder und Wiesen nahmen ihn in Anspruch. Hier kam endlich dcr weiße Grenzstein von Rothaide. War es Einbildung oder wurde der Weg wirklich plötzlich besser, war cs Phantasie oder boten die Felder wirklich einen ganz besonders fruchtbaren Anblick? Nein, cs war wirklich an deut. Mit nicht ganz uu- knndigem Auge übersah er die Flächen. Rothaide Ivar ein liebevoll gepflegter Besitz. Es freute ihn, Recknitz' Mitteilung so bestätigt zu seheir. Aus früherer Zeit konnte er sich erinnern, daß es hier nicht so gestanden hatte, daß die Nachbarn mit mitleidigem Achselzucken „dem arnren Haide und seinem Wirtschaften" gesprochen hatten. Er solle doch verpachten, meinten einige und Recknitz hatte es ihm direkt geraten. Er solle Geld aufnehmen, sagten andere, der Boden sei erstklassig, aber vernachlässigt, und cs fehle an Betriebskapital. Bor allen Dingen fehlte es an einen» Herrn, der überall selbst sein kann, und das' wird der lahme Wilhelm nie können.
Tenn Wilhelm von der Haide war lahm. Lohsen kannte ihn gär nicht anders wie an Krücken gehend und periodeuweise von den entsetzlichsten Nervenschmerzen gefoltert. Ein tzüftlciden war es, das aus seiner frühesten Kindheit datierte, lind dieser gc- bundene, meist aus Zimmer gefesselte Meusch, war frühzeitig in den Besitz des väterlichen Gutes gekommen und hatte damit eine Arbeitslast auf sich genommen, der er trotz aller Energie nicht gewachsen war. Wie Lohseu hatte er seine Eltern schon als Kind verloren, und das bildete den ersten Anlaß zur Freundschaft, bei welcher der Altersunterschied — Wilhelm war fast fünf Jahre älter als der Rittmeister — kein Hindernis bot.
Während er das alles wieder durchdachte, bemerkte er doch, was rechts und links, vom Wege lag. Lichtgrüne und braune Ackerflächen, sauber bearbeitet und von schnurgeraden, sich in der Ferne verjüngenden Furchen überzogen. Tie Wiesen, und Rothaide war reich an Wiesen, durchschnitten kleine Kanäle, in denen das Wasser glitzernd hinfloß. Wie lange hin, nnd der Wind läuft, eine mattblinkende Straße hinterlassend, über üppig hohes Gras und tiefgrüne Kornfelder.
Der Kirchturm von Rothaide war das Wahrzeichen der Gegend. Tie kleine Kirche stand auf einem Hügel, Dorf und Hof zogen sich von ihr abwärts in die Talmulde herab. Tas erste zarte Grün knospender Sträucher und weißstämmiger Birkenbäume und die silberweise Schönheit blühender Schlehen und Birnbäume umzog all die Häuser und Scheunen. Eine Pappelallee führte mitten durchs Torf auf den Herrnhof zu, der ein fast geschlossenes Viereck bildete, in welches ein breiter, gepflasterter Torweg den Eintritt ermöglichte. Ties Gewölbe warf das Echo der fest aufklappenden Pferdehufe zurück, und der Ausgang gab einen guten Rahmen ab für das gerade gegenüberstehende Herrenhaus, welches anspruchslos, nur durch ein paar, von einem niederen Eisengitter umzogene alte Platanen abgesondert, mitten im weiten Ring der Wirtschaftsgebäude stand. Es war ein ziemlich hohes Haus, gelblich mit weißen Feustcrnmfassuugeu, freundlich, hier und da mit Klematis und Glyzinien bewachsen. Es hatte blankschinimcrnde Fenster, die alle, wie helle, wachsame Augen, in den Hof herabsahen, auf welchem eben Vesperruhe herrschte. Rechts und links von» Wohuhaujc befanden sich zwei in den Garten führende Gittertore.
Lohsen stieg am Pscrdcstall ab nnd srüg hier einen jungen Burschen, der/ihm vertrauenerweckend genug aussah, ob er ihm das Pferd halten wolle. Er wußte, daß die 'Haides teils ans Sparsamkeit, teils aus Mangel an Verwendung keine Luxus- pserde hielten, also auch keinen eigentlichen Kutscher hatten, wohl aber einen alten Diener, und diesen» wollte cr das unruhige Tier nicht übergeben. Ter fam auch schon aus dem Hause, so schnell ihn seine etwas wackligen Beine trugen, erkannte die Uniform, und damit den Besitzer derselben, grüßte mit respektvoller Vertraulichkeit und sagte, der Herr sei im Garten. Nun wußte Lohsen schon Bescheid, er wollte Wilhelm überraschen und bat, nicht gemeldet zu werden. Mit schnellen Schritten ging cr durch das Gittertor in den Graten. Auch hier war
alles unverändert. Zwischen Bosquets von Flieder, Teestaude
und Jasmin wand sich der Weg hin. Der Garten war nicht
allzu groß und ans der Rückseite schloß sich eine Wiese an, die
zum Kirchberge hinauf reichte. Zwischen Erlen nnd Birken, welche diesen Hang nmsäumten, stieg der Kirchturm enipor, das bescheidene, aber überaus anmutcnde Landschaftsbildchen abschließend.
Mitten im Garten, dem Wo hu hause die offene Seite zu- kehrend, stand eine aus braungebeiztem Holz gezimmerte Halle oder Kolonnade, wie ein nach Süden offenes großes, helles Gemach. Das hatte Wilhelms Vater einst für den lahmen Knaben bauen lassen, der soviel wie möglich im Freien leben und kräftigende Waldluft atmen sollte. Um letztere wenigstens andeutungsweise herzustellen, wurden rings um die Halle, im Bogen umgreifend, Tannen und Fichten gepflanzt, denen die Sonne bald einen wohltätigen Harzgeruch entlockte. Diese damalige Pflanzung überragte jetzt bereits mit schlanken Wipfeln das Dach der Halle, und wo die Stämme sich infolge Platz- mangels unten ausgeästet hatten, war eine junge, leuchtend grüne Nachpslanzung gemacht, welche sich rechts und links weit verschob. Im Schutze dieser grünen, stachligen Mauer stehend, konnte Lohsen ungesehen in die Halle blicken. Sie war mit Bildern, Tischen, Stühlen, Schränkchen und Polsterbänken eingerichtet wie ein Zimmer. Bon der Decke hingen Ampeln mit blühenden Schlinggewächsen und bunte zierliche Vogelkäfige mit zivitschcrnden Insassen. Auf zwei langen Wandbrettern stair- den blühende Blumen, dazwischen hing eine Schwarzwälder Uhr mit kunstvoll geschnitztem Gehäuse. Originell war auch die Idee, über die Blumenbretter Alpenlandschasten zu malen, die in Fensterrahmen gefaßt waren und mit Glas und Fensterkreuzen überdeckt waren, so daß der unbefangene Ankömmling meinen konnte, in eine sonnenreiche Berggegend zu blicken.
In der Mitte der Halle stand ein langer, schmaler, mit Büchern und Schreibgeräte bedeckter Tisch und daneben eine Ruhebank, über welche eine dicke, buntgestreifte Decke gebreitet war. Auf diesem Streckstnhl, halbliegend, saß Wilhelm von der Haide und las. Er war ein Mann gegen Mitte der Dreißig, sah aber jünger nnd fast blühend ans. Sein dichtes Haar, sowie der kurzgehaltene Bollbart waren glänzend hellblond und ganz krauch sein Gesicht edel geschnitten, fein und ungemein ausdrucksvoll, die Farbe schnell wechselnd von fast mädchenhaft rosiger Frisch« zu durchsichtiger Blässe. Tie Hände verrieten jahrelanges Siechtum, aber die Gestalt war kräftig nnd hoch. Er hatte tiefblaue Augen, aus denen eine große Freundlichkeit und Heiterkeit leuchteten. Nach Wilhelms Augen hatte sich Lohsen ost förmlich gesehnt nnd gerade dann am schmerzlichsten, wenn er sich am unfähigsten fühlte, diesem klaren, warmen Blick stand zu halten.
(Fortsetzung folgt.)
Die deutsche Kunst und der deutsche Verein für Kunstwissenschaft.
(Originalartikel des Gieß. Anz.) (Nachdruck verboten.)
Unser Fürst und unser Land sind in zwei wichtigen Fragen, die die moderne Kulturwelt und das deutsche Volk im besonderen bewegen, bahnbrechend v or an ge g a n g e n. —■ Tie Förderung der frisch erblühenden neuzeitlichen nationalen deutschen Kunst und ihrer Anwendung auf unser ganzes Leben Klar die erste Frage; die Darmstädter Ausstellung von 1901 war ein Markstein auf dem Wege zu ihrer Lösung und int besten Sinne des Wortes eilt „Dokument deutscher Kunst" der Neuzeit. Die Fürsorge für die Dokumente deutscher Kunst der Vergangenheit war die zweite Frage: Tas hessische Dcnkmalschutzgesetz ist ihre erste gesetzliche Lösung in Deutschland. Adelbert Matthäi, so manchem in Gießen durch seine geistvollen Vorträge über mittelalterliche Kunst noch in guter Erinnerung, hat im Jahrgang 1908 des Kalenders „Hessen-Kunst" aufgezeigt, welch bedeutende Kulturaufgabe unser Hessen innerhalb des großen deutschen Staatenverbandes zu erfüllen hat.
In de» eben berührten Fragen haben Fürst und Volk ick Hessen diese Kulturaufgabe, wir dürfen cs stolz sagen, glänzend gelöst: Die Hessische neue Knust "hat ihren Platz an der Sonne erobert; sic wird durch des Großherzogs Werkstätten frisch erhalten, die in» Gegensatz zum toten Akademicbetricb des 19. Jahrhunderts ihre Schüler in das Handwerk her Kunst und damit in die lebendige Kunst selber einführen. Ebenso ist alle große Knust früherer Zeit entstanden. Der Denkmalschutz sorgt bei uns auch für das ileiiifte Denkmal liebevoll. Der Aufzeichnung und Erforschung unserer Kunstdeukmäler ist'durch-Bestellung eines neuen Leiters und frischer Kräfte an Mitarbeitern neues Leben zugeführt. Viele Vereine bemühen sich, neue nnd alte Kunst ins Lcbcn zu tragen....
Alle diese Aufgaben nun auf breitester Basis und für uns« r ganzes deutsches Vaterland zu lösen, hat sich der deutsche Verein f ü r Ku n stw i s s e n s cha f t zum Ziele gesetzt. Er bezweckt, wie es in dem Statutcnentwnrf heißt „die Förderung kunstgeschichtlichen Wissens' und die Hebung künstlerischen


