Ausgabe 
30.1.1908
 
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Donnerstag den so. Januar

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M8

V

Kelmuth von Lovlen.

Roman von Ursula Zöge von Manteuffel.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Es gehörte auch zu ihren Eigentümlichkeiten, baß sie sich nie auf die Jugendliche, spielte. Es genügte ihr, daß sie schön war. Damit blieb sie selbstverständlich jung genug. Sie hatte sich schon mit siebzehn Jahren langsam bewegt und würdevoll ge­sprochen, also war sie sich auch darin gleich geblieben.

Ihr Lebtag hatte sie sich immer für irgend jemandin­teressiert", hatte die Möglichkeit einer Heirat ruhig hin und her erwogen und zum Schluß ihren Freundinnen ernstlich mitgeteilt, daß sie sich nicht entschließen könne,ihn" zu heiraten. So war sie stets angenehm beschäftigt, und bemerkte es nicht, daß ihre Verehrer sich selten in Freier wandelten.

Loysen setzte sich neben sie, sagte ihr soviel Artigkeiten, wie soviel Schönheit nur verlangen konnte, und als nachher einTänz­chen"" ,g emacht wurde, eröffnete er mit ihr den Reigen und wahr­haftig, sie tanzte auch noch gerade so wundervoll wie damals ein Wiegen, ein Gleiten, ein rhythmisches Schweben ... cs war einfach genußvoll, mit Fräulein von Valois zu tanzen.

Tann forderte er der Reihe nach die jungen Mädchen auf, mit Jutta von Prancken anfangend, die selig war, mit einem Mrassieroffizicr zu tanzen und dies unverhohlen zur Schau trug.

Aber während der ganzen Zeit kam jener suchende erwartungs- vvlle Ausdruck nicht aus seinen Augen. Ging eine Tür, so sah er sich um, und sprachen die jungen Mädchen zusammen, so horchte er hin.

Ter Kinder wegen dauerte Essen und Tanz nur bis neun Uhr. Tie waren indessen unter Aussicht einiger Gouvernanten und eines ebenfalls mitgebrachten Hauslehrers in einem Nebensaal mit Spicken beschäftigt. .Hin und wieder ging eine der Mantas hinein, nm zu sehen, ob ihre Lieblinge sich durch besondere Ungezogenheit aus­zeichneten, oder etwa zurückgesetzt würden.

Auf der Rtickfahrt ging es lebhaft zu in dem Wagen. Tie Kinder hatten unglaublich viel zu erzählen, die Rietelschen Jungens hätten einen neuen Hauslehrer, der sei aber streng, und Landrats Frieda habe sich mit Lilly geprügelt und der Otto Prancken wolle partout auch ins Kvrps.

Erst als der Wagen durch den Bardesser Park fuhr und die Laternen helle Streiflichter über die dunklen grünen Laubmauern rechts und links warfen, sagte Loysen:

Die Rothaider sieht umn natürlich nirgends."

Nein. Hattest du das erwartet?" frug Marie Anne schnell.

Ich weiß es selbst nicht ... es ist nur so merkwürdig, wenn ein Haus so völlig fehlt, ich meine nicht nur unvertreten bleibt, sondern auch nie gekannt wird; nicht ein einzigesmal fiel der Name."

Ja eben »veil sie so abgeschieden leben."

Auch Fran von Dahlen macht sich nie auf, um wie Ada Valois' Tante, die Chaperoneuse zu spielen?"

Ach die gute Dahlen! Nein, weißt du, das sähe der nicht ähnlich! Kinder, wir sind ja angekommen."

X.

Au« nächsten Tage, nachmittags, ritt Loysen nach Rothaide, Marie Anne hatte recht gehabt, wenn sie behauptete, er trüge so etlvas wie eine stille Neigung im Herzen. Es war viel­leicht mehr ein Ziel, ein Lebensplan, dem er ganz ruhig und leidenschaftslos entgegen ging es ivar ein Name, der wie ein Heller Stern über allem stand und leuchtete, woran das Leben ihn schon vorüber geführt. Wenn er seit seinen ersten Leutnantstagen daran dachte, toet wohl einst seine Frau werden würde, so stellte sich immer, mMfncht und ungerufen die Antwort ein: Edeltraut von der Haide.

Das Sonderbar« dabei war, daß er sie kann« kannte, und eigentlich nie einen besonders günstigen Eindruck von ihr be murin eit hatte. Aber sie war Wilhelms Schwester, man hätte fast sagen können, Tochter, denn er hatte sie erzogen. Tas genügte. Außer­dem sah sie gerade so aus, wie er sich schon als Knabe seine künftige Frau geträumt hatte. Der Gedanke, daß sie ihm be­stimmt, hatte sich allmählich mit seinem Leben verwoben, war ihm manchmal süß, manchmal lästig, wie eine vorwurfsvolle Mahnung, je nachdem ihn andere Frauen fesselten, verließ ihn aber nie auf lange.

Schon vor zehn Jahren, als er ein blutjunger Leutnant und sie ein Kind irl.tr, batte er mit Wilhelm darüber gesprochen, daß es für ihn nur eine Frau gäbe Wilhelms Schwester. Bon da ab hatte er sich als Wilhelms Schwager gefühlt und sich ge­sagt, daß er so leben wolle, als wäre Wilhelms Schwester bereits seine Braut. Er war :toch sehr jung und sehr ideal veranlagt, und wenn in späteren Jahren seine Besuche in Rothaide immer seltener wurden und in den letzten Jahren ganz aufhörten, so war der Grund gewiß nicht darin zu suchen, daß seine Freund­schaft erkaltete, und feilt Zukunftsbild eine andere Gestalt ange­nommen Hütt«, sondern darin, daß ihn eine gewisse, schuldbewußte Scheu davon abhielt, feinem Freunde unter die sonnenhellen Augen zu treten. Vielleicht war er sich selber darüber nicht ganz klar geworden, aber tatsächlich wäre es ihm« unmöglich gelvefcn, und wie eine Beleidigung seiner künftigen Frau erschienen, als Bewerber aufzutreten, so lange seine Phantasie von andern Bildern erfüllt war.

So kam es, daß er sich ihrer erinnerte als eines langen, noch etwas linkischen Mädchens in fnßfreien Kleidern, mit hastigen, und wie ihm schien, stets von ihm fortstrebenden Beivegnugen, verschwindend, so wie er kam und blutrot erglühend, wenn eti beim Gruß ihre Hand fest hielt und scherzende Fragen stellte. Ihre Schüchternheit erklärt« er sich durch das einsame Leben, ive(d"je§ sie führte, und ihr tiefes Erröten konnte ihm ja nur schmeichelhaft fein. Tu großes Kind, dachte er, die Zeit wird schon kommen, wo du mir nicht ntehr davonläusst!

Ties« Zeit sollte jetzt kommen.

Helmuth Loysen wollte heiraten. Wie cs sein Vater gemacht hatte, der afä junger Rittmeister die Mutter heimgeführt hatte, gerabe solch ein Wesen wie Edeltraut von der Haide zu iverden versprach. Schon das wäre ein Grund gewesen, weshalb sie seine Frau werden mußte.

Seim Fran! Etwas Stolzes und Hohes lag für ihn in