Ausgabe 
29.10.1908
 
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was schadet es, wenn meine Gäste Trinkgelder geben, ich muß ja auch welche zahlen!"

Bist du so ganz sicher, daß du zahlen mußt, wenn Wan bei dir nicht zahlt? §afi du es je versucht, durch Beispiel zu wirken?

Nein, dazu sind die meisten zu bequem. Sie schimpfen zwar, wenn sie hier und da eingeladen sind, mächtig über das Trinkgeld, das im Verein mit Droschke nsw. hingereicht hätte, das Abendessen in einem feinsten Restaurant ein- znnehmen, aber sie machen den Unfug ruhig mit und rühren keine Hand, diesem Unwesen zu steuern. Es gibt nach meiner Auffassung keine größere Beleidigung für' bie Gastgeber, als wenn die Dienstboten Trinkgelder für das, was man seinen Gästen geboten hat, erhalten.

Ich bin zwanzig Jahre lang verheiratet, und in unserem Hause hat sich stets ein großer gesellschaftlicher Kreis zu- jlammengefunden, aber noch niemals ist da ein Pfennig Trinkgeld gezahlt worden.

Wenn ich Dienstboten annehme, frage ich sie, welche Lohnansprüche sie stellen. Antwortet mir ein Mädchen beispielsweise270 Mark", so sage ich ihr ungefähr fol- ßendes:

Ich Iverbe Ihnen anstatt 270 Mark 300 Mark geben, ich mache Sie aber barauf aufmerksam, daß in meinem Hause trotz großer Geselligkeit keine Trinkgelder gezahlt werden. Ist Ihnen das recht? Der geringste Versuch der Trinkgelbannahme würde sofort Dienstentlassung zur Holge haben. Ueberlegen Sie sich wohl, ob sie unter diesen Verhältnissen die Stelle annehmen wollen."

In den ganzen 20 Jahren ist es mir nur ein- oder zweimal passiert, daß die Mädchen erklärten, auf die Stelle verzichten zu wollen. In den meisten Fällen gingen sie Jreubig auf meinen Vorschlag ein, überhaupt wenn ich hnen vielleicht noch folgende Erläuterung gebe:

Mein Mann und ich möchten nicht, daß unsere Gäste das Gefühl haben, ihr Essen hier bezahlen zu müssen, und dann finden !vir auch, daß es für ein Dienstmädchen, das von seiner Herrschaft für seine Arbeit bezahlt wird, ein ganz unwürdiger Zustand ist, sich zwischen Tür und Angel Von den Gästen ein Trinkgeld in die Hand drücken zu lassen. Wir meinen, Dienstmädchen sollten ebenso viel Ehrgefühl haben, wie die Herrschaft selbst."

Nicht um die Welt würde ein Dienstmädchen, dem ich so das Selbstgefühl wecke, ein Trinkgeld annehmen. Sie wird so viel als möglich die Gelegenheit vermeiden, baß es ihr beim Abschied der Gäste geboten werden kann, ober sie wird es bescheiden, aber bestimmt ablehnen.

Meine eigenen Gäste haben mir schon oft erzählt, wie nett und doch bestimmt die Mädchen die gebotenen Trink­gelder abgelehnt hätten.

Mein Mann begleitet gewöhnlich die Gäste, wenn sie noch in unserem Hanse Neulinge sinh, bis zur Haustür. Die Mädchen sind nur beim Ankleiden zugegen. Alle unsere näheren Bekannten wissen seit Jahren, baß bei uns Trink­gelder verpönt sind, und die Vertrauten sagen mir oft:

Wir freuen uns über jede Einladung bei Ihnen doppelt, schon weil es keine Trinkgelder kostet, die in besseren Häusern jetzt so hoch sind, daß man sie kaum noch er- schwingen kann."

Die Menschen sind so au bas Trinkgeldgeben gewöhnt, daß neulich ein Herr, der in unserem Hause noch fremd war, in Gegenwart meines Maimes, der ihn hinaus­begleitete, in seinem Portemonnaie nach einem geeigneten Geldstück für das Trinkgeld herumkrabbelte.

Fehlt Ihnen etwas?" fragte mein Mann

Ach ich möchte nur dem Mädchen" stotterte er verlegen.

Hier ist kein Wirtshaus", gab mein Mann ernst zurück, worauf sich der betreffende Herr mit einemVerzeihen Sie", empfahl.

Als er nach einigen Tagen bei uns Besuch machte, entschuldigte er sich und sprach sein Vergnügen darüber «ms, daß mein Mann so energisch seine Hausehre gewahrt.

Die Unsitte der Trinkgelder, meinte er, hätte aber schon so überhand genommen, baß man selbst gar nicht mehr das Unwürdige, das im Geben und Nehmen liege, empfinde.

Ist es nicht haarfträubeub, wenn man beispielsweise ein paar Stubenten zu sich einlabet ober eine junge Künst­lerin, einen Maler, den man vielleicht protegieren will, oder sonst jemand, dem man Gelegenheit geben möchte/ sich im geselligen Kreise zu freuen, daß er sein Abend­essen mit einem Trinkgeld bezahlt, das ihm vielleicht teures wird, als wenn er sich sein Abendbrot gekauft Hätte? Aber nicht nur der Unbemittelte seufzt unter der Plage, sondern der Mittelstand und auch die Reichen empfinden es als eine, Last, immerfort Trinkgelder geben zu müssen, die int Laufe des Winters ein kleines Vermögen repräsentieren.

Ich weiß, daß in Berlin, Leipzig und anderen Städten 10 Mk. und mehr Trinkgeld von einzelnen Personen bei hochoffiziellen Abendessen gezahlt werben, bie der Diener mit unbewegtem Antlitz, stolz wie ein Fürst, entgegennimmt.

Ist das nun Unfug ober nicht?

Man gebe seinen Dienstboten einen anständigen Lohn/ so daß sie keine Trinkgelder brauchen, und wenn der Lohn/ den du mehr zahlst, auch vielleicht lange nicht zu der Höhe der Trinkgelder hinanreicht, die sie vielleicht in deinem Hause erhalten hätten, du wirft keinen Dienstboten dadurch verlieren. Menschenwürde bei ihnen wecken ist auch ein Geschenk, das ihnen niemand bezahlen kann. Die Trink­gelder auf Reisen und in Hotels und anderen öffentlichen Verkehrsanstalten können wir nicht so ohne weiteres ab* schaffen, in unserem Hanse aber sind wir die Gebietenden, Das ist unser Feld, und das zu beackern, ist unsere Ausgabe.

Im Hanse liegt der Lebensnerv für das große Ge­triebe in der weiten Welt. Wenn jede Fran, die gesellig lebt, beit Versuch machen würbe, die Trinkgelder in ihrem eigenen Hause abzuschaffen, sie würde bald nicht mehr darüber zu klagen haben, daß der Winter so viel Trink­gelder kostet wie eine kleine ©ommerreife.

Ist das Trinkgeld erst in den Familien, in den Privat­häusern abgeschafft, so können wir auch daran denken, bis allgemeinen Trinkgelberfragen zu lösen, so lange ist alleH Reden eitel Spreu.

Daß es möglich ist, hat mir die Praxis gezeigt. Ein großer Teil unserer Bekannten ist durch unser energisches! Vorgehen gegen die Trinkgelder im eigenen Hause veranlaßt worden, es uns gleich zu tun.

Zuerst war es ihnen Wohl peinlich, daß wir bei ihnen Trinkgelder zahlten, während sie bei uns nie Gelegenheit dazu hatten, trotzdem sie vielleicht öfter bei uns zu Gast waren, als >vir bei ihnen. Der Hausherr raffte sich also auf und schloß uns bie Haustür auf, während der dienstbare! Geist in die Küche verbannt wurde. Bald aber machte es der Hausherr nicht mir mit uns, sondern auch mit seinen anderen Gästen so, und jetzt haben wir die Freude, baß schon eine ganze Reihe bekannter Familien in ihrem eigenen Hause fein Trinkgeldergeben dulden.

Wer arbeitet in diesem Geiste mit uns?

Das ist auch eine Fra nett frage. Wichtiger vielleicht als manche andere, die doch nie gelöst werden kann, wie dis Trinkgelderfrage, bie vom sozialen und wirtschaftlichen Standpunkt von so großer Wichtigkeit für die weitesten Kreise ist.

Nicht dadurch schaffen wir die Trinkgelder ans bep Welt, daß wir selber keine geben, sondern dadurch, daß loir sie in unserem eigenen Hause nicht dulden.

Wer macht den Versuch?

* Merkwürdige Wirkungen der Farben. Im Gil Blas" kiest man: Wie alle andern Dinge dieser Welt, haben auch die Farben ihre guten und ihre bösen Etgeit- schaften. Es ist ja wohl allgemein befannt, daß wirim Verkehr mit den Farben" ebensosehr von Sympathien und Antipathien beherrscht werden wie im Verkehr mit den Menschen: Während wir für gewisse Farben eine ausge-