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Camilla! Wo ist! Camilla?
Aber Lecoq hatte zu viele anbett Sachen int Kopf, um sich UM den Star und den voit diesem ausgespwchenett Namen zu bekümmern.
Madame, begann er, ich möchte gerne mit dem Besitzer des Hotels sprechen.
Das bitt ich, mein Herr.
Ach, sehr schön! Also: ich habe mich mit einem' Arbeiter aus Leimig verabredet, mich' mit ihm in Paris zu treffen. Ich wundere mich sehr, daß er noch nicht gekommen ist und möchte fragen, ob er nicht vielleicht bei Ihnen abgestiegen ist. Er heißt Mai.
Er hätte Sonntag abend ankommen müssen... Es ist ein 'armer Teufel.
Das Gesicht der Frau hellte sich auf und sie rief:
Warten Sie doch! Ist vielleicht Ihr Arbeiter ein Mann in Mittleren Jahttn, von Mittelgröße, sehr dunklem Haar und Bvll- bart und mit sehr lebhaftetr Augen?
Lecoq zitterte. Es war die genaue Beschreibung des Mörders.
Ganz recht! stammelte en. So sieht mein Mann ans.
Jawohl, mein Herr, er ist am Nachmittag des FaschingZ- fonntags bei mir eingekehrt. Er verlangte ein sehr billiges Zimmer, und ich zeigte ihm eins im fünften Stock. Da der Kellner gerade nicht da toar, so wollte er dtirchaus seinen Koffer selber hinauftragen. Er tat es auch. Ich bot ihm an, er möchte etwas zu sich nehmen; er schlug das aber aus unter dem Borgeben, er hätte es sehr eilig. Hierauf ging er fort, nachdem er mir zehn Franken Angeld gezahlt hatte.
Und wo ist er? fragte Lecoq eifrig.
Mein Gott, lieber Herr, der Manu ist nicht wiedergekommen, N'nd ich bin darob einigermaßen in Unruhe. ! Paris ist so gefährlich für Fremde. Merdings spricht er französisch wie Sie itnb ich. Doch gleichviel, ich hctbe schon gestern abend Auftrag gegeben, daß dem Polizeikommissar Meldung gemacht würde.
Gestern! dem Kommissar?
Ja. Nur weiß ich nicht, ob der! Auftrag auch ausgeführt ist. Ich hatte es vergessen. Gestatten Sie, daß ich dem Kellner klingle, um ihn zu fragen.
Wäre Lecoq ein Eimer eiskalten Wassers aus einer Höhe von zehn Metern über den Kopf gegossen worden, so hätte ihn dies Nicht mehr erstarrt als die Erklärung der Besitzerin des Marien- dnrger Gasthofes. Also Hätte der Mörder doch die Wahrheit gesagt? War das' möglich? Dann hätten also Gsvrol und der Direktor des Untersuchungsgefängnisses recht. Dann waren also Segmüller und er, Lecoq, hirnverbrannt und rannten Seifenblasen nach! Die wunderbare Reihenfolge scharfsinniger Schlüsse Hatte also ein Loch bekommen; das schöne Gerüst der Anklage brach zusammen, und es blieb nichts übrig als eine lächerliche platte Wirklichkeit. Dies alles schoß wie ein Blitz dem jungen Beamten durch den Kopf. - „
Aber er! hatte keine Seit, lange nachzudenken. Der herbei- genifene Kellner erschien, ein gutmütig dicker Bursche mit vollen Backen und aufrichtigem Gesichtsansbruck.
Fritz, ftagte die Wirtin ihn, sind Sie beim Kommissar gewesen.
Jawohl, Madantt. '
Was hat er Ihnen gesagt?
Ich habe ihn nicht getroffen, aber ich sprach mit seinem Sekretär, Herrn Casimir. Er sagte. Sie möchten sich nicht bcun- kNhigeit; er würde selber kommen.
Er ist nicht bagwefcit.
Der Kellner hob seine beiden Arme hoch und zuckte die Achseln, die beredest« Art, nm, ohne zu sprechen, die Antwort auszudrücken:
Was soll ich dabei machen?
Sie sehen, mein Herr. . . sagte die Wirtin, augenscheinlich tu der Erwartung, daß der hartnäckige Fragesteller nunmehr tzrhen würde. Das war aber nicht Lecoqs Absicht; im Gegenteil, tr rührte sich nicht und sagte:
Das ist recht unangenehm, oh! sehr! Damit bin ich nicht weiter als zuvor und noch viel mehr im. Ungewissen, denn ich glaube wohl, der Mann ist der von mir gesuchte, trotzdem aber habe ich gar keine Gewißheit darüber.
Aber, mein lieber Herr, was soll ich Ihnen denn noch sagen?
Lecoq runzelte die Augenbranen und kniff die Lippen zu- saNkmen, als sachte er krampfhaft nach einem Mittel, nm aus der Ungewißheit herausÄtkommen. In Wirklichkeit suchte er irgend Sine geschickte Anknüpfung, um sich von der Frau das Fremdenbuch vorlegm zu lassen, worin die Gastivirte nach polizeilicher Borschrift Namen, Vornamen, Stand nnd Wvhnort aller von ihnen beherbergten Reifenden eintragen ntüffcn. Er wollte , aber durchaus keinen .Verdacht erregen.
Demnach also, Madame, fing er wieder an, erinnern Sie sich durchnns nicht des Namens, den den Mann Ihnen angegeben! hat? Horen Sie, war es Mai? Bitte denken Sie mal ordenb- lich nach! . . . Mai, Mai!
Ach! ich habe so viele Sachen itt meinen Kopf zu nehinen!
Man könnte wohl, murmelte der junge Kriminalbeamte, indem er tat, als ob er endlich gehen wollte, ja, man müßte eigentlich! die Namen der Reisenden eintragen, wie man es in England! macht.
Aber malt schreibt sie ja ein, mein Herr! versetzte die Frau> unb. sogar jeden Tag, in einem besonderen gedruckten Buch, mit einer Rubrik für jede Frage. Und wirklich da fällt Mr ein, ich kann Ihnen ja, um Ihnen einen Gefallen zu tun, nieiit Buch zeigen; es ist hier, in dem Schubfach meines Schreibpults. Na, das ist schön! Nun kann ich meinen Schlüssel nicht finden!
Während die Wirtin, die augenscheinlich nicht mehr Hirn besaß, als ihr sprechender Starmatz, alles im Bureau durcheinander warf, betrachtete Lecoq sie verstohlen.
Sie Ivar eine Frau von ungefähr vierzig Jahren, sehr blond- wohl erhalten, wie alle Blonden, wenn sie sich erhalten, d. h. frisch, weiß, mollig, gesund und rnndbusig, appetitlich wie eine jener schönen reifen Früchte, deren Saft einem die Lippen entlang läuft, wenn man hineinbeißt. Uebrigens war ihr Blick frei nnd offen, ihre Stimme wohlklingend, ihr ganzes Benehmen einfach und vollkommen natürlich.
Aha! rief fie endlich triumphierend, da ist ja dieser verflixte Schlüssel!
Sofort öffnete sie ihr Schreibpult, nahm das Fremdenbuch heraus, legte es auf die Platte und begann zu blättern. Sie benahm sich dabei ziemlich linkisch, so daß Lecoq mit seinen! Luchsaugen konstatieren könnte, daß das Bilch gut imstande gepi halten ivar.
Endlich kam sie an das Betreffenbe Blatt und sagte:
Sonntag, dien 20. Februar, sehen Sie hier, mein 5>err,: hier aus der siebenten Reihe; „Mai, ohne Vornamen, Jahrmarkts^ künstler, von Leipzig kommend, ohne Papiere".
Während Lecoq mit ganz verblüffter Miene diese Eintragung prüfte, fiel der Frau noch etwas ein und fie rief:
Ach, jetzt weiß ich auch, warum ich diesen Namen „Mai" und auch dieseir komischen Beruf „Jahrmarkisküitstler" nicht im! Gedächtnis behalten hatte. Ich habe diese Eintragung nämlich nicht selbst gemacht.
Wer denn sonst?
Der Mann selber, mein Herr, während» ich zehn Franken! zusammensuchte, um ihm auf seinen Louis hemuszngeben. Sie müssen doch sehen, daß cs eine ganz andere Handschrist ist, als die Eintragungen darüber und darunter.
Ja, Lecoq sah es, und das war eilt unwiderlegliches Argto- ment, kurz und knapp, nnd es traf ihn wie ein Stockschlag.
(Fortsetzung folgt.)
Die Trinkgelder.
Ein Mahnwort an die Frauen von Anny' Wothe'. Nachdruck verboten.
Das Gesellschaftsleben hat seinen Anfang genommen. Wir sind Gäste beim Bankier, beim Gerichtsrat und dem! Professor, in Kaufmanns- nnd Offizierskreisen. Ueberall spielt das Trinkgeld die gleiche Rolle; überall, wohin man auch kommt, muß man sein Abendessen oder sein Diner bezahlen. Und das nennt die Welt Gastlichkeit! Es ist schon genug über die Unsitte der Trinkgelder gesprochen und. geschrieben worden und, dagegen zu Felde ziehen, ist eigentlich eilte ganz nutzlose Sache, wenn man nicht Mittel und Wege findet, diese Unsitte mit allen Wurzeln auszurotten. Das kann aber weder der Hotelwirt, noch der Kellner, der mehr oder minder darauf angewiesen ist, von den Trinkgeldern zu leben. Auch nicht von: grünen Tisch aus läßt es sich erreichen, sondern die Trinkgelder aus der Welt schaffen, können nur die Frauen.
Die Frau ist Königin in ihrem Hanse. 'Sie bestimmt den Ton, die Sitte, sie gibt das Beispiel, sie allein kann beit Grundstein legen für eine Bewegung, die so tief in alle wirtschaftlichen Verhältnisse eingreift.
Fort mit allen Trinkgeldern! sei zuerst inaT für die Gesellschaftssaison das Losungswort der Frauen.
„Das kann ich nicht," wird mir manche Hausfrau antworten, „da bliebe mir kein Dienstbote im Hanse, und


