Samstag den 2y. August
1908
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Der Dorfkönig.
Lionmn von Karl Böttcher.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
3. Kapitel-
Drei Tage vor Ostern) früh Punkt neun Uhr, hielt im' Gutshofe der Talmühle ein leichtes Körbwägelchen. Merlin thronte auf denk Bock.
Frau Guttermirnn trat mit Irene aus dem Herrenhause und erteilte ihr noch einige Aufträge. Das' junge Mädchen schwärm' sich behende in den Wagen, und sofort zog der Braune an und stürmte die Bergstraste hinaus. — Doch bald verfiel das Trev in Trab rrnd Schritt, so dast sich Merlin zu der philosophischen Bemerkung veranlaßt fühlte: „Ja, ja, —teer zu schnell den Berg 'naus will, — verliert'» Atem!" — Er mochte an ,den wtztenj Nenjahrsmorgen denken, da ihm durch das Lob seines HerrM und durch die Lohnerhöhung alles ini rosigsten Lichte erschienen war, bis Guttermanns Harte ihn bald in sein Knechtesdasern zurückwarf. „ , „„ ,
Irene kehrte sich wenig an des Kutschers dusteres Sinnen. Ihr war heute so wohl und frei zu Mute. Heute bloß? —
Nein, schon seit--seit — —. Sie überlegte genau und
fand, dast sie gerade seit einer Woche so vergnügt war, just zufällig seit dem Tage, an welchem der Baumeister Hennig in das Guttermannsche Haus gekommen war.
Bei diesem Gedanken errötete sie: denn keinesweges mochte sie sich eingestehen, daß Fritz Hennigs Gegenwart ihr die Tage, vergoldete. — Sie vermöchte aber auch die Gedanken an den blonden Hünen nicht zu bannen, denn ihrem' siebzehnjährigen Herzen waren das seltene, kostbare Gedanken.
Sie rekapitulierte die Ereignisse der letzten Tage. , Also gestern war sie mit ihm an dem alten Gemäuer weit brüt tut Walde gewesen, vorgestern hatte sie ihm etwas vorgemolken, vorvorgestern hatte sie ihn das Steinschnellen geleyrt, lenes Kunst- stückchen, flache Steinchen hüpfend durchs Wasser, zu schleudern. Bei diesem Erinnern liest sie ihre Gedanken wetten, das Bild seiner komischen Ungeschicklichkeit niachte sie wieder lachen, und erst das erstaunte Gesicht Merlins brachte sie zur Gegenwart zurück. — Aber diese war auch nicht ztt verachten- In den lachenden Frühlingsmörgen hineinzufahren, um Hugo von der Bahn zu holen, Hugo, ihren Lieblingsbruder, mit dem ire sich stets so gut verstanden, mit dem sie auf dem Heuboden Studentetm lieber gesungen hatte, deM sie ihr Taschengeld so oft gespendet, nut sein kärgliches auszubessern, — diesen Hugo wollte sie heute heimholen: nachdem er sein Matnrum wohl bestanden hatte. Sie freute sich riesig. — Wie er staunen wird, wenn er sie als Mamsell schalten und walten sieht, wie er den Baumeister, ihren Freund, finden wird! _ , ■
Merlin fuhr bis an den kleinen Bahiihof der Stadt; ^rene erwartete ant Gleis' den Bruder. — Als der Zug einlief, entstieg ihm nicht eine einzige Person. Irene war bitter enttäuscht und
müßte die Tränen Niederkämpfen. Sie kehrte zum Wagen zurück, erstaunte aber nicht tvenig, darin ihrer wartend schon den Bruder zu finden. t , . .. ,, '
Hugo war schon aM Abend gekommen und hatte bei ctncnt Freunde geschlafen. Er wollte seine Schwester und sich nicht tiM die schöne Morgenfahrt bringen und war absichtlich Nicht heimgewandert. „ . , , -.
Irene war überglücklich. Auf der Heimfahrt ruckte sie mit des Vaters Plänen bezüglich Hugos Zukunft heraus. ,
„Also du sollst nicht erst auf die Landwirtschaftsschule, sonderst gleich auf ein großes Gut, nm praktisch zu lernen.
„Utid wohin?"
„In die Nähe von Dresden, zu eineM alten Bekannten vom SSater,--du — das wird fein, da besuch ich dich mal---
und — — —"
„M — und?" . .
„Uiid — —। und da treffen wir gewiß auch Fritz Hennig.
„Fritz Hennig?--Unbekannte Größe!"
Das Stichwort war gefallen, und der Rest der Fahrt, das heißt Bicrfünftel, ward deut Baumeister gewidmet. Irene wurde sehr mitteilsam und erzählte dem Bruder Wort für Wort, was sie von dem Baumeister gehört hatte; v'on Dresden und deM König, vom Hoftheater und von Hentiigs Wohnung — iind zwar so ausführlich, daß Hugo schließlich fragte, ob sie etwa während, seiner Abwesenheit einmal in Dresden gewesen sei?
Hugo wär trotz seiner Jugend ein feiner Beobachter, und ihm entging nicht die Begeisterung für den Baunleister, die aus jedem Worte der Schwester leuchtete.
Ihm lag nichts ferner wie der krämtrhafte, nur aus Ge- winn gerichtete Geist sciiics Vaters. Alber er kannte diesen zu genau, darum fragte er unvermittelt: „Hat denn dein Ban- meister Vermögen?"
Mit einem Schlage ward Irene ernüchtert. Diese profane Frage hatte den Ninibus ihrer jungen Bekanntschaft jäh zerstört, und bestürzt blickte sie dem Bruder ins Antlitz. Nicht tnt mindesten klar über die Art der Gefühle, die ihr siebzehnjähriges Herz für Fritz Hennig hegte, war ihr auch nicht entfernt die ^dce gekommen, daß der tägliche Verkehr mit dem Baumeister Konsequenzen zeitigen mußte. — lind nun war der Schleier der noch nicht bewußten Liebe mit einemmal zerrissen, und durch die Fetzen grinste das harte Antlitz ihres Vaters. — Das, was ihr bis jetzt romantisch erschienen war an Fritz Hennig: daß er sich aus Ureigenem emporgearbcitet, daß seine Mutter in Meißen eine kleine Pension besitzt,--das stieg jetzt wie eine trennende
Wand zwischen ihr und Fritz Hennigs auf. ,
Denn daß ihr Vater nie fragen würde: Was ist er und wie ist er? — sondern nut: Was hat er und was kriegt er noch? — daran zweifelte sie nun nicht einen Augenblick Mehr.
Irenes Gedanken waren mit einem Schlage trübe geworden, und schweigend hing sie ihnen nach.
Hugo erkundigte sich bei Merlin nach Magda. — Das war Wasser auf des Kutschers Mühle und halbrückgewendet nach dem Fonds des Wagens erzählte er von seiner Tochter. — ^n iedem Briese lasse sie den jungen Herrn grüßen und wenn sie stach


