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Dresden kam'e, würde sie auch toieder einmal nach der Talmühle fahren.
„Nach Dresden?" fragte Hugo interessiert.
„Gewiß, — mein Bruder zieht ganz nach Dresden und da muß Mazda natürlich mit!"
„Natürlich — natürlich!" pflichtete Hugo bei und machte int stillen schon seine Pläne-
Als etwa eine Stunde spater der alte Gutterinann seinem heimgekehrten Sohne im Arbeitszimmer gegenüberstand, hatte er sich auf eine erregte Szene gefaßt gemacht-
„Aus deinen phantastischen Studierplänen wird natürlich nichts r---er hielt inne, schon das Wort bereit, mit dem
er den erwarteten Widerspruch niederkämpfen wollte. — Da aber Hugo schwieg, fuhr er fort: „Du gehst nach Reichenberg bei Moritzburg auf das-Gut meines Freundes Jllgen, nm die Landwirtschaft gleich praktisch zu erlernen!"
„Gewiß, Vater; — und da ich ja gebildet genug bin, mich für mich mit der Theorie der Landwirtschaft zu beschäftigen, wäre ein Besuch einer solchen Schule nur Zeitvergeudung!"--
KutternÄnn traute seinen Ohren nicht- Diese Bereitwilligkeit kam ihm unnatürlich, säst unheimlich vor- Darum sagte er noch: „Denke aber nicht, daß du dort den Herrn spielen kannst. — Jllgen ist von mir genau instruiert: Du sollst einfach nur lernen stnd viel lernen; wirst dich keiner Arbeit scheuen-"
„Keiner Arbeit scheuen," echote Hugo mechanisch.
„Wirst dort sein tote ein Knecht!"
Hugo zuckte zusammen, das Blut schoß ihm zu Kopfe und £te Fäuste krampften sich; — schon öffnete er den Mund zur heftigen Rede, aber da stieg vor seinem Geiste ein Bild auf: ein blondlockiges Mädchen mit lachenden Augen und knospender Brust und schneeweißen Perlenzähnchen. — Seine Lippen -preßten sich aufeinander und zwischendurch schob sich; „Wie ein Knecht!"
Guttermann triumphierte-
„Das nenne ich Erziehung!" dachte er und jetzt kam das Gesühl gewallt, was ihn so erhob: ein Herrschergefühl, — die ®renbe am Befehlen und die Freude, wenn man sich duckte vor fernem eifernen Willen- In seinem Reiche war er König. In Dorf und Fabrik und Gut und Familie unumschränkter Herrscher, Und der Spitzname, den der Haß seiner Untertanen geprägt, war für ihn Sphärenmusik- — Womit sie ihn beschimpfen wollten — das wollte er fein: Der Dorfkönig.
4. Kapitel.
Irene Gutternrann war begierig, Hugos Urteil über den Baumeister zu hören---
Fritz Hennig saß wieder in der Lattenlaube unter feinen Fenstern, als Irene und Hugo in das Gärtchen traten-
Die beiden Herren stellten sich formell vor, und Hennig Kat dre Geschwister, ifnri Gesellschaft zu leisten-
iEs wollte fein Gespräch so recht zustande kommen- Irene gemerte sich ein wenig vor Hugo und verschloß ihre sonst so bibhende Fröylichkeit, und Fritz Hennig erblickte in ihrem Bruder zunächst nur den Herrensohn- Er war vorsichtig genug, erst zu andreren, ehe er aus feiner Reserve hervorging. Hugo fragte, vb sich der Baumeister von der einzurichtenden Holzschleiferei und Papierfabrik etwas verspräche-
„Aber gewiß, Herr Guttermann; — denn erstens mangelt s noch an solchen Betrieben, und die sich immer steigernde Nach- rage verlangt Massenproduktion, — und zweitens sind in Ihrem!
dre Rohprodukte und Arbeitskräfte so spottbillig zu haben, raß Sie schon nach dem 2- oder 3. Jahre mit größtem Gewinn arbeiten werden!"
,,^a, Hugo, totr haben eine Menge Holz in unseren Wäldern!"
„Ehe allem diese Tausende von (Stämmen, die der Schnee- brpch geliefert hat, verarbeitet sind, können Jahre vergehen," sagte Hennig, und Hugo fragte: „Haben Sie die Verwüstung Vt den Wäldern betrachtet?"
... "M Staunen! - Ihre Fräulein Schwester war so liebenswürdig, mich durch den Urwald zu geleiten als kundiger Pfad- P£?CT; ,..E sage Ihnen, das macht einen furchtbaren Eindruck, Wb, tm Stämmegewirr und diese bizarren
Wurzelbildungen. Wie das Bild einer grausigen Schlacht erschien
Tritt*
„Unb ber Schneebruch war nichts anderes als eine Schlacht.
b Silvesternacht wird mir ewig in Erinnerung bleiben: unb Donnern und das Heulen des Sturmes, und Mi.Erker jammerte das Totenglöckchen!"
„Das Tvtenglöckchen? — Was hat es damit für eine Be-- wandtms?" fragte Hennig lächelnd. Aber Irenes Gesicht warb
„Wenn daü in ber Silvesternacht läutet, muß im kommenden Jahre eins int Orte sterben!"
„Das ist so!" bestätigte Hugo.
„Aber meine Freunde, — ich hätte Sie für aufgeklärter gehalten!" sagte der Baumeister heiter-
„Ich bin nicht abergläubisch, doch bis jetzt ist es immer ein- getroffen!" erwiderte Hugo.
„Und der Beweis?"
„Der alte Elan ist durchaus kompetent," ereiferte sich Irene "Wir haben zwar selbst bis letztes Silvester die Glocke noch nie gehört, doch Elan erzählt, vor 17 Jahren, als Merlins Frau gestorben sei, habe die Totenglocke in der Silvesternacht geheult und vor 30 Jahren, als meine Großmutter starb und vor 35 Jähren Beim Tode meines Großvaters!"
„Ist denn Elan schon so lange da?"
„45 Jahre."
„Ja, tote alt ist denn dann dieser treue Elieser?"
„78 Jahre!" sagten Hugo und Jreue gleichzeitig.
„Nichts möglich!"
„Gewiß; — und dazu noch ein alter Kriegsveteran, der noch bei Leipzig und Waterloo mitgekämpst, der dem alten Blücher noch ins Auge gesehen, und vor Napoleon salutiert hat. — Wenn ber erzählt, Herr Baumeister!" — — Das ganze Feuer ber jugendlichen Begeisterung brach burch in Hugo. Er war auf» gesprungen unb stand nun aufrecht mit blitzenden Augen vor Irene und Hennig, als er fort fuhr: „Unb wenn ber brüte Napoleon eä wagen sollte, seine breiste Hanb nach beutschen Gauen auszustrecken --— —
"Der ist ein kranker Manu, mein Lieber. Schauen Sie nur hinein in dieses Herrschers Herz, — dem gelüstet nicht nach Krieg!" beschwichtigte Hennig.
„Aber ber Kaiserin — und denk Herzog Gramont, benen gelüstet es nach deutschem Boden, und ich--ich bin ber erste,
ber sich als Kriegsfreiwilliger mdbet und mit mir sicher viele tausend deutsche junge Männer!"
(Fortsetzung folgt.)
Der Vater der Gsnsffenschasien.
Zum 100. Geburtstage von Schulze-Delitzsch (29. August). Von Eugen Jsolani (Berlin).
(Nachdruck verboten.)
Nicht die politische Bedeutung des Parlamentariers und des Begründers der deutschen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschasten, Hermann Schulze-Delitzsch, soll hier geschildert werden. Die Be- deutung ist umstritten; wie sie von Millionen verneint wird, so ist sie von Millionen anerkannt. Aber gerade das ist ein Beweis dafür, daß Schulze-Delitzsch als Mensch von Bedeutung war, und daß fetn Lebens- und Charakterbild Interesse verdient. „,®er bekannte Parlamentarier Karl Braun-Wiesbaden er» öoylre: ,,^ch bin während eines langen Lebens viel und oft im Ausland gereist, unb mit allen europäischen Völkern, mit Gerden, Mit Romanen, mit Slaven, in vielfache Berührung ge- kommen. Man fragte mich in ber Frembe nach unseren berühmten Mannern m Deutschlanb und setzte mich baburch in ben
Hohenmefiungen inbetreff ber Berühmtheit anzustellen. S® .tmb unter ben beutschen Parlamentariern drei, nach beiten tdj im Anslanbe am meisten gefragt wurde. Die Naturforscher, k^w usw..fragten nach Virchow, die Mämier ber historisch- ^Rlchümg fragten nach Mommsen, und alle fragten nact) Schulze-Delitzsch, obgleich sie selten seinen Namen richtig sch.^Aprechen verstanben. Man kannte die drei Männer als öffentliche Charaktere."
Delitzsch, ber Name, den er seinem Vatersnamen angehängt hatte, war der feines Geburtsortes. Als Hermann Schulze am ^9. August 180o m Delitzsch bas Licht der Welt erblickte, gehörte noch zu Sachsen. Sein Vater war Bürgermeister von Delitzic.) unb ent wohlhabender Mann, ber es sich angelegen sein ließ, ben Geist des aufgeweckten Knaben frühzeitig zu reifen. Und was der Vater etwa zu tun unterließ, bas besorgte bie wild-
^brt der ^ugendjahre Hermanns, in bie bie nationalen rvampse Deutschlands gegen feinen Bebrücker sielen, unb in benen e3 vor allem ein Ereignis war, bas den tiefsten Einbruch auf den Knaben machen mußte: die sächsische Stabt Delitzsch ging im Frieden von 1815 an Preußen über.
Wie mußte bas auf bas Bsürgermeisterssöhnchen wirken! Noch eyl kwar _ Menschenalter spater wußte Schultze-Delitzsch zu er-
dme u-ber den preußischen „Kukuk" sich geärgert
mwe, tote er selbst sich innerlich noch als herantoachsenbier Jüngling gegrnt bas aufgezwungene Preußentum auflsehnte. Er erhielt
a wr -Z.ngendbildung in Sachsen. In Leipzig besucht
b^^,dtieolatschule, .bereit Rektor Robbe „bjer partiknlaristischste £&r ^Hten war. Zu seinen Mitschülern gehörten Karl Ernsts
^^»r des „Buchs vom gesunden und vnSU£K aLVL' ®" Roßmaßler, der volkstümliche, Naturforscher, und L. E, Richter, der später so berühmte Arzt.


