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sesehene Dame in mein Sprechzimmer kant und sich durch meine Behandlung — Gott weiss, mit welchem Rechte — von ihrer Krankheit geheilt glaubte.
Als damals mein Stern im Aufsehen begriffen war, machte ich auch die Bekanntschaft von Georg Maitland, einem jungen Chemiker, dessen Studien mich sehr interessierten.
Als Kind wohlhabender Eltern hatte er niemals die ausgezeichnete Schule der Entbehrung durchgemacht. Sofort nach Erlangung der Universitätsreife studierte er Rechtswissenschaft und wurde Anwalt. Hierbei war er jedoch weniger der eigenen Neigung gefolgt, als einem väterlichen Wunsche, und bald erschien ihm der Anwaltsberuf so widerwärtig, dass er ihn in Wirklichkeit kaum noch ausübte und sich nur mit chemischen Studien beschäftigte. Wenn er auch hin und wieder einen Prozeß annahm, dein interessante wissenschaftliche Fragen zu Grunde lagen, so schluckte er hierbei, wie er mir einmal erklärte, die bittere An- waltspille nur üm des Zuckers der Wissenschaft willen, in den sie gehüllt war.
Dies alles hörte ich erst später von ihm, als wir näher miteinander bekannt geworden waren. Zunächst kam er lvegen eines angeblichen Leidens zu mir, aus dem ich trotz allen Bemühens nicht klug werden konnte; doch setzte ich demungeachtet auf seinen lebhaften Wunsch die Behandlung fort. Erst nach einiger Zeit gab er mir in einer vertraulichen Stunde lachend den Schlüssel zu dem rätselhaften Leiden, dessen mir geschilderte Symptome ich auf keine Weise hatte deuten können. Die Krankheit, die ihn zu mir führte, war einzig und allein das Verlangen, mit mir bekannt zu werden, aber nicht etwa um meiner Person willen, sondern weil ich der Hausarzt von John Darrow und toctl dieser wiederum der Vater von Florence Darrow war!
Mein Patient hatte Florence zum erstenmal bei Gelegenheit einer Gemäldeausstellung zu Gesicht bekommen. Beim ersten Blick hatte sein Leiden begonnen und sein Schicksal sich entschieden; von Stund an hatte sein Tun nur noch das eine Ziel verfolgt, Fräulein Darrow näher zu kommen. Er hatte es verstanden, ihr so oft zu begegnen, bald auf der Straße, bald int Konzert oder in Geschäftsläden, daß er aus ihrem Verhalten bereits ent» nehmen z» müssen glaubte, sie fange an, diese häufigen Begegnungen für etwas anderes als bloßen Zufall zu halten. Endlich war er, wie gesagt, auf ben Gedanken gekommen, durch meine Vermittelung eilte Anknüpfung zu suchen.
Natürlich war ich gern bereit, ihm in dieser Richtung gefällig zu sein, bemerkte aber sofort, es scheine mir das beste, lvenn er zunächst die Bekanntschaft des Vaters mache. Auf meine weitere Frage, ob er Krocket spiele, erwiderte er mir, er rühme sich, in diesem Spiele Meister zu sein. Unter diesen Umständen ergab sich der einfachste Weg, mit dem Vater bekannt zu werden, ganz von selbst. Denn John Darrow stand in der ganzen Nachbarschaft in dem Rufe, geradezu ein Krocketnarr zu sein. Viele Hunderte von Dollars hatte er sich die Ausstattung seines Spielplatzes kosten lassen, der eben jetzt neu ausgeschüttet und frisch hergerichtet wurde. Bälle, Klöppel, Reisen ronren von ausgesuchtester Beschaffenheit, und Darrow selbst verstand es, die Kugeln mit tödlicher Sicherheit an den gewünschten Ort zu befördern.
Maitland und Darrow zusammenzubringen, hielt also nicht schwer; _ die erste kurze Proberolle meines Freundes auf dem Darrowschen Kiockctplatze verlief zur völligen Befriedigung des alten Herrn, und vor lluserm Aufbruch wurdeit Maitland und ich eingeladen, in der folgenden Woche an einer Sechserpartie teilzunehmen.
Der Tag kam. Die Partie bestand, außer Darrow und seiner Tochter, Maitland unb mir, aus zwei jungen Herren, die ich persönlich noch kaum gescheit hatte, wenn sie mir auch den Namen nach bekannt waren. Der jüngere, Clinton Brown, war ein junger Künstler, dessen Porträts anfingen, iit Boston die Aufmerksamkeit weiter Kreise zu erregen, und der ältere, Karl Herne, ein nicht unbegabter Schriftsteller aus dem Westen, dessen Name «sber in den östlichen Staaten kaum genannt würd'.
Bon letztgenanntem Herrn ist nichts Besonderes zu sagen. Mit bett Worten: „Er ivar wohlgebaut, wohlerzogen und auf geistigem Gebiete wohlbewandert" würde man, denke ich, dem Urteile säst aller seiner Bekannten entsprochen haben.
Anders Herr Brown. Mittelgroß, voll Leben und Anmut in allen seinen Bewegungen und selbst int Zustand der Ruhe elastisch, wie eine zum Spruuge bereite Katze, fesselte er eines jeden Blick, der einmal auf ihn gefallen war. Es gibt Gymnastiker, deren einfache Bewegungen langsam ausgeführtc Sprünge sind. Alt einen solchen Athleten erinnerte Clinton Brown. Dabei war sein Gesicht edel gebildet und nur der fast wilde Glanz seiner schwarzen Äugen gab diescnt Gesichte, mitunter einen unheimlichen Ausdruck.
I ®8,tr halten an jenem Nachmittag ein interessantes Spiel, ooch trug sich bis zunt Abend weiter nichts Erwähnenswertes zu wenigstens nichts, was mir damals von Belang schien, wenn ich mich auch nachher erinnerte, daß Darrows Benehmen sonderbar Ivar. Er schien merkwürdig aufgeregt und fuhr einmal nervös zusammen, als ich hinter ihm hustete. Er habe — so gab er vor
in der verwiche neu Nacht einen unangenehmen Traum gehabt, so daß er nicht mehr habe schlafen können, und nun plagten ihn die Nerven.
Als die Dämmerung anbrach, begaben wir uns alle in das Empfangszimmer, wo uns Fräulein Darrow etwas Vorsingen wollte. Das Haus, muß ich hier bemerken, liegt an der Dorchester-Bai. Der Nachmittag war sehr heiß gewesen, aber Bei Sonnenuntergang hatte sich ein kalter Ostwind erhoben, und dieser war bei der noch nicht weit vorgerückten Jahreszeit unserem Wirte unbehaglich; denn er ;aß mit dem Rücken dein offenen, nach Osten gehenden, wenn auch fast zweieinhalb Meter entfernten Fenster zugekehrt. Aufmerksam, wie immer, bemerkte dies Maitland sofort und fragte, ob er das Fenster nicht schließen solle. Der alte Herr schien die Anrede zu überhören und gab erst auf eine wiederholte Frage, iuic aus einem Traum erwachend,' die Antwort: „Wenn es den übrigen nicht zu warm ist, würde ich es bei dem kalten Winde gern bis auf eine Handbreit geschlossen sehen," worauf er wieder in seine Träumerei zu versinken schien.
Maitland konnte das Schiebefenster nur mit einiger Kvast- anstrengung herunterbringen, da es sich int Rahmen klemmte,' und als cs endlich nachgab, geschah dies mit lautem Kreischen, dem das hörbare Anschlägen der Gegengewichte folgte. Bei diesem Geräusch sprang Darrow auf und rief: „Wieder! der gleiche Ton! Ich wußte es doch!" Aber diesmal war Florence schon an feiner Seite, drückte ihn sanft auf seinen Stuhl zurück uud sagte mit leiser Stimme, doch so, daß wir alle es Hören konnten: „Was hast du, Vater?" Statt ihr zu antworten, drückte ihr der alte Herr nur zitternd die Hand, während er zu uns entschuldigend sagte: „Sie müssen verzeihen, meine Herren. Es quält mich ein schrecklicher Traum, die Vorstellung, als täte jemand aus dem Dunkel hervor einen Stoß nach mir. Letzte Nacht hatte ich den Traum zum siebenten Male, und als ich erwachte, hörte ich das Fenster hier öffnen. An dem Ton, den ich eben hörte, ist nicht zu zweifeln, und es ist der gleiche, den itf). in der letzten Nacht vernahm. Ich sprang aus dem Bett, nahm ein Licht und eilte die Treppe hinunter hierher, denn ich fürchte mich vor nichts, !vas meine Augen wahrnehmen können, aber das Fenster tu ar fest geschlossen, wie ich es gelassen hatte! Was meinen Sie, Doktor," fragte er, zu mir gewendet, „sind Träume vorbedeutend ?"
„Ich habe," versetzte ich, nm ihn zu beruhigen, „für meine Person niemals etwas erlebt, was einen solchen Schluß rechtfertigen könnte." Eigentümliche Erfahrungen, die Freunde von mir gemacht hatten, behielt ich für mich, und so wurde er nach und nach wieder ruhig.
Maitland, der über das Gebaren des alten Herrn erschrocken war, ging nun wieder zunt Fenster und schob es etiua fünfzehn Zentimeter in die Höhe. Alle anderen Fenster waren geschlossen, aher die Luft war so frisch, daß die geringe Oessnung zur wünschenswerten Abkühlung der Zimmertemperatur völlig genügter Hieraus forderte Darrow, der offenbar aus die musikalischen Leistungen seiner Tochter nicht wenig stolz war, diese auf, ein Lied zu singen, worauf Florence sich ans Klavier setzte. „Soll ich die Lampe anzünden?" fragte ich. „Ich danke, es ist Iticht nötig," erwiderte Herr Darrow, „Musik klingt in der Dämmerung am schönsten."
Zum Verständnis des folgenden muß ich genau beschreiben, Ivie sich die Anwesenden im Zimmer verteilten. Dieses selbst ist groß, fast quadratisch uud nimmt die südöstliche Ecke des Hauses ein. In seiner östlichen Wand hat cs ein Fenster, eben das, welches um fünfzehn Zentimeter emporgezogen war, und in der südlichen zwei, die beide fest zugemacht und deren Jalousien von ein paar Malern, die am Morgen die Ost- und Südseite des Hauses mit einem frischen Anstrich versehen hatten, geschlossen worden waren. Auf der Nordseite des Zimmers, aber unweit der Westseite, befindet sich eine Rolltür, die zur Zeit fest geschlossen war. Au der westlichen Wand steht das .Klavier, und links davon, unweit der Südwestecke, führt eine Tür in den Hausflur, die ebenfalls geschlossen war. Darrow saß in einem hochlehnigen Polsterstuhl dem Klavier gegenüber, fast in der Mitte des Zimmers. Das ein wenig geöffnete Fenster in der östlichen Zimmerwand befand sich direkt hinter ihm, aber wie bemerkt, in einer Entfernung von fast zweieinhalb Meter. Herne und Brown säßen rechts von Darrow und etwas vor ihm nach der Rolltür zu, Maitland und ich zu feiner Linken zwischen


