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„Hatte er denn große Aufregungen oder seelische Erschütterungen durchzumachen, bevor der Schlaganfall ihn traf?"
„Nein. Mitten in der Wcihuachtsprcdigt, die er vor all' seinen auf Besuch gekommenen Kindern hielt, mitten in dem Satz: „Siehe, ich verkündige Euch große Freude, die allem Volke widerfahren ist," brach er auf der Kanzel zusammen, als wenn ein Blitz auf ihn niedergefallen wäre."
„Der Arme! Gerade ihm hätte ich nach dein heißen Lebenskampf, den er zu bestehen gehabt hat, so recht viel Glück und Sonnenschein gewünscht ans seine alten Tage!"
„Ja, es ist schrecklich. Aber sieh," — Frau Vollrath lächelte beklommen — „wenn das Unglück nicht passiert wäre, dann Hütt' ich dich doch setzt nicht hier bei mir, bann wäre doch hier nie eine Hilfspredigerstelle für dich frei geworden."
Bor dem großen, vorwurfsvollen Blick, mit dem ihr Sohn sie nach diesen Worten ansah, schlug sie betreten die Augen nieder, faßte sich aber rasch und fuhr fort:
„Tas hat der liebe Gott doch nun mal so eingerichtet im Leben, daß des einen Unglück des anderen Glück ist. Also wirds wohl so gut sein. Und ich habe doch wohl gerade genug duvch- gemacht, und du auch, daß uns nun ein bißchen Freude zu gönnen ist."
Ta Heinz noch immer in dumpfem Schweigen stand, trat sic an das neue Plüschsofa, streichelte die Lehne und fragte:
„Du hast noch gar nicht gesagt, ob dir nun alles so gefällt? Aber ich glaube, du hast dir die Sachen noch nicht mal richtig angesehen."
„Aber doch, doch, Mütterchen," beeilte Heinz jich zu erwidern, indem er mit einem flüchtigen Blick die hübsche Einrichtung streifte. „Es ich herrlich, ganz herrlich, viel zu schade für mich. Nun und nimmermehr halt' ich selbst mir so schöne Möbel gekauft. Aber nun hab' ich wohl eine schöne Rechnung bei dir zu bezahlen?"
Fran Vollrath blickte ihren Sohu mit großen Augen erstaunt an,
„Bezahlen? Du bei mir? Tas schenk ich dir doch natürlich alles'"
„Aber du —!" Hecirz ergriff seiner Mutter Hände, die von vieler Arbeit rauh und rissig waren, und küßte sie. „Du Liebe, Einzige. Das kann ich doch gar nicht von dir annehmcn!"
Iran Vollrath lächelte beglückt.
„Ach, es hat mir ja so viel Spaß gemacht, das alles so, ein Stück nach dem andern, für dich anznschaffen. Gerade so ein Stück nach dem andern, wenn mich auch Onkel Nagel immer darum ausgelacht hat. Und bis du heiratest — darauf kannst du dich verlassen —, kauf' ich dir noch eine vollständige Wohnungseinrichtung zusammen; das Geld hab' ich schon im Kasten liegen."
„Aber" — Heinz suchte feine Rührung wieder hinter einem übermütigen Wort zu verbargen —, „wenn ich mir nun eine ganz Reiche zur Frau nehme, dann . . ."
Frau Vollrath sah ihren Sohn groß an.
„Das ist doch man dein Spaß," entgegnete sie, sichtlich betreten; „ober . . . aber nein, du nimmst ja doch keine andere als Martha Bartikow."
Heinz b.iß die Lippen zusammen und starrte träumend ins Leere. Wie eine Vision, sieghaft, berückend, war wieder das Bild seiner schönen Eoupagenossin vor seinem geistigen Auge auf- gctaucht.
Frau Vollrath zupfte pn ihrer Schürze.
„Aber nun muß ich 'raus, mein Schwein und meine Ziege besorgen, auch den Hühnern Futter geben," sagte sie. „Paß mal derweile 'n bißchen nach'm Laden auf. Wenn einer kommt, rufst du mich, lind nachher koch ich uns Kaffee. Zwetschenkuchen hab' ich auch gebacken, weil du den doch immer so gerne ißt." Eilig trippelte sie zur Tür.
Heinz sah ihr rach! und sah noch nach her Tür, als diese sich schon hinter der lieben Gestalt der Davoneilenden geschlossen hatte.
Ja . . ._fo wie seine Mutter, dachte wohl auch Martha Bartikow selbst. Hatte er ihr denn eigentlich ein Recht dazu gegeben? . .
Während er über diese Frage nachdachte, trachtete er, das Antlitz des Mädchens, das seine Gedanken beschäftigte, aus dem Tunkel der Erinnerung in die Helle seines geistigen Blickes zu rücken; aber sein Bemühen war umsonst. Zlvar wußte er, daß Martha Bartikow blond war und rosige Wangen und blaue Augen hatte; aber das Bild, das ihm vor Augen stand, nicht wcgzu- wischen, unaustilgbar, war das Bild der schönen Amazone im dunklen Haar und goldschimmernden Mantel, wie sie mit hochmütiger Miene die Peitsche über den blanken Viererzug hin- jchwippeu ließ.
Zweites Kapitel.
Als Heinz Vollrath am nächsten Vormittag in das weiße, lindenüberschattete Pfarrhaus kam, empfing ihn die Frau Pastor Reichardt, eine kleine, sehr korpulente Fünfzigerin, mit so gemessener Höflichkeit, daß er sich sofort sagen mußte: „Sie sieht in dir nicht den dienstbereiten, freundwilligen Gehilfen, sondern den gc- fährlichen Nebenbuhler, der gekommen ist, ihren kranken Mann vollends aus seiner Stellung zu vertreiben." Und doch — mit so hohen Plänen Heinz auch der ihm bevorstehenden Tätigkeit in seinem Heimatdorfe entgegengiug, so hegte er doch ganz gewiß keinen innigeren Wunsch, als daß Reichardt so bald wie möglich in voller Gesundheit und Kraft sein seelsorgerisches Amt wieder selbst möchte versehen können. Tenn war Heinz schon an und für sich ein Mensch, der sich durch alle Verlockungen des heute mit tausend Zungen gepredigten, „allein seligmachenden" Egoismus zur selbstlosen, wahrhaft christlichen Nächstenliebe durchgerungen hatte, so kam hier noch hinzu, daß er sich dem älteren Kollegen zur tiefen Dankbarkeit verpflichtet fühlte. War dieser es doch gewesen, der die alten Vollraths erst auf den Gedanken gebracht hatte, ihren begabten Sohn von der Volksschule weg aus's Gymnasium zu schicken, und hatte er sich doch, trotz all' der vielen Lasten, die auf seinen Schultern lagen, die schwere Mühe nicht verdrießen lassen, Heinz in einem halben Jahre in Latein und Mathematik für Quarta reif zu machen, damit der damals Zwölfjährige. nur ja die ersten beiden Gymnasialklassen überspringen könnte.
Und wie er seinem Schützling int weiteren Verlauf der Schul- und Studienjahre noch manches liebe Mal mit Rat und Tat zur Seite gestanden hatte, so war auch das auf seine eigenste Initiative zurückzuführen, daß Heinz, und nicht irgend ein beliebiger anderer Kandidat, ihm für die Zeit seiner Krankheit als Hilfs- Prediger beigegeben wurde.
So war Heinz denn aufrichtig froh, Reichardt in besserem Zustand, als er zu hoffen gewagt hatte, und in sehr zuversichtlicher, zukunftsfreudiger Stimmung anzutreffen.
„Gott segne deinen Eingang, mein Sohn," rief der Alte dem die Schwelle Ueberschreiteuden mit lauter, wenn auch etwas schwerfälliger Stimme zu, beugte seine Hünengestalt mit offenbarer Anstrengung im Lehnstuhl vor und streckte Heinz die vom Schlagflnß verschont gebliebene linke Hand entgegen, soweit er nur irgend reichen konnte.
Heinz sah das schneeweiß gewordene Haar des, verehruugs- würdigen Greises, er sah die krankhaft fahle Blässe, die das glattrasierte, scharfkantige, magere Antlitz bedeckte, und die tiefen Runzeln, die das harte Leiden um den schmalen Duldermund und nm die großen, Hellen, ein wenig geisterhaft blickenden Augen eingegraben hatten, und impulsiv führte er die ihm zum Willkommen dargebotene Hand an die Lippen.
In Reichardts Mienen zuckte es, halb in Freude, halb in Schmerz, als er dem jungen Amtsgenosscn die Hand wie zum Legen auf das braune Haar legte.
(Fortsetzung folgt.)
Kelmuil) von Lovlen.
Roman von Ursula Zöge von Manteuffel. (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„•Sie machen mich traurig, Wilhelm. Ich bin es, die das zerstört hat. WaS soll ich tun? Ach, da ist nichts zu tun, nichts."
Er lächelte nur und sagte leise: „Sic sollen meinen Liebling doch noch jubeln sehen. Und was dann, Anne Marie?" Sie antwortete nicht und ging rascher.
„Trautchen! Sie sind frisch und schön, wie eine weiße Hyazinthe. Nun kommen Sie! Adieu, mein Freund, auf Wiedersehen !"
Es war eine lange, heiße Fahrt, aber Edeltraut ließ auch das schweigend und ohne Bemerkung über sich ergehen. Sie saß in ihren leichten Mantel gehüllt, den weißen Basthut hatte sie sich in die Stirn gezogen. Tas Pony trabte fleißig und ein kleiner silbergrauer Pintfcher begleitete das Gefährt. Die Sonne schien von wolkenlosem, indigoblauem Himmel. Ter Wind hatte sich ganz gelegt und der Staub, welcher unter den Rädern hervorquoll, wälzte sich langsam über die Straße. Von den Pappeln hingen die Blätter regungslos herab und im Grase schrieen die Grillen. Cdeltraut blickte unwillkürlich prüfend über ihre FeEier hin, denen Regen. nottat. Dann dachte sie bitter: Meine Felder? Darf ich das wirklich noch sagen?
Anne Marie sprach- von Zeit zu Zeit, um das Schweigen zu unterbrechen. Sie tonte, daß mau in Bardes grade zum


