Ausgabe 
29.4.1908
 
Einzelbild herunterladen

Mittwoch den 29- April

1908

Wfc''

Wirket, so lange es Tag ist.

Roman von Maximilian Böttcher.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Auch Frau Vollrath wurde der Weg weder lang noch sauer; denn was hat eine Mutter den einzigen Sohn, von dem sie jahrelang durch Meere und Länder getrennt gewesen, nicht alles zu fragen, wie oft muß sie ihm nicht verstohlen in die Augen blicken, um darin zu forschen, ob er auch froh und glücklich ins Leben schaut, oder ob irgend ein heimlicher Kummer ihu dviicken mag.

Daheim aber in ihrem kleinen einstöckigen Häuschen, das der Schule gerade gegenüber im Mittelpunkt des Torfes lag, be­kam sie cs doch gewaltig mit der Eile, die Tür ihres Ladens aufzuschließcn und nach allen Seiten hin Umschau zu Ijalten, ob nicht irgend ein einkaufsbegieriger Künde, der etwa eben erst vergeblich ihre Klinke niedergedrückt, sich noch in der Nähe befände und durch einen einladenden Ruf verhindert werden könnte, fein Geld zur Konkurrenz zu tragen, die audj. in Fichtenwalde üppig blühte. Erst nachdent sie sich überzeugt hatte, daß im Augenblick nichts zu versäumen war, kehrte sie in ihr kleines, mit spartanischer Einfachheit ausgestattetes Wohnstübchen zurück, in das hinein ihr Heinzens männlicheschöne, mit vornehmer Schlichtheit gekleidete Gestalt garnicht zu passen schien.

Junge, Junge," sagte sie mit einem ängstlichen Blick ans die niedrige, rissige Decke,mir scheint, du bist noch gewachsen, und aussehen tust du wahrhaftig wie ein Graf. Aber komm mal, ich will dir was zeigen."

Mit einem Schelnrenlächeln, das ihrem Runzelgesicht sonder­bar genug anstand, nahm sic den Arm ihres Sohnes und schob ihn in das angrenzende, weit geräumigere Zimmer. Das hatte dem alten Vollrath, der nach einer im sechziger Kriege davon- gctragenen Invalidität Ovtsvorsteher, Standesbeamter und Schieds­mann gewesen, dereinst als Bureau gedient, war aber nach seinem Tode so gut wie gar nicht mehr benutzt worden.

Erstaunt, beinahe fassungslos blieb Heinz auf der Schwelle stehen.

Von dem dreiarmigen Kronleuchter utj der Decke bis zu dem Axminsterteppich, der den frischgestrichenen Fußboden verhüllte, prangte der ganze Raum in funkelnagelneuer Einrichtung; und die beiden hohen Bücherschränke, der große, breite Schreibtisch mit der Statue des gekreuzigten Christus darüber und das Har­monium alle Möbel aus dem gleichen dnnkeltönigen Nuß­baumholz gefertigt ließen keinen Zweifel, für wen all' die blanke Herrlichkeit bestimmt war.

Mutter, was gibst du für Geschichten an," sagte Heinz, der seine Rührung hinter der Maske des Humors zu verbergen suchte,das sieht ja ivahrhaftig aus, als wenn du auf deine alten Tage noch mal heiraten wolltest."

Naseweis du," antwortete Fran Vollrath lächelnd und machte mit der Hand eine Bewegung/ als wenn sie Lust hätte, ihrem großen Jungen einen Klaps auf den Mund rn geben. Dann

aber fuhr sic leise, beinahe schüchtern fort:Daß du nämlich drüben bei Onkel Nagel wohnen willst, das inöcht' ich nicht, weil unser Schulhaus doch schon 'n bißchen sehr baufällig ist und vor allen Dingen mächtig feucht Onkel hat sich gehörig 's Reißen geholt in der ollen Bude, und zu 'nem Neubau hat die Gemeinde natürlich- kein Geld, und der Herr Kommerzienrat vom Schloß erst recht nicht" hier klang wieder bittere Ironie durch ihre Stimme,na und gegen die Art, wie die Lene drüben die Wirtschaft führt, ließe sich auch manches sagen . . . Und dämm hab' ich gedacht, du solltest einfach bei mir bleiben. Es wär' das so hübsch, und du hättest daun doch auch gleich deine vernünftige Ordnung."

Heinz schüttelte den Kopf.

Auf keinen Fall, Mütterchen. Du hast mit deinem Laden und deiner Wirtschaft doch wohl gerade Arbeit genug!"

Ach, das bißchen Esscnkocheu und Reinmachen für dich be­sorg' ich schon noch mit."

Nein, nein! Ich denk' nicht dran, dir zur Last zu fallen."

Red' doch nicht solchen Unsinn! Zur Last fallen! Was das heißen soll!" >

Heinz'legte den Arm um die schmächtige Gestalt seiner Mutter, zog ihren Kopf an seine Brust und streichelte ihr dünnes, graues Haar.

Gib dir keine Mühe, du Gute, du Beste. Ich tu's nicht. Nun und nimmermehr. Aber weißt du, was ich oft gedacht hab' in dien Jahren, da ich fort war? Dn solltest dein Geschäft auf­geben und mit mir ins Schulhaus rüberziehen. Wenn mein Ge­halt auch nicht groß ist, für uns beide reicht's schon zu."

Frau Vollrath machte sich beinahe unwirsch aus der Um­armung ihres Sohnes frei.

Dn bist nicht recht gescheidt. Zur Ruhe soll ich mich setzen mit fünsundsechzig Jahren? Das wär' mir was. Zehn Jahre später, mit fünfundsiebzig wenn mir der liebe Gott so lange das Leben schenkt können wir eher mal drüber reden. Vor­läufig muß ich noch sparen. Ich muß immer dran denken, wie schwer du dich nach Vaters Tod mit Stundengeben und so durch die Universität quälen mußtest, und darum hab' ich mir's in den Kopf gesetzt: So viel will ich noch zusammenraxen, daß dein Sohn, wenn du mal einen haben wirst, von meinem Hinterlassenen studieren kann, ohne daß du darum knausern und jeden Pfennig dreimal umdrehen mußt, wie Pastor Reichardt, dem die Sorge um seine Jungens durch sechs Jahre nicht erlaubt hat, daß cr sich mal einen neuen Anzug machen lassen konnte."

Heinz war sehr ernst geworden; mit trübe verschleierten Augen blickte er ins Leere.

Wie geht es Reichardt jetzt?" fragte er;steht's immer noch nicht besser mit ihm?" i

Fran Vollrath zuckte die Achseln.

Seinen Verstand hat er ja wieder," antwortete sie,und die Sprache auch, mitunter wenigstens, aber die Lähmung der rechten Seite wird sich wohl nicht mehr kurieren lassen, wie Doktor Schröder meint, wenn Reichardt selbst ja auch natürlich immer! noch hofft und hofft."