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And jeA lvatt er nun schott seit mehreren Wochen wieder in Klippingen, ganz Menst, ganz militärische Interessen, früh in den Reitbahnen oder im Feld, abends mit den Kameraden im SchützenhanS nm Schwanenteich, ivo sie von Manöver,,, Rennen, Bällen, Verlobungen sprachen, und er, wie immer, der All­beliebte, Gesuchte war. Wer ihn nicht genauer kannte unb der Grundzug seines Wesens lvar sehr wenigen bekannt mußte glauben, daß nach wie vor all feilt Denken und Wollen in seinem Svldatenbcrns wurzelte, und das Zukunftsbild, dereinst nn der Spitze seines Regiments zu stehen, unentwegt vor ihm stand. Das war ja vielleicht auch noch so, nur sah er Kbt dies Zukunftsbild gleichsam in einem Spiegel, dessen Glas, zersprungen, das Geschaute verzerrt und gebrochen wiedcrgab. Ihm war manchmal so seltsam zu Mut, als sei er tot und blicke von oben auf seine einstige Gestalt zuruck, die, noch mcht vernichtet, ein mechanisches Scheinleben führte.

So lange er ine Dienst überhaupt i» Aktion war, kam ihm diese Vision nicht, aber allein mit sich überfiel ihn oft «ine tödliche Erschlaffung, so groß, daß sic ihm den gesunden Schlaf raubte.

Schnadewitz war derjenige, der, außer dem Obersten, das alles ahnte, aber seht zu sehr von seinen Bräutigamspflichten und -gefühlen in Anspruch genommen war, um für wachsame Beobachtung Zeit zu finden. Für das, was er sah, fand sich bald eine etwas sonderbare Erklärung.

Ein blutjunger Leutnant, der Verwandte in Braunstadt hatte, war kürzlich ans einige Tage nach Schlesien gereist, um eine Hochzeit mitzumachen und brachte unter dem Siegel der Verschwiegenheit die interessante Nachricht mit, die schöne Ada von Valois habe seiner Taute Landrälin angebeutet daß sie sich nicht entschließen könne, dem Rittmeister von So liiert ihre Hand zu reichen. Da hier niemand die als Schönheit posierende Tome kannte, glaubte man an einen Korb, und wenn Loyseir nicht ganz so frisch und fröhlich wie sonst ins Zeug ging, sah man sich verständnisvoll an, und seine Leutnants, die beide für ihn schwärmten, murmelten:dumme Gans!"

Schnadewitz kam wie immer nach dem Dienst ans zehn Minuten in Loysens Zimmer er wohnte im selben Hause nm ihn zmn Frühstück abzuholen. Unter anderen Umständen wäre es Lohse» ein Gaudinue gewesen, diesen Wunderlichen in seinem Glück zu sehen, jetzt empfand er dies Glück nur als eine Schnadewitzens Aufmerksamkeit ablenkende Wohltat. Er brauchte selber gar nicht zu reden, das besorgte Schnadewitz. Zwar war der -immer furchtbar verlegen und brachte alles stolpernd vor aber reden mußte er. Helenens Nachgiebigkeit, Helenens Sanftmut, Helc- itenS Fleiß, Pflichtreue, Opferwilligkeit, das waren unerschöpfliche Themata und dem sonst ewig Spöttelnden lauter Wunder und Offenbarungen. Er konnte sich keinen besseren Zuhörer wün­schen. Loysen kämpfte nicht einmal mit einem Lächeln. Der Humor war ihm abhanden gekommen.

Tie einsamen Ritte durch Dobraner Revier waren ihm jetzt durch das einige Grübeln über den Konflikt in ihm- zu einer Marter geworden. Anfangs ging es immer ganz gut. Er ritt lange vor Begin» des Dienstes schon aus, mit dem Vor­satz, alle Albernheiten in den Wind z» schlagen und zu genießen, jvas ihm Labsal war. Der junge Mvrgenglanz färbte die Kiefernstämme, -daß sic gleich schuppigen, bronzenen Panzern leuchteten, und die Luft strich, frischen Erdgeruch mit sich führend, durch das steife, schilfige Gras an den Wasserlachen, in denen sich der Himmel und die leuchtend grünen Kicfernäste spiegelten. Wiesen breiteten sich aus, die im Silberschmuck des Morgen- laues schimmerten, die W-aldamseln flöteten und hoch in den Lüsten klang der helle scharfe Schrei eines schwebenden Raub­vogels. Fra Tiavolo schnob und streckte die kraftvollen Glieder im schlanken Jngdgal-opp und Loyse» fühlte sich stark und mutig Md dachte an nichts als an fein Pferd und seine» Weg, bis irgend ein geringfügiger Nebengedanke plötzlich all jene Nacht­vögel ausflattern ließ, die er feit Jahren aus den Grund seiner Seele gebannt hatte. Auch dann war er anfangs »och ganz trotzige Abwehr: Es ist ja alles Unsinn, Hirngespinst, sagte er sich,, ein jämmerlicher Wicht,. der nicht einen bösen Zufall, ein widrig Geschick unter sich zwingt und die Fran, die er sich erkoren hat, doch heimführt! Und dann begann schon dies qualvolle Durchdenken des Ganzen, womit er sich z» Klarheit und Ber- inuuft emiporarbeiten wollte, unb was nur immer zu einem Kamps führte, darinnen sich seine Seele zerarbeitete. Dann ritt er nach Hause, erbittert und erschöcht, und suchte ein neues Heilmittel seinerGeisteskrankheit", wie er es nannte, in gewissen­hafter Tiensterfiilluttg. Da hatten freilich keine anderen Bor- stellungen Raum- und er atmete wieder auf, bis sich nach Be­endigung der Arbeit hie Depression wieder einstellte.

Ter Oberst fragte ihn einmal freundlich, was ihm fehle, er sehe feit einiger Zeit nicht so gut ans, wie sonst.

Loysen versuchte zu scherzen: Einem Soldaten fehlt nie etwas, Herr Oberst! Aber dann gab er zu, daß er an Schlaf­losigkeit leide.

Run kam Tante Kvmmandöschen an mit vielen guten Ratschlägen und erschöpfte sich in Liebenswürdigkeit. Sie nötigte ihm ein Mittel auf und wirklich schlief er in dieser Rächt aber mit dem Schlaf kamen Träume, denen fein Geist wehrlos gegenüber stand. Tas Gesicht des Pastors tauchte vor ihm auf, kummervoll und bleich, die schwarze Gestalt wuchs ins Unendliche und hielt die segnenden Hände über ihm-, und er sank vor ihm nieder, von einer ungeheuren Last erdrückt, und je tröstlicher die segnenden Worte klangen, desto .schwerer ward die Last. Dann stand er wieder unter einem dunklen Himmel in öder, verlassener Gegend, dem Kandidaten gegenüber, die Pistolen erhoben die Schüsse krachten und er sah sein Gegenüber blutend zufarnmen- stürzen so fällt, wer nie wieder aufsteht. Er hatte ihn getötet. Er hatteGenugtuung geben wollen" und hatte dem Vater den einzigen Sohn gemordet. Und wieder stieg diese schattenhafte Priestergestalt vor ihm auf, und er wollte das Gesicht nicht sehen und rang mit verzweifelter Kraft gegen Schlaf und Traum, bis beides zerrann und er, schwer atmend, mit heftig klopfendem Herzen erwachte und aufsprang.

Wenn das noch lange so dauert, werde ich verrückt, dachte er, das wäre schließlich das Allervernünstigste, was ich tun könnte.

Um nicht wieder einzuschlafen, zündete er Licht nn, nahm ein Buch und begann zu lesen. Aber das ging nicht. Er stand noch zu sehr unter dem Einfluß des Traumes. Eine unsägliche Sehnsucht erfaßte ihn, an Wilhelm zu schreiben, sich mal all das vom Herzen zu schreiben, was ihn quälte. Dabei muß ihm doch selber leicht werden, und er lernt cs einsehen, daß er ja im Grunde unschuldig ist aber Wilhelm, der sah die Tinge so auf seine Weise an, der konnte ihn hier doch nicht verstehen. Tann flüsterte wieder die innere Stimme: Es ist ja weder Wilhelms Urteil was du fürchtest, noch alles, was sich dir sonst hindernd in den Weg stellt, sondern deine eigene Hand ist es, weil sie es sein wird, die dein Leben in Stücke schlägt ...

So ging es hin mit ihm, Woche auf Woche, und endlich kam die Manöverzeit. Er atmete aus. Tas war's, was ihm Heilung bringen wird. Tie. Vorbereitungen nahmen ihn ganz in Anspruch, er schlief wieder gut und seine Träume waren eine lange Reihe von Kriegsbildern, deren Held er war.

So kam der Abend vor dem Ausrücken. Pferde und Mann­schaften waren in Bereitschaft, Loysen hatte Grund, nnzuuehme», daß seine Schwadron sich auszeichnen werde. Er saß in seinem Zimmer, während der Bursche seinen Kvsscr packte nnd dann nach dem- Gepäckwagen trug. Einmal allein, sing er an,^in feinen Schiebfächern Ordnung zu machen und namentlich den Schreibtisch duvchzusehcn. Morgen früh händigt er, wie jedes Mal, der guten Fran Ktansewald den Schlüssel seiner Wohnung ein.

(Fortsetzung solgt.)

£oiü$ piftor.

(Originalbeitrag derGieß. Fam.-Blätler")

In tat Schriften, die zur dritten Jahrhundertfeier der Gie­ßener Universität erschienen, wurde selbstverständlich auch das Studentenleben der Vergangenheit" berücksichtigt. Eines Mnsen- lohneS alten Schlags wird darin nicht gedacht, 6er s. Zt. viel von sich reden machte und von dem heute noch weil er ein Original war in Gießen, Darmstadt und anderswo gesprochen wird. Ich meine den stud. jur. Louis Pi stör, den sein Freund Reinhard v. Dalwigk, der spätere Hess. Staatsminister,^poetisch verherrlicht hat. Pistor lvar ein Darmstädter Kind; seine Familie hatte Beziehungen zum Grvßherzoglichen Hose, daher kam eS, daß er und Dalwigk näher mit zwei hessischen Prinzen bekannt wurden, die gleichzeitig mit ihnen die Universität Heidelberg besuchten.

Hier entwickelte sich bald ein lustiges Studenteuleben: es it-urbe rommersiert, gepaukt, Ulk getrieben und viel Geld ver­pulvert. Tas Studium war Nebensache. Pistor war sehr frei­gebig: er pumipte tat Freunden seinen letzten Groschen. Auf einer Fußtour von Darmstadt nach Heidelberg verjubelte er mit einem Freunde feinen Wechsel von 260 Gulden, eine für dte damalige Zeit zu Anfang der zwanziger Jahre. bedeutende Summe. Stolz wie ein König war Pistor, wenn er seine Komun- litoncn untern Tisch trinken konnte.

Auf Drängen seiner Angehörigen verließ Pistor Heidelberg und bezog die Landesuniversität Gießen, wo er seine Studien beendigen und das Faknltätsexamen ablegen sollte. Eine statt­liche Anzahl von Semestern verstrich, bis er sich endlich dazu ent­schloß. Bon einem sog.Einpauker" vorbereitet, mitSpickern wohl versehen und vom Glück begünstigt, brachte es Pistor soweit, daß er zummündlichen" Examen zngelassen wurde. , Dieses Mündliche" schildert Dalwigk in ergötzlicher Weise poetisch, "t der-Form von KortümsJobsiade". Dalwigk nannte sein Poem